04.08.2014

Fahrrad-Sternfahrt. Eine Premiere.

Von: Michael Link

Das erste Mal Sternfahren. Eindrücke einer besonderen Fahrrad-Demo

Flagge zeigen
Abfahrt in Neuallermöhe-Ost

Als Marie und ich bei perfekt blauem Himmel mit ein paar hineingetupften Schäfchenwolken um kurz nach zehn am Grachtenplatz in Neuallermöhe Ost einrollen, stehen gerade mal zwei Handvoll Radfahrerinnen und Radfahrer dort. Einen Moment lang kommen Zweifel auf, ob wir richtig sind. Doch da werden wir schon mit ADFC-Fähnchen, Kabelbindern und einer Broschüre begrüßt. Ich bin ein bisschen aufgeregt, denn ich bin noch nie mitgefahren. Smalltalk, bevor es losgeht. Die Sternfahrt ist eine Demo, doch hier stehen keine vermummten Steinewerfer, sondern einfach Menschen, die gern Rad fahren. Keiner, der mit einem Gebetbuch herumläuft und Leute zu einer zweikreisigen Lebensweise bekehren will. Das gefällt mir.

Etwas verspätet rollen wir los, gemütlich mit nicht mehr als 14 Kilometern pro Stunde. Vor uns und hinter uns die gel­ben Engel vom ADFC, die darauf achten, dass die Gruppe sicher am Etappenziel Bergedorfer Bahnhof ankommt. Der magische Moment, als der Rest des auf gut 25 Menschen angewachsenen Pulks wie abgesprochen die erste auf Rot umgesprungene Ampel überrollt. Wir sind die Königinnen und Könige der Straße – heute zumindest.

Etappenziel Bergedorf

Abfahrt am Zwischenstopp Bergedorf

In Bergedorf ahnen wir langsam, dass wir nicht allein sind. So viele Menschen! Etwa 250, schätzen wir. Einige mit Rennmaschinen, andere mit Trekkingrädern, deren Treter so ausstaffiert sind, als ob es auf eine Expedition durch das wilde Pedalistan ginge. Und Familien mit Kindern im Anhänger. Paare mit zwillingsgleichen, blank polierten Alu-Rädern, die sichtlich selten in Gebrauch sind. Mittendrin Alltagsradler mit dicken Waden und kurzen Hosen. Einige fahren mit Helm, andere ohne. In letzter Sekunde klärt eine Mittvierzigerin noch eine zufällig vorbeifahrende Bekannte auf und überredet sie, doch einfach mitzufahren. Und auf der Straße warten Polizisten auf dicken Motorrädern darauf, uns in die Stadt zu geleiten.

Um fünf nach elf setzt sich die Karawane in Bewegung. Am Straßenrand winken Passanten. Der Lindwurm aus Rädern zieht sich auf der Straße beachtlich in die Länge – ein erhebendes Gefühl, denn wir sind dabei. Ein Rennen fährt hier kaum jemand. Nur ein Knirps auf einem quietschenden Mountainbike malträtiert die rostige Kette wie ein Irrer, nebenher fährt Opa, der bestimmt noch ein Eis spendiert. Hinter uns quatscht eine Gruppe von Männern über ihre Rennrad-Erfolge, wechselt dann das Thema und erörtert ausgiebig Prostata-Probleme. Die erste Öko-Aktivistin mit riesiger Anti-Atomkraft-Flagge am Hollandrad kommt in Sicht. Zwei ältere Damen stehen am Straßenrand und beschweren sich, dass sie nicht über die Straße kommen, lachen dann aber doch. Autofahrer, die uns entgegen kommen, kurbeln die Scheiben runter, winken oder hupen, als wenn das hier eine gigantische Fahrradhochzeit wäre.

Stau am Wandsbeker Markt

Wandsbek Markt: Zusammentreffen mit den Zügen aus Volskdorf und Farmsen
Obealtenallee: Auf dem Weg zum Ziel in Barmbek

Wandsbeker Markt: Plötzlich müssen wir halten. Minutenlang geht nichts. Auf der gesamten Breite der Fahrbahn nichts als Räder. So muss es in Peking während der Siebzigerjahre zugegangen sein. Einander wildfremde Menschen quatschen miteinander, warten darauf, dass es weitergeht.

Hier vereinigen sich zwei weitere Schlangen aus Richtung Bad Oldesloe und Rahlstedt kommend mit unserem Tross. Ein Blick in die Broschüre zeigt: Einige andere sind schon vor 7 Uhr losgefahren, etwa aus Itzehoe. Ein Gesprächsfetzen erreicht mich, dass die Überfahrt über die Köhlbrandbrücke wohl beeindruckend sein soll. Wohl nicht nur für mich ist es dagegen schon ein Glücksgefühl, einfach mal Vorrang zu haben mit dem Rad, zu zeigen, dass Räder auf die Straße gehören und zu demonstrieren, wie viele es sein könnten, wenn die Bedingungen dafür besser wären. Und das sagen nicht nur strenggläubige Fahrrad-Verfechter, sondern Sternfahrerinnen wie Stefanie Müller auf dem Baumarkt-Rad mit Einkaufskorb vorn oder auch Hartmut Weber mit seinem Tourenrad, mit dem er mal nach Spanien geradelt ist, als er noch jung war. Jetzt fährt er eher mit dem Auto, weil das Radfahren in Hamburg lebensgefährlich sei, sagt er. Vom vollmundig für 2015 verkündeten Senatsziel »18 Prozent Radverkehrsanteil« ist Hamburg ja wieder abgerückt, und Hamburg landet immer wieder ganz weit hinten im Ranking der Fahrradfreundlichkeit von Städten.

Wir nähern uns der Binnenalster. Unsere Kettenschlange ist mindestens zwei Kilometer lang – das Ufer ist eingerahmt von Rädern. Ob sich die Schlange nun in den Schwanz beißt? Nein, das passiert nicht. Unter die Räder mischen sich phantasievoll dekorierte Gebilde, die schon eher in den Karneval passen: Hier gibt es alle Fahrräder dieser Welt zu sehen: Modernste E-Bikes und modernde Vorkriegs-Drahtesel, sogar ein Bonanza-Rad, Tandems, Lasten- und Liegeräder. Viel zu gucken also, doch plötzlich sind wir am Ziel, dem Museum der Arbeit in Barmbek angekommen. Hier steigt die Abschlusskundgebung.

Bio und Politiker

Also hinein ins Getümmel. Statt nach warmen Worten ist uns jetzt eher nach was zu futtern. Wurst hier, Salat und Suppe da, alles mit der Vorsilbe »Bio«, rhythmisches Getrommel der Band Sambada unterhält die rastende Menge. Irgendwann kommen ein paar Politiker – alles verkehrspolitische Sprecher ihrer Parteien – auf die Bühne. Die sind sich alle einig und haben sich lieb – ja, und uns natürlich auch, weil wir Rad fahren. Was sie sagen, interessiert mich nicht wirklich. Denn nur was sie tun, zählt.

Wir schauen noch beim Slow-Bike-Race zu, bei dem der Langsamste gewinnt. Sollte für Hamburger kein Problem sein, denke ich noch, bevor es nach Hause geht. 17 Kilometer weiter, 14 Ampelstopps später, nach drei mal angehupt werden, weil ich auf der Fahrbahn fahre sowie einer Notbremsung vor einer sich öffnenden Autotür bin ich wieder im Fahrrad-Alltag angekommen - trotz Sternfahrt-Flagge am Rad.

Michael Link in RadCity 4/2014