31.01.2016

Von Finkenwerder nach Peking

Von: Karina und Tim Poser

Mit dem Rad nach China, obwohl selbst »überhaupt keine Radler«? Warum nicht, sagten sich Karina und Tim Poser aus Finkenwerder und machten sich im Oktober 2014 auf den 12000 km langen Weg. Ihre einjährige Abenteuerreise führte sie durch 24 Länder.

K+T Poser
Direkt nach ihrer Einreise bei Ulugqat können es Karina und Tim selbst noch kaum fassen: China! Der Kreis Ulugquat liegt ganz im Nordwesten der Volksrepublik und gehört zum Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang
K+T Poser
Auf dem Pamir in Tadschikistan, in mehr als 4000 Metern Höhe, fing es nachts plötzlich an zu schneien
K+T Poser
Am Karakul, einem See im östlichen Tadschikistan (Zentralasien) im Hochland des Pamir

An einem gemütlichen Oktoberabend 2013 zu Gast bei Freunden in Wuppertal: Jemand erzählt von einer Frau, die von Neuseeland aus mit dem Fahrrad zurück nach Deutschland gefahren sei. Bei uns blitzt es auf: Hört sich nach der perfekten Art zu reisen an! Um Land und Leute kennenzulernen, hat man auf dem Fahrrad bestimmt die ideale Geschwindigkeit. Wir - Karina, 29-jährige Kinderkrankenschwester, und Tim, 34-jähriger Informatiker - sind sofort begeistert. Drei Wochen lang prüfen wir die Idee. Dann steht fest: Wir werden, obwohl überhaupt keine Radler, eine Radreise unternehmen.

Während unserer Vorbereitungen bekommt das Kieler Rad-Unternehmen my Boo Wind von unserem Vorhaben. Gerade gegründet, statten sie uns mit den von ihnen hergestellten Bambusfahrrädern aus (siehe dazu Kasten, S. 8). My Boo und uns gefällt die Idee, vielleicht die Ersten zu sein, die auf Bambusrädern eine so lange Reise wagen.

Stressfreies Einrollen

Am 2. Oktober 2014, gut ein Jahr nach dem Abend in Wuppertal, rollen wir dann auf zwei extra für uns ausgerüsteten Bambusrädern vom Grundstück von Karinas Eltern in Finkenwerder los. Unsere Vorbereitung bestand im Wesentlichen im Lesen von Radreiseberichten und im Austausch mit anderen Radreisenden. Die Route haben wir nur grob abgesteckt, wir wollten spontan bleiben für Empfehlungen die wir unterwegs erhalten. Unser Ziel: Keine Stadt und kein Land, sondern ein Jahr ohne Zeitstress in uns größtenteils absolut fremden Ländern. Ein Jahr lang jeden Tag so gestalten, wie man gerade möchte und vor allem: fremde Länder und Kulturen kennenlernen, sich ein eigenes Bild machen. Wir waren keine Fahrradfreaks, haben zuvor noch nie eine Radreise unternommen und starteten völlig untrainiert, jedoch mit jeder Menge Neugierde. Und das ist - wie sich herausstellt - auch fast das Einzige, was man benötigt. Die Fitness und die Erfahrung wächst mit jedem Tag und jedem gefahrenen Kilometer. Vieles, was einen bei den Vorbereitungen beunruhigt, stellt sich, wenn man erstmal in der Situation ist, als halb so wild raus - irgendwie gibt es immer Lösungen und hier und da wartet eine Überraschung auf einen.

Entlang des Mittelmeers

Immer wieder werden wir nach "dem" Highlight, "den" nettesten Menschen, "dem" schönsten Land usw. gefragt. Ist es ein Highlight, wenn eine alte Dame ein Stückchen Brot mit einem teilt? Wenn man mit vier Leuten in einem kleinen, kargem Raum die Nacht verbringt, auf eine Tasse Tee eingeladen wird oder während eines Regenschauers mit Spiegeleiern und einem heißen Getränk versorgt wird? Es sind keine "spektakulären" Dinge, die wir erleben, und trotzdem sind es Erlebnisse, die wir für uns als Highlight beschreiben würden. Der eigene Blick wird auf einer solchen Reise erweitert und verändert sich, man lernt Dinge schätzen, die man vorher nicht einmal wahrgenommen hätte. Es ist großartig, was man alles entdecken kann wenn man sich ein bisschen aus seiner gewohnten, gut bekannten Umgebung wagt. Und besonders sind es immer wieder unfassbar freundliche Menschen und die großartige Natur, die uns begeistern.Aufgrund der Jahreszeit stand von Anfang an fest, dass unsere Route entlang der Mittelmeerküste geht. Ein ganz schönes Auf und Ab, aber wunderschön und außerhalb der Hochsaison zudem sehr friedlich und entspannt. In Albanien hatten wir dann das erste Mal das Gefühl, wirklich weit weg von zuhause zu sein. Dort ist wirklich alles anders. Wir waren überrascht, wie groß die Unterschiede zum Beispiel beim Lebensstandard der Menschen schon innerhalb von Europa sind. Wenn man dann nochmal auf die Karte schaut, merkt man: eigentlich liegt Albanien doch nicht so weit von Deutschland entfernt. Die Nachbarn vom Nachbar ... Ein Land, in dem eine Kirche direkt neben einer Moschee stehen kann. Ein Land, in dem uns aus vorbeifahrenden Autos Früchte und Wasser gereicht wurden und winkende Kinder fröhlich hinter uns her gerannt sind.

Kaltes Armenien

Die Weihnachtstage verbrachten wir in Griechenland. Nach einigen Tagen Pause mit überraschendem Besuch von Tims Bruder und dessen Frau ging die Reise weiter. Von Griechenland aus durch die Türkei, Georgien und dann durch Armenien. Die kälteste Etappe unserer Reise, auf der wir uns so manchen Tag durch Schneegestöber kämpften und unsere Tiefsttemperatur von -8 °C verzeichnen durften.Mit der Einreise in Iran erlebten wir eine der größten Kontraste: Statt tiefem Winter nun Sommer mit 26 °C, statt - wenn nicht gerade mit Schnee bedeckt - grüner Landschaft nun karge, fast wüstenartige Gegend, statt kyrillischer Schrift nun Arabisch, statt Christen Moslems. Wir waren mal wieder überwältigt. Die Gastfreundschaft im Iran ist kaum zu beschreiben!Weiter ging unsere Reise durch Turkmenistan, Usbekistan, Tadjikistan, Kirgistan und schließlich nach China wo wir nach langer Zeit in muslimischen Gebieten auf dem tibetischen Hochplateu die Gastfreundschaft der Tibeter erfahren durfte.

Herzliche Menschen

Unsere Reise war geprägt von vielen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen. Immer und immer wieder wurden wir herzlich begrüßt, auf einen Tee oder zum Essen eingeladen oder oft sogar dazu, über Nacht zu bleiben. Soviel Gastfreundschaft - trotz teils armer Lebensumstände. Kulturelle Unterschiede oder Religion standen dabei nie im Weg. Im Gegenteil, die Menschen sagten Dinge wie: "Am Ende sind wir doch alle Brüder und Schwestern, egal wo wir herkommen oder an was wir glauben!" Wir wurden mit Gastfreundschaft geradezu überschüttet und manchmal fiel es uns fast schwer, das alles anzunehmen. Wir konnten doch oft nahezu nichts zurückgeben. Wir waren wirklich gerührt von Menschen, denen wir als Fremde zufällig begegneten und die uns dann so herzlich aufnahmen und versorgten. Hotels haben wir nicht besucht.Neben den Begegnungen mit Menschen war es auch eine tolle Erfahrung, soviel unterschiedliche Landschaft und Klimazonen zu sehen und hautnah zu erleben. Mittelmeersteilküste, Wüste, Pamirgebirge und tibetisches Hochplateu mit Passhöhen bis auf 4803m, Eisregen, -8 °C ohne Zelt, Thermometeranzeige bei +50,2°C, unglaublicher Sternenhimmel...Um unsere Reise nicht allzu abrupt zu beenden, haben wir nicht einen Flug zurück nach Hamburg genommen, sondern sind nach Zürich in die Schweiz geflogen. Von dort ging es mit dem Rad über Lichtenstein und Österreich zurück nach Deutschland, bis wir schließlich zurück auf das Grundstück von Karinas Eltern rollten, wo wir ein gutes Jahr vorher gestartet waren.

Zurück im Alltag

Heute blicken wir auf eine großartige Reise mit unglaublich vielen, wunderbaren Erfahrungen und Begegnungen zurück. Natürlich gab es auch immer wieder anstrengende Etappen, aber die Strapazen haben sich jedes Mal mehr als gelohnt. In einem Moment schimpft man über Gegenwind, holprige Straße, Hitze, Kälte oder Hunger. Im nächsten Moment erreicht man die Passhöhe und genießt ein unglaubliches Panorama und eine noch unglaublichere Abfahrt, wird zu einem Essen eingeladen oder freut sich wie bescheuert über so etwas »Normales« wie eine warme Dusche.

Die Bambusräder haben perfekt gehalten. Nach 13000 Kilometern lautet der Befund: 6 Platte, 1 Speichenbruch und eine gelöste Klebstelle - alles leicht zu reparieren. Dadurch, dass die Rahmen Erschütterungen, die in manchen Ländern aufgrund mangelnden Asphalts häufiger vorkommen, besser absorbieren, denken wir, das Bambus auch als Reiserad eine wirklich interessante Alternative ist.Jetzt sind wir schon wieder im Alltag angekommen, aber die Erfahrung dieses Jahres bleiben lebendig in uns. Wir freuen uns, zurück bei unseren Familien zu sein, und gleichzeitig träumen wir bereits davon, wo uns unsere nächste Reise hinführen könnte. Solange werden wir in Hamburg möglichst alle Wege mit unseren fantastischen Bambusrädern zurücklegen.

Karina und Tim Poser in RadCity 1/2016