Verkehr, Fischkopps Kolumne
21.05.2012

Neue Kampagne für mehr Rücksicht im Straßenverkehr

erstellt von Dirk Lau
Verkehrssicherheitskampagne Berlin

Christophorus trinkt »Rücksicht«

Verkehrssicherheitskampagne Berlin

Und auch der Autofahrer greift zur Dose.

Anfang Mai startete die Berliner Senatsverwaltung mit Unterstützung des Bundesverkehrsministeriums eine Kampagne für mehr Verkehrssicherheit und ein besseres Verkehrsklima auf den Straßen. Der Fokus soll dabei auf der wachsenden Zahl der Radfahrer liegen.

»Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht«. Paragraph 1 der Straßenverkehrsordnung sagt schon alles. Würde sich ihn jeder mobile Mensch zu Herzen nehmen, dann wäre Frieden auf Erden und auf den Straßen. Leider ist dem nichts so. Menschen im Straßenverkehr ärgern und streiten sich gegenseitig, nehmen sich Platz weg, verletzen und töten sich. Es braucht also weitere Regeln, Ermahnungen, Bußgeldkataloge und … Kampagnen, um sie an das Grundgesetz des Straßenverkehrs zu erinnern.

»Nehmt Rücksicht« lautet die Botschaft der Plakate, Internet-Filme, Facebook-Beiträge, Flugblätter und Radiospots der Kampagne, die Berlins Verkehrssenator Michael Müller (SPD) und Jan Mücke, parlamentarischer Staatssekretär von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU), am 13. Mai 2012 vorstellten. Sie startet in den Städten Berlin und Freiburg im Breisgau und ist zunächst für zwei Jahre geplant. Kostenpunkt: 750.000 Euro, die zur Hälfte aus Ramsauers Ministerium kommen. Weitere 120.000 Euro steckt die Unfallforschung der Versicherer (UDV) in das Projekt, und auch der Deutsche Verkehrssicherheitsrat sowie das Land Berlin beteiligen sich mit einem fünfstelligen Betrag.

Ziel der Kampagne ist, »für ein gleichberechtigtes und rücksichtsvolles Miteinander aller Verkehrsteilnehmer« zu werben. Dazu haben sich die Macher einen Kunstgriff ausgedacht: Das Thema »Rücksicht« wird beworben wie ein Produkt in einer stilisierten Werbewelt, die Plakate zeigen Radfahrer, Fußgänger und Autofahrer, die eine Getränkedose (!) namens »Rücksicht« in die Kamera halten. Dazu Slogans wie »Wirkt sofort«, »Stiftet Frieden« oder »Macht glücklich«.

Als Werbebotschafter tritt eine moderne Reinkarnation von Christophorus auf, der vom christlichen Schutzheiligen der Reisenden zum smarten Anzugträger im Dienste der Marke »Rücksicht« mutiert. Er gibt auf der Webseite www.rücksicht-im-strassenverkehr.de zehn Tipps, wie man sich im Straßenverkehr rücksichtsvoll verhält. Bei allen spielen Radfahrer eine Hauptrolle. Sie werden im ersten Tipp daran erinnert, nicht auf dem Gehweg zu fahren, dann sagt man Autofahrern, wie sie ihre Tür aufmachen sollen, ermahnt Radfahrer, nachts nicht ohne Licht zu fahren usw. usf.

Alle Rat- und Vorschläge sind zwar nicht neu, aber erst durch Wiederholung lernt der Mensch bekanntlich. Insofern hat jede Kampagne, die zu mehr Rücksicht aufruft, ihre Berechtigung.

Die Werbeidee mit Christophorus als Markenbotschafter für die Getränkedose »Rücksicht« soll, so die Verantwortlichen, irritieren, zum Nachdenken anregen und der Kampagne eine »charmant-ironische Note« verleihen.

Sie bewegt sich dabei zum Teil am Rande der Lächerlichkeit, zumal die Tipps bemüht witzig daherkommen. Ärgerlich werden die Ratschläge, wo sie alte Vorurteile kolportieren (etwa nicht mit »Knopf im Ohr« zu radeln) und fragwürdige Sichtweisen anbieten: »Und denk mal an den Autofahrer, bei dem du auf der Kühlerhaube landest. Er wird sich ewig Vorwürfe machen, obwohl er nichts dafür kann«, warnt der dritte Tipp Radfahrer vor Rotlichtverstößen. Das bewegt sich dann endgültig auf dem Niveau von Magazinen wie der Zeit, die in ihrer Ausgabe Nr. 20 vom 10.05.2012 das »gute Wetter« für die steigende Zahl tödlicher Verkehrsunfälle verantwortlich macht.

www.rücksicht-im-strassenverkehr.de