Fischkopps Kolumne, Verkehr
30.05.2013

Hamburg nimmt Millionen in die Hand, um »den Verkehr besser fließen« zu lassen

erstellt von Susanne Elfferding
Stau - trotz grüner Ampel

Stau - trotz grüner Ampel

Hamburg ist die Stadt der Kaufleute. Und Kaufleute können bekanntlich rechnen und sind international vernetzt. Das dachten wir jedenfalls. Jetzt investierte die Stadt die Summe von sieben Millionen Euro, um die Staus in Hamburg abzubauen. Allerdings auf eine wenig effektive Art und Weise.

Für 7 Millionen Euro hat Hamburg seine Verkehrsleitzentrale rundum erneuert, die jetzige aus dem Jahr 1999 ist offenbar so veraltet, dass dringend Handlungsbedarf bestand. Ergebnis ist die angeblich modernste Anlage ihrer Art in Europa, mit der die Hamburger Polizei nun fast 1800 Ampelschaltungen in der ganzen Stadt so fernsteuern kann, dass Kfz-Verkehrsstaus schon im Keim erstickt werden. Da Hamburgs Regierung noch mehr Verkehr in der Stadt für die Zukunft erwartet, soll die neue Leitzentrale offenbar helfen, noch mehr Autos auf die Straßen zu bekommen und so den Autopendlern aus dem Umland den Weg zu bahnen.
(siehe Artikel im Hamburger Abendblatt vom 30.05.2013)

Diese Zunahme des Kfz-Verkehrs in der Stadt wird zu Lasten von Bussen, Radfahrern und Fußgängern gehen. Denn es ist eine Binsenweisheit, dass mehr Kapazität auf den Straßen nach dem Funktionsprinzip der Insektenfalle auch mehr Autos anlockt und damit nur Platz für die nächste chronische Verstopfung schafft.

Viel mehr könnte erreicht werden, wenn Hamburg endlich den konsequenten Umstieg auf den Umweltverbund aus Fuß-, Rad- und öffentlichen Nahverkehr in Angriff nimmt.   

Wie das geht? Städte wie Amsterdam und Kopenhagen setzen schon lange auf diese Strategie. Wichtige Radverkehrswege in die Stadt werden in Zusammenarbeit mit den umliegenden Kommunen zu Radschnellwegen ausgebaut, damit der Radverkehr auch für Pendler attraktiv wird, die mehr als 10 km von ihrer Arbeitsstätte entfernt wohnen. Das entlastet sowohl die Autorennpisten als auch die öffentlichen Verkehrsmittel und erhöht die Gesamtkapazität.

Für einen Streckenkilometer eines komfortablen und gut ausgebauten Radschnellwegs geht man in den Niederlanden von Baukosten von 0,5 bis 2 Mio Euro aus, wobei letztere anfallen, wenn große Brücken- und Tunnelbauwerke benötigt werden. Für die 7 Millionen Euro, die in die neue Verkehrsleitzentrale investiert wurden, hätte man also gut 10 km Radschnellweg nach niederländischem Muster bekommen können.

Investition an den Bürgern vorbei

Und was haben eigentlich die Hamburger von besseren Bedingungen für die Pendler? Der innerstädtische Autoverkehr geht zurück, der Anteil des Autoverkehrs soll auf 31 Prozent gesunken sein, während der Radverkehrsanteil auf – immer noch magere – zwölf Prozent gestiegen ist. Dass die Investitionen der öffentlichen Hand entsprechend gewichtet werden, ist aber nicht zu erkennen.

Die Bürgerbeteiligung bei der Erarbeitung des Innenstadtkonzepts hat gezeigt, dass sich viele das Gebiet innerhalb des Wallrings als autofrei oder zumindest verkehrsberuhigt wünschen. In ganz Hamburg ist gut ein Drittel der Haushalte autofrei (bundesweit sind es nur 17 %), und das sind beileibe nicht nur die derjenigen, die sich kein Auto leisten können. Viele der autofreien Hamburger wohnen verkehrsgünstig und innenstadtnah und sind genervt, wenn ihre Straßen zugeparkt sind und dem Kfz-Verkehr bedingungslos Vorrang eingeräumt wird.

In ihrem »Bicycle Account 2010« schreibt die Stadt Kopenhagen, dass jeder gefahrene Kilometer mit dem Rad einen Gewinn von 16 Cent bedeutet, während jeder gefahrene Kilometer mit dem Auto die Gesamtwirtschaft mit 9 Cent belastet. Das ist das Ergebnis einer Kosten-Nutzen-Analyse, die Faktoren wie Verkehrskosten, Verkehrssicherheit, Komfort, Geschwindigkeit und Gesundheit berücksichtigt.

In Hamburg werden die Zahlen nicht so sehr viel anders ausfallen. Wollen wir uns eine millionenteure Verkehrsleitzentrale, die noch mehr Autos in die Stadt leitet, im Zeitalter der knappen öffentlichen und privaten Kassen und der Haushaltskonsolidierung eigentlich noch leisten?