24.01.2012

„Eine Helmpflicht verhindert keinen einzigen Unfall!“

erstellt von Dirk Lau

ADFC Hamburg lehnt CDU-Antrag ab: Eine Helmpflicht für Minderjährige trägt nicht zur Verkehrssicherheit bei, sondern mindert allenfalls die Folgen von Unfällen, erklärt der ADFC zu dem Antrag der CDU-Fraktion „Gegen Unfalltod und Pflegebedürftigkeit – Helmpflicht für Minderjährige“, über den am 25. Januar 2012 in der Bürgerschaft beraten wird.

Wirklichen Schutz für Rad fahrende Kinder bieten aber nur ein sicheres Verkehrssystem und eine Strategie mit dem Ziel der konsequenten Unfallvermeidung, wie sie  etwa vom „Forum Verkehrssicherheit Hamburg“ seit Jahren erfolgreich praktiziert wird.

Jedes im Straßenverkehr getötete Kind ist eines zu viel und bedeutet unendliches Leid. Gerade die schwächsten Verkehrsteilnehmer müssen besonders vor Gefahren und Unfällen geschützt werden. „Niemandem liegt die Sicherheit der Radfahrenden im Straßenverkehr mehr am Herzen als uns Radfahrenden selbst“, betont Dirk Lau vom ADFC-Landesvorstand.

„Eine Helmpflicht aber verhindert keinen einzigen Unfall“, stellt er fest. Wer danach ruft, wälzt einfach die Verantwortung für Unfälle auf die gefährdeten Radfahrer ab und lenkt von seiner eigenen politischen Verantwortung ab, für ein sicheres Verkehrssystem zu sorgen. „Statt nur punktuell und graduell einzelne Unfallfolgen zu mindern, muss es Ziel verantwortlicher Politik sein, für eine weitgehende und umfassende Unfallvermeidung zu sorgen“, fordert Lau. Dies würde nicht nur die Sicherheit im Straßenverkehr entscheidend verbessern, sondern auch die Aufenthalts- und Wohnqualität in den Städten.

Das Unfallrisiko für Radfahrende wird nicht durch eine Helmpflicht gesenkt, sondern durch eine radfahrerfreundliche Verkehrsplanung, durch Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit und Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung sowie durch den Bau von Radfahrstreifen statt Radwegen in Tempo-50-Straßen. Für die Sicherheit der Radfahrer ist es in erster Linie wichtig, dass sie im Sichtfeld der Autofahrer geführt, dass die Geschwindigkeiten der Kfz reduziert werden und dass es gerade in unfallträchtigen Kreuzungsbereichen gute Sichtbeziehungen gibt. „Leider scheitern sichere Radverkehrslösungen in Hamburg oft genug noch einfach daran, dass auf ein paar Kfz-Abstellplätze nicht verzichtet werden soll“, stellt Lau fest.

Bis heute gibt es zudem keine seriöse, statistisch valide Studie, die eine Schutzwirkung von Hel­men im Alltag nachgewiesen hätte. Dagegen haben Untersuchungen sowie Erfahr­ung­en aus an­deren Ländern gezeigt, wie eine Helmpflicht dazu führt, dass weniger Menschen Rad fahren. Dies wiederum verringert die Sicherheit der Radfahrer, denn auch das ist er­wiesen: Je mehr Rad­fahrer unterwegs sind, desto geringer ist das Risiko für den einzelnen Rad­fahr­er, in einen Un­fall verwickelt zu werden. Eine wie auch immer geartete Helmpflicht würde also das Unfall­risi­ko für Radfahrende eher noch erhöhen – und zwar generell und nicht nur für bestimmte Kopfteile.

Besonders mit Blick auf Kinder und Jugendliche gilt: Rad fahren soll Spaß machen. Mit einer Helmpflicht verbietet man das Radfahren ohne Helm, es wird zur Ordnungswidrigkeit – und sei es nur auf dem kurzen Weg zum Eisladen an der Ecke. Einer der großen Pluspunkte des Radfahrens ist aber seine Flexibilität. Bei einer Helmpflicht besteht die Gefahr, dass sich Kinder sich fremde oder alte Helme ausleihen. Wenn diese dann nicht richtig passen, bieten sie keinen Schutz, sondern können sogar erst andere ernsthafte Verletzungen hervorrufen.

Der ADFC empfiehlt daher, die Eltern individuell je nach Anlass und Entwicklungsstand des Kindes entscheiden zu lassen, ob es mit oder ohne Helm fährt. Auf verkehrspolitischer Ebene will der Radverkehrsclub die erfolgreiche Arbeit im und mit dem „Forum Verkehrssicherheit Hamburg“ ausbauen, dem neben der Verkehrswacht, der Polizei und dem TÜV auch Verbände angehören. 2010 registrierte das Forum bei Verkehrsunfällen mit Kindern in Hamburg den niedrigsten Stand seit 1970 (erste statistische Erhebung für Kinder). Bundesweit geht nicht nur die Zahl der getöteten Radfahrer kontinuierlich zurück, es verunglückten zudem auch weniger Kinder mit ihren Fahrrädern tödlich (– 17% gegenüber 2009).

Das Forum will daher auch zukünftig vor allem auf bauliche Maßnahmen, Unfallprävention und Aufklärung setzen, Bevölkerung und Öffentlichkeit für eine sichere und umweltbewusste Mobilität gewinnen, ein verantwortungs- und rücksichtsvolles volles Verhalten im Straßenverkehr erreichenund neue Wege für eine zielgruppenorientierte Präventionsarbeit finden. Eine wie auch immer geartetete Helmpflicht gehört nicht dazu.

Weitere Informationen zum Thema:
Stellungnahme des ADFC Hamburg – zum Antrag der CDU in der Bürgerschaft
»ADFC weist Forderungen nach Helmpflicht zurück« – Pressemitteilung des ADFC-Bundesverbands vom 19. Oktober 2011
»Helmpropagandisten« – vom bewusst falschen Umgang mit der Verletztenstatistik
Verkehrsunfälle – Ursachen, Verursacher, Konsequenzen für Hamburg

 

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Pressekontak

- - - -Pressefoto: Rad fahrende Kinder haben ein besonderes Recht darauf, im Straßenverkehr geschützt zu werden – mit oder ohne Helm.   (Copyright: ADFC Hamburg). Die Nutzung des Fotos ist für journalistische Berichterstattung zum Thema Helmpflicht bei Nennung der Quelle kostenfrei; die Bilddateien dürfen zur optischen Anpassung bearbeitet werden, eine bildinhaltliche Bearbeitung (z. B. digitale Retusche von Personen und Gegenständen oder großflächiges Beschneiden des Motives) ist untersagt.