10.02.2010

Sri Lanka – zwischen Magie und Desaster

Von: Daniel Holler

Das Flugzeug aus Esfahan landet morgens um zwei Uhr. Sicherheitspersonal steht in Gruppen beieinander, die kurzläufigen automatischen Waffen griffbereit.  Über dem Ausgang warnt ein Schild in großen Lettern bei Todesstrafe vor Drogenbesitz.

Die Insel, 31 km vor der Südspitze Indiens im Indischen Ozean gelegen, heißt seit 1972 Sri Lanka. Jahrhundertelang war sie nacheinander unter portugiesischer, holländischer und britischer Fremdherrschaft.

Colombo

Allein auf einer fremden Insel, in einer fremden Stadt, ohne weitere Informationen, verbringe ich die erste Nacht in der Wartehalle des Flughafens von Colombo. Eingezwängt zwischen wartenden Singhalesen und Tamilen, die interessiert und neugierig schauen, jedoch noch auf Distanz bleiben. An Schlaf ist nicht zu denken, dafür ist es zu warm, zu laut, zu chaotisch. Ich bemerke die unterschiedlichen Kleidungsstile der Buddhisten, Hindus, Moslems und Christen.

Der nächste Morgen beginnt mit einer aufregenden Taxifahrt in Colombos Stadtteil Fort. Dort möchte ich ein paar Tage verbringen, um ein Gefühl für Land und Leute zu bekommen, mir eine mögliche Route zu überlegen und Ideen zu sammeln. Schon auf dieser Fahrt fallen die ersten Straßensperren auf, die ersten Kontrollpunkte, stark bewacht und gesichert, in kurzen Abständen positioniert.

Wie ich später erfahre, hat das Auswärtige Amt eine Reisewarnung herausgegeben, mit der Anmerkung: Befehlen des Sicherheitspersonals ist in jedem Fall Folge zu leisten.

Unbeeindruckt steuert der Taxifahrer durch ein eigentlich unüberwindbar wirkendes Verkehrschaos, vorbei an Tempeln, an Gebetsplätzen, an Märk­ten mit lautstark Waren anpreisenden Frauen, spielenden Kindern, knatternden Mofas, Tuktuks, röhrenden Bussen und Kühen, die gemütlich durch den Straßenverkehr spazieren.

Die hier überall erhältlichen Variationen von Reis und Curry sind höllisch scharf, schweißtreibend und sättigend. Ich lerne, mich gegen aufdringliche Taxifahrer, Geldwechsler, Touristenführer, CD-Verkäufer und bettelnde Kinder zur Wehr zu setzen. Mit dem Fahrrad durch den Linksverkehr zu fahren, klappt bald recht gut.

Angst vor Anschlägen

Auf meinen Erkundungstouren durch die Hauptstadt gerate ich immer wieder an abgesperrte Gebäudekomplexe und Straßenzüge – auf Nachfragen stellt sich heraus: »hier ist etwas Offizielles«, was so viel bedeutet wie: ein Gebäude der öffentlichen Verwaltung. Die Angst vor Angriffen der LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelma) ist spürbar. In der Vergangenheit gab es immer wieder Anschläge in der Hauptstadt. Die Warnung des Auswärtigen Amtes mag ihre Berechtigung haben – aber jetzt ist es zu spät, nun bin ich schon einmal hier.

Nach ein paar wunderbaren Radeltagen bergauf, von lärmendem Verkehr umgeben, komme ich in Kandy an. Eine famose Stadt, in welcher in Kürze das Kandy Esala Perahera, das Festival des heiligen Zahns Buddhas, stattfinden soll. Das Zimmer ist im Voraus gebucht, da eine hohe Auslastung zu erwarten ist.

Das Festival hat noch nicht begonnen, jedoch hat schon eine pulsierende Stimmung die Stadt erfasst. Jeden Abend wird eine Prozession von Trommlern, Tänzern, Musikern, Maskierten und geschmückten Elefanten durch die Straßen ziehen. Jede Nacht wird der Zug sich verlängern, bis am letzten Abend die Prozession praktisch die ganze Nacht benötigen wird. Menschenmassen reisen hierfür aus der gesamten buddhistischen Welt an. Die vormals schon volle Stadt wirkt nun total überfüllt. Auch hier gibt es enor­me, anscheinend berechtigte Sicherheitsvorkehrungen. Im Nachbargebäude meiner Unterkunft war wohl eine 2-kg-Bombe gelagert. Deshalb wird mein Zimmer zweimal komplett durchsucht, einmal morgens um 3 Uhr. Die Gefahr scheint greifbar zu sein. Ich verlasse die Stadt auf dem schnellsten Weg mit dem Fahrrad gen Norden.

Reiche Kultur

Weiter bringt mich mein Rad an historisch und landschaftlich sehenswerte Plätze des Landes. So besichtige ich die unzähligen Höhlenbuddhas in den Felsentempeln von Dambulla. Der Sigiriya , ein gewaltiger Monolith mit his­torischer Festung gehört zum Weltkulturerbe. In der ehemaligen Königsstadt Polonnaruwa sind die Überreste einer historischen Stadt mit ihren Tempelanlagen und Statuen zu bestaunen. Und natürlich Nuwara Eliya, das im zentralen Hochland inmitten von Teeplantagen liegt und auch »Little England« genannt wird. Nuwara Eliya liegt auf 1900 m und ist eine Wohltat nach der feuchten Hitze des Tieflands: kühle Tage, kalte Nächte, Regen, wie in England.

Am »Tsunami-Strand«

Die kühlen Tage im Hochland tun mir gut. Doch dann zieht es mich in die Wärme zurück an die Küste. Womit ich nicht rechne: Das führt mich direkt an den »Tsunami-Strand«. Wunderbare Sandstrände, Palmen, Schildkröten und – immer wieder – zerstörte Häuser, hier eine Hauswand, dort eine halbe Küche, hier ein zerbrochenes Fischerboot. Auch etwa drei Jahre nach der Katastrophe sind die Spuren der tödlichen Flutwelle an diesem Strand noch greifbar. Ein kleines Museum zeigt Überreste, Erinnerungsstücke an die ehemaligen Bewohner: einen Schuh, einen Ring, einen Kochtopf, Fotos. Schicksale werden greifbar durch Vermisstenanzeigen in zittriger Handschrift.

Ein junger Mann lädt in seinen Bretterverschlag ein. Nach einer Tasse Tee fängt er an zu erzählen: An exakt der gleichen Stelle stand bis zum 26. Dezember 2004 ein Haus aus Stein, er wohnte hier mit Vater, Mutter und Bruder. An diesem Sonntag wollte er mit seinem Vater zum Fischen hinausfahren. Doch dazu kam es nicht mehr. Die gigantische Welle riss sie alle ins Meer. Er war der einzige, der lebend wieder ans Ufer geworfen wurde. In Sri Lanka verloren an diesem Tag ca 35.000 Menschen ihr Leben. Ganze Küstenorte verschwanden.

Nachdenklich verlasse ich diese netten Leute. Plötzlich wird eine neue Tsunamiwarnung ausgerufen. In zwei Stunden soll die Welle da sein. Die Polizei rät, sich mindestens einen Kilometer ins Landesinnere zurückzuziehen. Frauen und Kinder auf der Flucht, bepackt mit den notwendigsten Dingen. Die Männer lassen sich nicht aus der Ruhe bringen: »Uns hat der Tsunami 2004 nicht er­wischt, warum soll dies nun anders sein? Und wenn es ganz schlimm kommt, klettern wir aufs Dach.« Ich eile den Frauen und Kindern nach. Die Männer hinter mir lachen mich aus.

Vielerorts wurden neue Hütten am Strand mit internationalen Spendengeldern gebaut. Sie geben den Menschen wieder Mut, ein neues Leben. Kinder spielen mit Spielsachen aus Japan; Mütter kochen mit Töpfen aus Europa; Väter fischen in Fischerbooten aus den Vereinigten Staaten. Es bleibt zu hoffen, dass die internationalen Initiativen weitergehen und den Menschen auf Sri Lanka eine langfristige Perspektive bieten. Jeder von uns kann dazu beitragen.

Daniel Holler in RadCity 1/2010

Der Strand an der Suedkueste
Blick von einer Hochebene
Am Strand erinnern unzählige Ruinen an den Tsunami Ende 2004.
Höhlenbuddhas in den Felsentempeln von Dambulla
Der Autor an der Südküste nahe der Stadt Galle
Matara – die größte Buddhastatue Sri Lankas