14.08.2012

Ich bin, wir sind – CM in Hamburg

Von: Kirsten Pfaue
Auf der CM-Tour im Juli 2012 in Hamburg. (Foto: Anton Semjonow)

27. Juli 2012, 18:50 Uhr. Endlich Wochenende und ein warmer Sommerabend dazu. Ich fahre mit meinem Rad – nicht ganz zufällig – in den Hamburger Stadtpark, auf die Wiese vor dem Planetarium.

Dort treffe ich Freunde, Bekannte, auch einige aus dem ADFC, manche mit »Ab auf die Straße«-T-Shirts und noch etliche andere: mehrere hundert Gleichgesinnte mit ihren Rädern. Die Stimmung ist entspannt bis erwartungsfroh. Die meisten der RadlerInnen sind zwischen 20 und 40 Jahren alt, viele sind mit ihren Kindern gekommen. Musik ist zu hören. Die Spannung steigt. Die ersten erheben sich von der Wiese, fahren im Kreis und langsam kommt Bewegung in die Masse.

Es geht los: Gemeinsam mit gut 1000 anderen folge ich auf nicht festgelegter Route dem Fluss der Masse. Ab auf die Straßen von Hamburg. Ich lass' mich mitziehen. Es gibt kein erklärtes Ziel, keine Ordner, keinen Organisator, keinen verantwortlichen Ansprechpartner für die Aktion. Derjenige, der sich aus Spaß an der Sache an die Spitze schraubt und voranfährt, gibt den Weg vor, die Masse folgt.

Sobald das erste Fahrrad eine grüne Ampel überquert, folgen wir alle über die Ampel, auch wenn sie auf Rot umschaltet. Heute gibt es kaum ein Stehen für uns. Nur die Autos, die müssen heute mal stehen. Das ist sie – die Critical Mass. Die Tour organisiert sich Monat für Monat selbst, jeden letzten Freitag im Monat geht es zum gemeinsamen Radfahren auf die Straße.

Der Weg ist das Ziel – aber wo geht's überhaupt hin?!

Ich bin gespannt, wohin werden wir fahren, und lasse mich ein auf den unbekannten Weg, der das Ziel ist. Ich fühl mich frei und unbeschwert. Ein herrlicher Abend! Wir fahren von der Hindenburgstraße weiter über die Barmbeker Straße zum Rathausmarkt, dort drehen wir ein paar Kreise und fahren über die Willy-Brandt-Straße. Es überraschen uns einige Regentropfen mit Blitzgewitter. Wir cruisen über die Reeperbahn nach Altona, von dort weiter zur Sternschanze.

Ununterbrochen machen Teilnehmer Fotos und drehen Videos. Diesen Moment, an dem hunderte Fahrräder die Straßen übernehmen, wollen fast alle festhalten. Ja, wir sind gleichberechtigt! Die Stimmung ist ausgelassen, sogar euphorisch. Manche jubeln. Nach ca. drei Stunden endet die Tour beim CCH und wir strecken die Fahrräder zum Himmel wie Freiheitstrophäen und feiern begeistert Mobilität!

Und schließlich ist ja bekannterweise Nichts vergleichbar mit der einfachen Freude, Rad zu fahren.
Während der Tour höre ich hier und da Gesprächen zu, das Thema Verkehrspolitik bewegt viele. Die meisten wünschen sich mehr Verständnis für ihre Belange – Hamburg muss fahrradfreundlicher werden. Jedenfalls an diesem Abend haben sich die meisten Autofahrer interessiert und geduldig gezeigt. Auch die Hamburger Polizei verdient ein großes Lob: Sie hält sich zurück, begleitet die Masse und sperrt flankierend Kreuzungen für die Critical Mass.

Ich musste unweigerlich an die Vorläufer zu dieser Aktion denken, die vor ein paar Jahren – u.a. auch von einigen ADFClern – in Hamburg durchgeführt wurden. Damals agierte die Polizei teilweise aggressiv und drängte die Radgruppe sogar von der Fahrbahn ab. Kein Vergleich mehr zu heute – zum Glück. Dass die Critical-Mass-Bewegung so ein großes Echo genießt, ist kein Wunder zeigt sie doch, wie komfortabel, kommunikativ und stimmungsvoll Radfahren in Hamburg sein kann.

Diese Aktion ist für alle etwas, die auch gerne bei der jährlichen Sternfahrt »Mobil ohne Auto« mitfahren – ach, eigentlich ist sie für alle, die einfach gerne Radfahren. Und für alle, die sich den Raum nehmen möchten, der ihnen als Verkehrsteilnehmer zusteht.

Seid doch nächstes Mal dabei!

Critical Mass