29.03.2013

Tour de Natur

Von: Susanne Timm

Endlich geht es los! Etwas ungewohnt tritt sich das voll beladene Tandem auf dem Weg zum Hamburger Hauptbahnhof. Auf dem Bahnsteig erblicke ich bekannte Gesichter. Schließlich fahren wir zu acht im vollen Metronom zum Start der »Tour de Natur 2012«.

Übernachtungsplatz auf der Tour de Natur 2012

Im Zug wandern meine Gedanken zur Tour 2011 von Hamburg nach Berlin. Durch einen Unfall hätte ich fast nicht mitfahren können! Als Mitorganisatorin musste (und wollte) ich jedoch unbedingt dabei sein. Zum Glück hat mein Freund Nicolai noch rechtzeitig ein Stufentandem besorgt, das Pino von Hasebike. Als Vorderfrau konnte ich mein geschientes Knie einfach auf die Pedalen ablegen, die Krücken unterm Sitz verstaut. Nicolai hatte ordentlich zu treten, doch bei jeder Steigung haben zwei fitte Mitradler links und rechts unterstützt. Jetzt 2012 ist das Knie gesund und das Tandemfahren macht noch mehr Spaß!

Der Metronom erreicht verspätet Uelzen und die Zeit drängt. Vor uns quälen sich Hunderte Reisende mit Gepäck die engen, Hundertwasser-bunten Treppen hinab. Zu zweit schleppen wir das rund 80 Kilo schwere Gefährt die Stufen runter und wieder hinauf. Hinterher staune ich, wie wir das nur geschafft haben!

In Halle werden Radfahrer nicht auf Rosen gebettet

In Halle schwingen wir uns in den Sattel. Die Saalestadt bettet ihre Radfahrer nicht gerade auf Rosen: Wir holpern über DDR-Radwege und stehen uns an Bettelampeln die Beine in den Bauch, während neben uns die Autos vorbeirauschen. Ein ortskundiges älteres Ehepaar geleitet uns spontan über ruhige Schleichwege durch die halbe Stadt.

Am Quartier tauchen wir sofort in die Tour-Atmosphäre ein: Auf der Wiese und unter den Bäumen werden Zelte aufgebaut und am Eingang der Turnhalle herrscht ein großes Gewusel. Ich sehe bekannte, aber auch neue Gesichter. Unzählige Räder zeigen die ganze Vielfalt: Schlichte Alltagsräder neben aufwändigen Tourenrädern, Liegerädern und Anhängern aller Couleur. Vor dem Gebäude schnippelt die mobile Küche Gemüse fürs Abendessen. Kaum steht unser Zelt, ist es auch schon Zeit für das erste leckere Essen. Wir bleiben noch lange draußen in angeregte Gespräche vertieft. Dann greift jemand zur Gitarre und wir lassen den Abend mit Musik ausklingen.

Mehr als 100 Radler am Start

Am nächsten Morgen herrscht geschäftiges Durcheinander. Doch pünktlich sind alle - mehr als 100 Menschen! - mit ihren Rädern am Start. Zwei Wochen und gut 600 km führt die Tour bis nach Greifswald.

In Halle geht es um die Autobahn A143. Seit 20 Jahren wehren sich Anwohner und Naturschützer gegen die geplante Querung des Saaletals. Dieses Straßenprojekt steht für eine Verkehrspolitik, die nur das Auto als einzig wahres Verkehrsmittel sieht. Den Menschen wird eine enorme Verkehrsentlastung versprochen, obwohl der Autostau in Halle größtenteils hausgemacht ist.

Laut und bunt radeln wir durch die Altstadt und zeigen, dass es auch ohne Auto geht. Bei der Kundgebung auf dem Marktplatz diskutieren wir mit Politikern und Aktiven der Bürgerinitiative Saaletal. 15 km weiter in Schiepzig an der geplanten Trasse reißt die Tour de Natur in einer symbolischen Aktion die Autobahn ein.

Zwischen Saale, Havel und Oder

Weiter radeln wir die Saale entlang, besuchen das Elbe-Saale-Camp und fahren gen Norden durch die sommerlich beschwingenden Hügel des Fläming. Es geht an Seen vorbei ins Häusermeer der Hauptstadt. Nördlich schließt sich die Uckermark an: Wälder, Wiesen, kleine Dörfer. Und endlose Maisfelder, die alles andere verdrängen.

Verkehrs- und energiepolitischer Unfug gibt es an vielen Stellen entlang der Tourstrecke zu sehen, ob unsinniger Elbe-Saale-Kanal oder stillgelegte Bahngleise, wo vor einigen Jahren noch ICEs nach Berlin fuhren. Oder eben der Biogasboom, der überall Maismonokulturen entstehen lässt, die reichlich gedüngt und gespritzt das Wasser vergiften.

Doch viele Projekte stimmen uns hoffnungsvoll: Ein Tauschladen in einem märkischen Dorf. Ein Garten, in dem sich die Natur entfalten darf. Menschen, die sich gegen eine Umgehungsstraße und für die Schönheit ihrer Stadt einsetzen. Und aus deren Mitte auch eine ADFC-Ortsgruppe entstanden ist.

Tourhighlights!

Ein besonderer Abend erwartet uns in Berlin - das Konzert unseres Schirmherren Heinz Ratz. Mitreißende Lieder mit bissigen Texten. Er erzählt uns, wie er mit Musikern, die als Flüchtlinge in Deutschland leben, eine Band gegründet hat. Und welche Hürden es zu überwinden gab. Leider kann er nicht mitradeln, da einem seiner Musiker die Abschiebung droht.

Die Stadthalle Eberswalde ist gut gefüllt. Viele Tourteilnehmer und zahlreiche Einheimische und Studenten warten gespannt auf die Podiumsdiskussion zur Energiewende. In den folgenden zweieinhalb Stunden setzen sich Akteure aus der Region intensiv damit auseinander: Von den Chancen für Wind- und Solarenergie bis zu konkreten Ideen für den Öffentlichen Nahverkehr.

Aller Abschied ist schwer

Am Tag darauf geht es für Nicolai und mich per Zug weiter, da wir zu zweit noch durch Südschweden radeln möchten. Deshalb heißt es Abschied nehmen von der Tour, mit Geklingel und Klängen des irischen Liedes "Möge die Straße" und ein paar verdrückten Tränen. Vor den anderen Tourteilnehmern liegen noch einige abwechslungsreiche Tage bis zum Ziel Greifswald. Doch in 2013 Jahr möchten wir auf jeden Fall wieder dabei sein!

Susanne Timm in RadCity 2/2013

Stuttgart – Marburg, 27. Juli – 10. August 2013

Tour de Natur 2013

1991 als Demoradtour gegen den Bau der Thüringer-Wald-Autobahn entstanden, findet sie seitdem jeden Sommer statt, 2013 zum 23. Mal. Die Tour de Natur setzt sich für eine bessere Verkehrspolitik ein und nimmt je nach Region weitere Themen auf: Energiewende, Friedenspolitik, ökologische Landwirtschaft, sanfter Tourismus. Wichtig ist die Vernetzung mit Umweltgruppen und Bürgerinitiativen. Die zweiwöchige Radtour wird von einem ehrenamtlichen Team organisiert.

Tour 2013: Eine Radtour mit 100 bis 120 Radlern jeden Alters und aus ganz Deutschland. Etappen von 40 bis 55 km. Alltagsfitness genügt und auch Kinder und ältere Menschen kommen gut mit. Übernachtung in Turnhallen oder im eigenen Zelt. Die mobile Küche sorgt für leckere vegane Vollverpflegung. Beitrag für Tour und Verpflegung nach Selbsteinschätzung (pro Tag und Nase 10,50 Euro bis 24 Euro, Kinder 5,50 Euro). Mitradeln auch gern spontan und einzelne Etappen. Weitere Infos unter Tel. 05602-5631 oder www.tourdenatur.net.

Anreise: Nach Stuttgart fahren ICs direkt in 7,5 h, über die wunderschöne Rheinstrecke. Von Marburg nur rund 3,5 h im IC. Zwischeneinsteiger landen z.B. in Frankfurt per IC in 4,5 h. Fahrradplätze im IC möglichst früh reservieren!