01.06.2015

Mit Rückenwind ins Einmannzelt

Von: Jan Thieme

Unser Leser Jan Thieme las in RadCity 1/2015 den Bericht über eine Jütland-Radreise. Hier berichtet er uns von seiner neuntägigen Dänemarkreise Anfang Juli 2014. Sechs von neun Nächten schlief der 60-jährige Autor »gut und fest« in seinem tischhohen Einmannzelt.

Tag1: 118 km. Von Barmbek über Bargteheide, Bad Oldesloe und Pariner Berg mit Blick auf die Türme von Lübeck. In Scharbeutz an die Ostsee (Wolkenbruch) und bis Grömitz an der See entlang, dort Hotel.

Tag 2: 103 km. Bei Gegenwind über die Fehmarnsundbrücke, toller Ausblick. Fähre Puttgarden-Rødbyhavn sehr voll. Auf dänischer Seite plötzlich Sonnenschein und auf dem weitgehend flachen Lolland mit Rückenwind noch bis Campingplatz Nysted (Schloss Aalholm).

Tag 3: 80 km. Auf Lolland in westlicher Richtung bei Sonnenschein gegen den Wind gekämpft. Überall Herrensitze und Schlösser, vielfach privat und nur beschränkter Zugang. Im Gegensatz zu unserer Monokultur an Mais und Raps vielfältigere Fruchtarten: Weizen, Roggen, Hafer, Rüben, Kartoffeln, sogar auch Brache mit Durchwuchs des Vorjahres. Welch ein landwirtschaftlicher Reichtum! Abends Campingplatz Nakskov am Westende von Lolland.

Tag 4: 63 km. Mit der Fähre von Taars/Lolland nach Spodsbjerg/Langeland. Dann über drei Brücken und Insel Tåsinge (Valdemars Slot) nach Fünen. Gigantischer Blick von der Hochbrücke runter auf Svendborg/Fünen. Wohl der schönste Teil der Reise, auch wenn ich an meinem Schneckenhaus auf dem Gepäckträger schwer zu treten hatte. Wohl nicht ohne Grund hat dieses Märchenland Hans-Christian Andersen hervorgebracht: Schlösser, lauschige Dörfer mit niedrigen, blumenbewachsenen und bunten Häusern sowie die typischen, Geborgenheit vermittelnden viereckigen Hofanlagen. Camping in Ballen westlich Rantzausminde, einsamer Platz am Hang mit freiem Blick aufs Meer und vorgelagerte Inseln.

Tag 5: 71 km. Wegen der sichtbar abnehmenden Tageskilometerleistungen nahm ich nicht den Weg quer durch Fünen, sondern die kürzere Strecke an der Westküste der Insel über Faaborg bis Assens. Auch die kleinen Städte überschaubar und einladend, im Grunde groß gewordene Dörfer. Fünen ist deutlich hügeliger und waldiger als Lolland, insgesamt landschaftlich reizvoll. Der landwirtschaftliche Reichtum des Landes setzt sich gastronomisch nicht um. Meine Versuche mit Pizza, Spaghetti, Kyllinge Nuggets oder Pölser gehorchten der Not geringer Angebotsdichte. Was die Dänen neben Bier gut können, sind Erdbeeren, die überall am Wegesrand privat angeboten werden und so aromatisch schmecken, wie ich sie als Kind aus dem Garten kenne. Übernachtung auf Campingplatz Assens neben dem großen Yachthafen, bei 15 Grad und Wind gefroren.

Tag 6: 47 km. »Ruhetag«. Die Nordwestecke von Fünen abgeschnitten und doch noch ans Nordufer mit Steilküste. Auf dem Campingplatz Baaling schon nachmittags Feierabend gemacht. Vom Zelt aus herrlicher Blick bis nach Jütland. Unten Sandstrand, allerdings mit Kieselsteinen an der Wasserkante. Gegen 22.30 Uhr bei beginnendem Regen ins Zelt verkrochen, trocken geblieben und Zelt morgens bei Sonnenschein trocken verpackt.

Tag 7: 46 km. Am kleinen Belt entlang, durch Middelfart und dann auf einer der beiden Hochbrücken über den Belt. Wieder spektakuläre Aussichten in alle Richtungen. Auf jütländischer Seite dann durch Fredericia mit der größten skandinavischen noch intakten Wallanlage mit Schanzen. Schließlich noch ein paar Kilometer weiter bis nach Høl am Eingang des Rands Fjords. In Høl hat ein Jugendfreund ein einfaches, kleines Ferienhaus aus Holz. Das Grundstück ist gepachtet, da Deutsche im EU-Land Dänemark kein Land erwerben dürfen, aber das Haus darauf gehört ihm.

Tag 8: 91 km. Vom nördlichen Wendepunkt meiner Tour in Høl ging es Richtung Süden nach Kolding (mittelalterliche Burg Koldinghus) und dann weiter ins Landesinnere zum alten Heerweg (auch: Ochsenweg). Ich hatte sehr brauchbare Karten und Routenführer des Dansk Cyklist Forbund dabei und meine Route setzte sich großteils aus Abschnitten verschiedener darin empfohlener Routen zusammen. Hier auf Jütland verfuhr ich mich allerdings ein paar Mal, weil die Beschilderung nicht überall konsequent war. Auffällig wechselte der Charakter der dörflichen Bebauung nach Überqueren der alten nordschleswigschen Grenze; die älteren Häuser sahen jetzt so aus wie in unserer schleswig-holsteinischen Heimat. In Vedsted südlich von Vojens übernachtete ich in einem Landgasthof.

Tag 9: 123 km. Gleich hinter Vedsted am Ochsenweg liegen die 4.200 Jahre alten und über 100 m langen Langdolmen (Gräber). Die ganze Gegend ist voll von Zeugnissen aus alter Zeit. Dann vom Heerweg ab, der nur noch Schotterweg mit höherem Rollwiderstand wird, zum Aabenraa-Fjord hinunter. Von Aabenraa die nicht so reizvolle, aber gerade Schnellstraße bis Kruså, um heute einfach nur Strecke zu machen. Flensburg gehört sicherlich zu den am schönsten gelegenen norddeutschen Städten, herrlicher Blick von Wassersleben hinüber auf die repräsentative Marinekaserne nach Mürwik. Dann südwärts durch Angeln über Langballig und Böklund bis nach Missunde an der Schlei, wo der nächste Campingplatz lag.

Tag 10: 141 km. Bei Missunde ist die schmalste Stelle der Schlei. Morgens früh schon um 8.00 Uhr (sonst bin ich im Schnitt zwei Stunden später losgekommen, musste ja immer erst die Zeltausrüstung verpacken) mit der Fähre über die Schlei, dann bei Sehestedt mit der Fähre über den Kanal und in die Hüttener Berge. Weiter durch Neumünster, über Boostedt, Hartenholm, Nahe und die Segeberger Chaussee nach Hause, wo ich um 23.00 Uhr schwitzend, graubärtig und sonnengerötet ankam.

Mit insgesamt 883 km und 10 Tagen war dies meine längste Reise ihrer Art. Vor zehn Jahren in Masuren waren es nach meiner Erinnerung 700 km in 7 Tagen. Trotz des geringeren Tageskilometerdurchschnitts bin ich angesichts meines Alters von 60 Jahren ganz zufrieden damit. Ob ich mich nicht einsam fühlte, so allein, bin ich später mehrfach gefragt worden. Nein, es war hoch entspannend, mir hat nichts und niemand gefehlt. Ich habe auch keine Selbstgespräche geführt oder exzessiv gesungen (ein wenig schon).

Es tritt ja keine Leere auf, der Geist ist durch die ständig wechselnden Bilder während der Fahrt immer angeregt – und wegen des langsamen Tempos so, dass er die wechselnden Eindrücke auch aufnehmen kann. Abends setzt dann nach der körperlichen Anstrengung eine angenehme Trägheit ein. Und ich habe mich auch an mein tischhohes 1-Mann-Zelt gewöhnt. In dem habe ich sechs der neun Nächte geschlafen. Mein Gewicht hat sich weder erhöht noch verringert; ich bin völlig im Gleichgewicht geblieben.

Jan Thieme in RadCity 3/2015