30.11.2015

So viele freundliche Menschen

Von: Amrey Depenau

In 23 Tagen von Hamburg nach Lissabon

Die schönen Tage in Lissabon musste Martin Borek am Ende seiner Reise alleine verbringen. Ursprünglich hatte seine Frau zu ihm hinunter fliegen wollen und sie hatten geplant, die Hauptstadt Portugals gemeinsam zu erkunden. Doch statt der veranschlagten 30 Tage plus x hatte der Unternehmensberater die 3000 Kilometer in sage und schreibe 23 Tagen hinter sich gebracht – und so früh konnte seine Frau keinen Urlaub bekommen.

Martin Borek auf seinem Fahrrad
Interview bei Kürbispizza
Niederlande: Extrem gute Strecken, hier ein Radweg entlang eines kleinen Flusses
Frankreich: Montdisier; es wird hügelig
Spanien: Morgenstimmung in den Pyrenäen
Lissabons berühmter Fahrstuhl Elevador de Santa Justa verbindet seit 1902 die Stadtteile Baixa (Unterstadt) mit Chiado und Bairro Alto (Oberstadt). Erbaut wurde er von Gustave Eiffels Schüler Raoul Mesnier de Ponsard. In jede der beiden Kabinen passen 24 Personen.
Selbstporträt am Ziel

Nun, rund vier Wochen nach Martins Rückkehr sitzen wir im Altonaer Eisenstein bei herbstlicher Kürbispizza und Salat und halten Rückschau auf den Europatrip.

RadCity: Im Durchschnitt ca. 150 Kilometer pro Fahrtag, das hat ja schon fast Tour de France-Niveau. Wie hast du das durchgehalten?

Martin Borek: Ich hatte mir vorgenommen, jeden Tag um sieben Uhr aufzustehen und um acht loszufahren. Nachmittags ab 18 Uhr wollte ich die Suche nach der Unterkunft beginnen, um 20 Uhr eingecheckt haben und um 22 Uhr schlafen. Das habe ich tatsächlich bis auf wenige Ausnahmen durchgehalten. Der regelmäßige Tagesablauf hat sehr geholfen. Mein Körper bekam eine Routine und war jeden Tag wieder bereit, in die Pedale zu treten.

Dabei hattest du ja durchaus mit kleinen Zipperlein zu kämpfen …

Die unangenehmste Sache war tatsächlich eine Achillessehnenreizung. Für die ich dann anderthalb Tage in Biarritz pausiert habe. Immerhin war es dort so wunderschön, dass ich schnell weiterreisen musste, um nicht "kleben" zu bleiben. Und der Körper war natürlich ohnehin ständig präsent. Bei einer solchen Anstrengung ziept es immer mal irgendwo, beispielsweise bis die richtige Fußstellung für die Knie gefunden ist. Aber einen richtigen Einbruch hatte ich kein einziges Mal.

Beeindruckend. Wie hast du es mit Speis und Trank gehalten?

Während der Etappen hatte ich nachher raus, wann ich kleine Snackpausen machen musste. Richtiges Essen vermied ich tagsüber konsequent, danach sind die Beine schwer. Nach der Ankunft in der Unterkunft habe ich dann aber immer sehr ausgiebig gegessen. Das waren tolle Erfahrungen. Mehr als einmal bin ich privat eingeladen worden oder durfte am Familienessen der Gastgeber teilnehmen.

Du bist neben Deutschland durch fünf europäische Länder gefahren. Was war jeweils das Spezielle?

Gemeinsam war allen Ländern erst einmal die Freundlichkeit und das Interesse der Menschen - aber leider auch der permanente Gegenwind, der mich zwischendurch so richtig genervt hat. In Holland war ich verblüfft davon, wie viele Leute dort mittlerweile E-Bikes haben. Die fahren dir einfach davon. Das war manchmal ein wenig frustrierend. In Deutschland und Holland sind mir die vielen Reitpferde aufgefallen. In Belgien dominierten dann eher Hunde. Frankreich war wohl der schönste Abschnitt der Reise. Dort musste ich meine Navigationssoftware wechseln, damit mir Radwege angezeigt wurden, die diesen Namen verdienten, aber dann war es wirklich wunderbar. Besonders in den südlichen Regionen. 

Nach dem idyllischen Frankreich wartete eine Herausforderung.

Ja, Nordspanien begann mit den Pyrenäen bergig und grün, doch dann musste ich mich durch Castilla y León kämpfen: Verdorrtes Gelb, soweit das Auge reichte. Mein Hauptthema dort war Wasser. Während ich bis Frankreich immer drei Liter dabei hatte und auf die Suche nach Nachschub bei einem Liter ging, fühlte ich mich ab Burgos mit viereinhalb Litern sicherer und kümmerte mich ab drei Litern um Nachschub. Es kam vor, dass ich mehrere Stunden keinerlei „Quelle“ fand. Salamanca, das ja damals der Auslöser für meine Reiseidee gewesen war, ist übrigens schön - aber weniger spektakulär, als gedacht. Zuletzt bin ich dann durch Portugal gefahren. Dort hatte ich zum ersten Mal Probleme mit der Sprache. Es gab Dörfer, in denen ich mit Englisch gar nicht weiterkam. Und Spanisch half dort definitiv auch nicht weiter, sodass ich mich teils mit Händen und Füßen verständigen musste. Aber zum Schluss wollte ich eh nur noch möglichst schnell in Lissabon ankommen.

Welche Einsichten haben sich für dich denn nun aus dieser Tour de Force ergeben?

Ich hatte ja gedacht, dass sich auf einer so langen Strecke hin und wieder Zeit ergeben würde, um auf dem Rad ein wenig die Seele baumeln zu lassen. Tatsächlich war ich aber quasi rund um die Uhr mit meinem Körper und der Umgebung beschäftigt. Das lag unter anderem am schon erwähnten Gegenwind. Andere Gründe sind auch schon genannt worden: Wassersuche, holprige Wege, kleinere Beschwerden. Zuerst hatte ich mit der Idee gespielt, von unterwegs zu bloggen. Das wäre aber schon zeitlich überhaupt nicht gegangen. Die fahrfreie Zeit abends ist mit Essen, Wäsche waschen und Telefonaten mit meiner Frau definitiv besser verwendet. Da blieb kaum Zeit für Reflexion. 

Die kommt jetzt allerdings nach und nach. Fast täglich steigen schöne Erinnerungen vor meinem geistigen Auge hoch: Landschaften, Gerüche, Erlebnisse, die Freundlichkeit der Menschen. Eine tolle Erfahrung, die mich wirklich glücklich macht.

Herzlichen Dank, dass wir an dieser schönen Reise teilhaben durften.

Gerne.

Interview: Amrey Depenau in RadCity 6/2015

Routeninfo und Track

Den ersten Teil der Tour hat Martin Borek mit naviki.org geplant: »Bis Südbelgien sind das gute, direkte Strecken, ab Nordfrankreich führt die Route über Kopfsteinpflaster und Matschwege. Also bitte ab dort unbedingt ein anderes Tool zur Planung verwenden.« Track (gpx) downloaden

Ab Denain (Nordfrankreich) ist Borek dann nach kurzfristig mit Pocket Earth errechneten Routen gefahren, meist auf ruhigen, schönen Landstraßen.

  • Frankreich: Cambrai, Beauvais, Gisors, Bretoncelles, Le Mans, Saumur, Parthenay, Cognac, Bourg, Bordeaux, Moustey, Biarritz.
  • Spanien: Azkoita, Bergara, Vitoria Gasteiz, Miranda, Burgos, Valladolid, Salamanca, Cuidad Rodrigo, Valverde de Fresno, 
  • Portugal: Penamacor, Castelo Branco, Abrantes, Azambuja, Lissabon.

Einstellung: Fähren vermeiden, ungeteerte Wege vermeiden, bergauf und bergab vermeiden.