Rund ums Rad
09.09.2013

Ausstellung: Die erwartete Katastrophe

erstellt von Ulf Dietze
Vorschlag zum Wiederaufbau Londons (Ausschnitt), April 1947, Charles Henry Holden und W. G. Holford: Eine neue Hochstraße umfährt die City im Norden. Mit Stolz wird erwähnt, dass unter der Straße sogar zwei Parkdecks untergebracht werden können. Die

Vorschlag zum Wiederaufbau Londons (Ausschnitt), April 1947, Charles Henry Holden und W. G. Holford: Eine neue Hochstraße umfährt die City im Norden. Mit Stolz wird erwähnt, dass unter der Straße sogar zwei Parkdecks untergebracht werden können. Die fünfgeschossige Randbebauung verspricht den Einzug der Moderne.

Die Freie Akademie der Künste zeigt, dass Stadtplaner kriegsbedingte Zerstörungen zur Umsetzung ihrer Visionen geradezu begrüßten.

Seit den 1920er-Jahren träumten Städetbauer und Architekten auf der ganzen Welt von der Neugestaltung ihrer Städte. Die oft planlos gewachsenen Häusermeere widersprachen ihrer Vorstellung von einem gesunden und modernen Leben. Viele Wohnungen waren klein, hatten weder fließend warm Wasser noch eine Toilette. Die Luft war schlecht, da Kraftwerke und Schwerindustrie in unmittelbarer Nähe der Wohnhäuser lagen.

So entstanden Ideen von aufgelockerter Bauweise mit kleinen Gärten, Grünachsen und Parks. Anderen Architekten der Zeit schwebten Hochhausplatten vor, die sie locker in der Stadtlandschaft verteilen wollten.

Als Zeichen von Modernität galten Hochstraßen (gern dreistöckig mit Parkhäusern unter den Fahrbahnen) und Stadtautobahnen mit teilweise riesigen, kreuzungsfreien Auf- und Abfahrten. Ein anderes Modell vertraten Stadtarchitekt John Henry Forshaw und Berater Patrick Abercrombie für London im Jahr 1943: eher kleinräumige Einheiten von 6000 – 8000 Menschen, für die sie jeweils eine Grundschule, ein Nahversorgungszentrum usw. vorsahen. Ihr Straßenkonzept sah wenige Hauptstraßen vor und durch die Wohngebiete verträgliche untergeordnete Wege.

Bombenkrieg als »Chance«

Durch den Luftkrieg und die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs wurden ab 1939 viele europäische Städte fast dem Erdboden gleich gemacht. Stadtplaner und Architekten aller Nationen begriffen diese Zerstörungen nicht nur als Katastrophe, sondern auch als Chance, der Umsetzung ihrer Pläne nun näher zu kommen.

Beispielhaft sei hier Konstanty Gutschow aus dem Jahr 1944 zitiert, der unter Gauleiter Kaufmann zum »Architekten des Elbufers« ernannt wurde. Von ihm stammte auch der erste Generalbebauungsplan für Hamburg, der den Ausbau der Stadt zur sog. »Führerstadt« vorsah – mit 250 m hohem Gau-Hochhaus, Volkshalle und Hafenvergrößerung:

»Der Städtebauer musste sich manche Sorgen machen, wenn er an die praktische Verwirklichung aller der Sanierungen dachte, die er als Ziel und Ideal hinstellen musste. Welche Jahrzehnte sollten diese Sanierungen in Anspruch nehmen? Wer würde den Mut und die Kraft haben, alle diese überfälligen Stadtviertel abzureißen, um die Bahn freizumachen für gesündere und schönere Wohnstätten der Menschen?

Nun haben die Bomben des Feindes viele dieser minderwertigen Flächen im Stadtkörper vernichtet: reine Wohngebiete, in denen sich keine wehrwirtschaftlichen Anlagen irgendwelcher Art befinden. Tod und Elend haben die Bomben über unzählige Familien gesät. So kalt und berechnend, so verständnislos, soviel Schmerz und Kummer die Feststellung auch sein mag, der Städtebauer möge es sagen dürfen: dieses Werk der Zerstörung wird Segen wirken.«

Die Ausstellung in der Freien Akademie der Künste in Hamburg zeigt die Konzepte der Vorkriegsjahre, betrachtet kriegsbedingte Zerstörungen und bietet mit Hilfe von Originaldokumenten Einblick, was dann noch während des Krieges und kurz danach die Stadtplanung daraus für Schlüsse zog.

Deutlich wird die Kontinuität, mit der Planungen über die Jahrzehnte fortgeschrieben und umgesetzt werden. Zwar blieben wir von einem Autobahnring mitten durch Hamburg verschont. Autoschneisen wie der Ring 2, sind aber in Plänen aus den vierziger Jahren bereits angedeutet.

Etwas zu kurz kommt in der Ausstellung, was von den Ideen tatsächlich umgesetzt wurde und wie es Stadtplaner heute bewerten würden. Die Ausstellungshalle mit Karten, Fotos und Texten wird durch einen kleinen »Kinosaal« ergänzt. Dort laufen in Endlosschleife zwölf Kurzfilme bzw. Filmausschnitte aus der Zeit von 1929 bis 1947, in denen u. a. Forshaw und Abercrombie ihre Pläne vorstellen.

»Die erwartete Katastrophe.
Luftkrieg und Städtebau in Hamburg und Europa 1940 - 1945«
Kuratiert von Jörn Düwel und Niels Gutschow mit Volkwin Marg
Filmkuratoren: Christian Bau und Thomas Tode
Öffnungszeiten: Di. - So. 11-18 h
Eintritt: 5,- / erm 3,-.
noch bis zum 29. September 2013

http://www.akademie-der-kuenste.de/katastrophe.html

http://www.erwartete-katastrophe.de/