10.02.2010

Up and down in Südwales

Von: Heidrun Gerresheim

Und immer wieder Dylan Thomas

Unsere Londoner Freunde und der günstige Kurs des Pfundes waren Anlass, endlich Urlaub in Großbritannien zu machen – natürlich mit dem Fahrrad. Aber wohin genau?

Mir fiel der Strand von Rhossili ein – die Sommerferien meiner Kindheit in Wales. Wir entschieden uns für den Celtic Trail, der auf einer südlichen und einer nördlichen Route durch das etwas weniger bergige Südwales führt. Das schöne Pembrokeshire war uns empfohlen worden, also sollte unsere Radtour in St David’s beginnen.

Allen Befürchtungen entgegen waren Flug, Zugfahrt und Radtransport unproblematisch. Die Zugfahrt endete in Haverfordwest und auf den folgenden 30 Kilometern nach St David’s erhielten wir gleich alle wichtigen Eindrücke vom Radeln in Wales: Linksverkehr, Kreisverkehre, heftige Steigungen und Abfahrten, schmale heckengesäumte Landstraßen, Sonnenschein, Regenschauer sowie heftiger Gegenwind.

St David's

Wir erkundeten diese raue Küstenregion und besichtig­ten das hübsche St David’s mit seiner beeindruckenden alten Kathedrale. Nach einigen Tagen machten wir uns nach Fishguard auf, über kleine Straßen entlang der Westküste.

Entlang der Küste bedeutet in Südwales: rasante Abfahrten zu den Stränden und entsprechend steile Anstiege auf das normale Niveau. Im Landesinneren ändert sich das auch nicht. Da sind es entweder steile Flusstäler, welche die Hochebene durchschneiden, oder im Norden die Berge. Wir begegneten unserem ersten 20%-Anstieg. Das Schieben war wirklich anstrengend und die Gedanken kreisten um Genügsamkeit bezüglich der Gepäckmenge.

In Fishguard fanden wir ein B&B am alten Hafen. Dieses liebevoll geführte Haus stellte sich als unser absoluter Favorit heraus. Hier erfuhren wir auch, dass in Fishguard der Film »Under Milk Wood« mit Elizabeth Taylor und Richard Burton nach gleichnamigem Buch von Dylan Thomas gedreht wurde – die Beschreibung eines Tages aus dem Leben der etwas skurrilen Bewohner eines walisischen Fischerortes. Thomas ist einer der wortgewaltigsten englischsprachigen Schriftsteller, er dichtete und trank überwiegend in Südwales.

Die nächsten Tage verbrachten wir auf dem nördlichen Celtic Trail mit dem Ziel Carmarthen. Wir fuhren westwärts auf schmalen Sträßchen durch einsame Landschaft mit grandiosen Blicken auf heidebewachsene, violette Bergrücken und über heckenverzierte Hügel bis weit nach Süden zum Meer. Ab und zu begegneten wir keltischen Steinen am Wegesrand und dann, sozusagen auf freiem Feld, einer intakten roten Telefonzelle. Es gibt sie also doch noch!

Von Carmarthen nahmen wir den Zug wieder nach Haverfordwest, um unseren Weg auf der südlichen Route mit Rückenwind fortzusetzen. In dieser Region gibt es viele alte Burgen und Ruinen zu besichtigen – hier kann man sie sich gut vorstellen, die Ritter der Tafelrunde.

Tenby

Spät erreichten wir Tenby, eine kleine Hafenstadt mit italienischem Flair, die wir am nächsten Morgen in der glitzernden Morgensonne bewundern konnten. Im Hafen dümpelten kleine Boote – eingerahmt von pastellfarbenen Häusern, die sich in weitem Bogen von der Mole zur Oberstadt hinaufzogen.

Wir fuhren weiter nach Laugharne. Hier wollten wir übernachten und das schön gelegene »Boathouse« besichtigen, in dem Dylan Thomas mit seiner Familie die letzten Jahre seines kurzen Lebens verbrachte. Es gibt kaum Fremdenzimmer in diesem kleinen Ort – schließlich fanden wir außerhalb ganz oben auf dem Hügel ein B&B mit traumhaftem Blick. Es gehörte zwei reizenden Damen, die uns gleich Kaffee anboten. Wieder richtig gut gelaunt machten wir uns auf, um Dylan Thomas einen Besuch abzustatten und auf seiner Terrasse Tee und Scones zu genießen. Das »Boathouse« und ein Dokumentarfilm verraten viel über das bewegte Leben des Dichters sowie über dessen Liebe zu Wales mit seiner weiten Landschaft. Der Blick von seinem Schreibtisch ist grandios! Je nach Gezeiten blickt man über die unendlichen Sand- oder Wasserflächen des breiten Flussdeltas. Abends wurden uns in einem kleinen Restaurant hervorragende regionale Gerichte serviert. Satt und zufrieden traten wir den Heimweg an. Auch der beginnende Regen konnte nichts daran ändern: Es war einfach der perfekte Ferientag!

Zwei Tage später erreichten wir die Halbinsel Gower, die wir einige Tage lang erkunden wollten, mit festem Standort und ohne Gepäck. Wenig hatte sich seit meiner Kindheit verändert. Rhossili war noch immer atemberaubend schön: Die weite Bucht mit Meer, Strand und anschließendem violettgrünem Hügel leuchtete in der Nachmittagssonne. Die Reste des Wracks waren noch da und die Landzunge »Worm's Head« verdiente auch aus Erwachsenensicht ihren Namen. Es waren wunderbare Tage bei herrlichem Spätsommerwetter – welches bis zum Ende unserer Reise anhalten sollte.

Swansea

Im letzten Abschnitt unserer Tour von Swansea nach Cardiff wandelte sich das Landschaftsbild radikal. Die Gegend zwischen den beiden Städten, die Küste sowie das bergige Hinterland, sind geprägt durch Bergbau und Industrialisierung, Verfall und neue Ideen. Swansea ist eine alte Industrie- und Hafenstadt und: die Heimatstadt von Dylan Thomas. Die Stadt gefiel mir gut, mit ihrem postindustriellen Charme und der Idee, um alte Hafenbecken herum soliden, guten Wohnungsbau zu verwirklichen. Wir radelten weiter durch eine Landschaft voller interessanter Gegensätze: Arbeitersiedlungen führten bis an den Strand und in der Ferne gaben die Kühltürme Rauchzeichen. Durch alte Zechenanlagen erreichten wir das bergige Land von Glamorgan, fuhren durch Wälder und kleine Städte aus den Anfängen der Industrialisierung, vorbei an Windparks auf Hügelrücken.

Schließlich wurde es richtig bergig. Bis dahin wusste ich nicht, dass man auch beim Schieben Pausen einlegen muss! Irgendwann erreichten wir dann den berühmten Taff Trail, der von Cardiff einmal diagonal durch Wales bis Holyhead führt. Ein schönes Unternehmen für ein andermal und mit viel weniger Gepäck. Wir hielten uns also rechts und rollten das letzte Stück des Taff Trails nach Cardiff hinab.

Heidrun Gerresheim in RadCity 1/2010

Infos zur Tour

Anreise: mit Lufthansa nach London Heathrow, Fahrrad 70 €/Strecke;
Zug fahren in GB: Fahrradmitnahme kostenfrei, teilweise geringe Kapazitäten + Reservierungspflicht
Übernachten: B&B oder kleine Hotels mittlere Preiskategorie nahezu immer gut, teilweise hervorragend. Nebensaison: Zimmersuche abends zumeist unproblematisch, an Wochenenden besser nachmittags ankommen oder morgens telefonisch reservieren. Hauptsaison: Route planen und vorbuchen!
Essen: gute Restaurants oder Pubs servieren auch in GB gutes Essen aus der Region zu annehmbaren Preisen; günstigere Alternative: gute asiatische Imbisse gibt es in jeder Kleinstadt – wenn man nicht so auf Fish & Chips steht
Celtic Trail: von Fishguard (Westen) nach Chepstow (Osten) – die südlich an der Küste verlaufende Route 4 ist in Wales 359 km lang und soll weiter bis London führen. Die nicht durchgehende nördliche Route 47 führt entlang der Berge bis zu einer Höhe von 600 m. Die Trails sind größtenteils sehr gut ausgeschildert
Streckencharakter: Anstiege bis zu 20 %, unterschiedlich lang; im Westen überwiegend schmale, gut befahrbare Landstraßen; Mitte und Osten Radwege, Hauptwindrichtung: West
Web: www.sustrans.org.uk und www.cycling.visitwales.com
Literatur/Karten: »The Celtic Trail«, (sustrans 2008), englischer Reiseführer – gut verständlich; Landsrangers Map M 1:50 000 (Ordnance Survey), überall im Land erhältlich – hervorragend!

20% Gefälle runter zur Küste bei Abercastle
St David's Kathedrale
Tendby mit seinem beschaulichen Hafen
araf - slow: Verkehrshinweis auf Walisisch und Englisch
David Thomas' Boathouse
Autorin Heidrun Gerresheim in Cardiff