02.08.2009

Transsilvanien

Von: Anne-Karin Tampke

Kirchenburgen aus dem 13. Jahrhundert warten auf den Besucher, Begegnungen mit herzlichen Menschen. Das Glück, einen Steinadler beobachten zu dürfen und die Ruhe zu genießen, in der Abgeschiedenheit der grünen Hügellandschaft in den Nordkarpaten.

Transsilvanien, das Land jenseits der Wälder, in dem Dracula sich von den Zinnen einer Burg schwingt, in dem Wölfe in der Abgeschiedenheit heulen und Bären durch die Wälder streifen.

»Sie sind allein mit dem Fahrrad unterwegs?« empfängt mich Herr Thome in deutscher Sprache. »Die Straßen sind hier in einem schlechten Zustand«, informiert mich der ältere, etwa Ende 70-jährige, große, weißhaarige Mann.

Er bietet mir einen Stuhl neben dem Kachelofen in der Stube an. Frau Thome, eine zierliche Frau in Kittelschürze, gesellt sich zu uns. Ihr Kopftuch legt sie auf die bunte Wachstischdecke. Aus ihren Hausschuhen gucken rote Wollsocken. Auch sie möchte wissen, warum ich ausgerechnet mit dem Fahrrad durch Transsilvanien reise.

Paradies für Naturfreunde

Es gibt Momente, in denen ich mich selbst frage, was ich hier eigentlich tue. Besonders dann, wenn ich mein schweres Fahrrad in der heißen Mittagssonne auf sandigen unbefestigten Wegen den Hügel hinaufquäle und der Schweiß mir in die Augen läuft. Aber ich zweifle nicht lange. Die vielfältige Pflanzenwelt, die umher fliegenden Maikäfer, die Spannung, vielleicht einen Bären oder Wolf zu entdecken, entschädigen für so manches Schlagloch. Mit der richtigen Bereifung und einem stabilen Rad ist Transsilvanien, das Land jenseits der Wälder, ein Paradies für Entdecker und Naturfreunde. Autos sind auf den Nebenstraßen selten, häufig dagegen Pferdefuhrwerke. Kutscher mit großem schwarzem Hut ziehen über die Lande. Sie hinterlassen einen Geruch von Pferdehaar und Knoblauch.

Die Menschen leben im Einklang mit der Natur. Sie machen fast alles selbst, die Wurst, den Speck, den Schnaps. Im Garten reifen Tomaten, Gurken, Mais und Erdbeeren. Lebensmittel zu kaufen wäre viel zu teuer.

»Wir leben hier sehr bescheiden«, meint Frau Thome. »Unser Sohn wollte uns nach der Revolution Anfang 1990 nach Deutschland mitnehmen«, ergänzt Herr Thome. »Die medizinische Versorgung ist in Deutschland viel besser als hier. Meine Frau hätte dort ein leichteres Leben. Aber wir bleiben hier. Dies ist unsere Heimat.«

Das Telefon klingelt, der Sohn aus Deutschland ruft an. Sie unterhalten sich in siebenbürgisch-sächsischer Mundart, einem Dialekt, den ich kaum verstehe.

Im 11. Jahrhundert rief der ungarische König Deutsche von Rhein und Mosel in das Land. Sie sollten das Gebiet nördlich der Karpaten im heutigen Rumänien besiedeln und es vor den Übergriffen der Türken beschützen. Die Siebenbürgen bauten große Wehrkirchen, in denen sie sich bei Angriffen verschanzen konnten. Heute bieten die Kirchenburgen saubere und sehr günstige Zimmer für Touristen an. Mit den Einkünften sollen die alten Bauten instand gehalten werden.

Herr Thome begleitet mich zu dem Küsterhaus. Eine ungarische Familie bewirtschaftet die Gebäude, in dem mehrere Zimmer vermietet werden. Das Fahrrad darf ich selbstverständlich mit aufs Zimmer nehmen.
Die Ungarin bereitet das Abendessen für mich zu: Maisbrei mit viel Butter, zerlaufenem Käse und Hühnerfleisch. Das kalte Bier »Ursus« schmeckt herrlich dazu.

Und für Trinkfeste?!

Auf den Hauptstraßen fernab der kleinen Dörfer brausen die Laster an mir vorbei. Rumänien ist eine wichtige Transportverbindung von der Türkei nach Europa. An den Stadträndern von Sibiu und Brasov siedeln sich immer mehr Firmen an, sie bieten Arbeitsplätze und sorgen für etwas Wohlstand.

Sibiu (Hermannstadt) war einst die Hauptstadt Transsilvaniens und 2007 Kulturhauptstadt Europas. Hinter der gigantischen Stadtmauer erstrahlen viele Fassaden im neuen Glanz. Hermannstadt ist eine der schönsten und am besten erhaltenen mittelalterlichen Städte Rumäniens und Europas.

In der Nähe von Brasov besichtige ich die Burg Bran. Sie ist Sinnbild für alle Dracula-Schlösser. Vlad Dracul, der blutrünstige Herrscher über die Walachei lebte für kurze Zeit in dem Schloss. Die verspielten Giebel und hellen Mauern wirken freundlich und gar nicht gruselig. In der bei Touristen sehr beliebten Stadt Sighisoara soll Vlad Dracul einige Jahre gelebt haben. Ich bleibe für eine Nacht in einer Pension in der »Dracula-Stadt«. Der Vermieter lädt mich zu einem Glas Weißwein ein. Gemeinsam genießen wir den rumänischen Riesling bei warmer Abendsonne. Zwei Gäste aus der Moldau gesellen sich zu uns. Sie verteilen kleine Gläser und schenken ihren selbst gebrannten Pflaumenschnaps aus. Die Verständigung in englischer Sprache wird flüssiger und freier.

Das Landleben bildet wieder einen krassen Gegensatz. Hirten treiben ihre Schafe über die Weiden. Sie haben einen wunderschönen Blick auf die Karpaten, einem bis zu 2.500 Meter hohen Gebirge. Den Hirten Ilie darf ich dabei fotografieren, wie er über die hügelige Landschaft auf die gewaltigen Karpaten schaut. »Dum Brun« ruft er mir hinterher und wünscht mir eine gute Fahrt mit dem Fahrrad durch Transsilvanien, dem romantischen und wilden Land zwischen Aufbruch und Ursprünglichkeit.

Anne-Karin Tampke in RadCity 4/2009

Reiseinfos

  • Anreise: Von Hamburg mit dem Flugzeug nach Sibiu via München mit Lufthansa/TAROM
  • Allgemeines: www.bikeromania.de,
  • Tourismusverband: www.turism.ro,
  • Rumänieninfos: www.karpatenwilli.com
  • Liste der Gästehäuser in Siebenbürgen über: www.siebenbuerger.de
»Überholverbot für Kutschen, wenn der Trecker bockt?« – Nein. Vor Städten informiert dies Schild, dass Trecker und Kutschen draußen bleiben müssen.
Mit »Biokraft« betriebene Fahrzeuge sind in Siebenbürgen nichts Ungewöhnliches. Teils sind die Räder eisenbeschlagen. Dann fahren die Kutschen laut ratternd durch die Dörfer.
Häuser reihen sich in Siebenbürgen aneinander und bilden eine schützende Front
Ein stabiles Rad ist Voraussetzung für eine Tour durch die Karpaten
Brasov: Auf dem Weg zu einer Taufe.
Männer treffen sich zum gemeinsamen Brettspiel im Park