Fischkopps Kolumne
16.04.2012

Sehr geehrte Gewerkschaft der Polizei,

erstellt von Ulf Dietze
Radfahrer und Polizeiautos in Hamburg.

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft: Massenhafter Radverkehr und Gewerkschaftsmitglieder.

mit großem Ärger las ich die Pressemitteilung der GdP vom 10.04.2012. Unter anderem ist es Aufgabe der Polizei, dafür zu sorgen, dass die Verkehrssicherheit steigt. Das Gegenteil erreicht jedoch, wer eine Verkehrsteilnehmergruppe pauschal schlecht redet.

Denn: Ist eine Personengruppe erstmal auf diese Weise ausgegrenzt, so fällt es einer bestimmten Klientel besonders aggressiver Menschen um so leichter, sich diesen gegenüber rücksichtslos und besserwisserisch zu verhalten. Im Straßenverkehr resultieren daraus direkt gefährliche Situationen.

Fachlich verschieben die Hauptaussagen der GdP-Pressemitteilung die empirischen Zahlen auf ein Niveau von Stammtischparolen nach dem zwölften Bier. Am Beispiel Hamburg betrachtet, wären nämlich folgende Aussagen richtig:

  • RadfahrerInnen sind lediglich an rund 4,5 % aller Unfälle beteiligt, obwohl der Radverkehrsanteil am Verkehr bei rund 12 % liegt.
  • Radfahrer sind also deutlich weniger an Unfällen beteiligt, als es ihre Verkehrsteilnahme erwarten ließe.
  • Von den 4,5 % der Unfälle mit Beteiligung erwachsener Radfahrer werden mehr als zwei Drittel von Autofahrern verursacht.
  • Mit anderen Worten: Lediglich bei ca. 1,5 % der Unfälle in Hamburg ist ein Radfahrer der Hauptunfallverursacher.

Mir ist die Motivation der GdP für den völlig anders ausfallenden Tenor ihrer Pressemitteilung nicht bekannt. Allerdings darf es angesichts dieser öffentlich posaunten Verdrehung der Realitäten durch die Gewerkschaft der Polizei nicht verwundern, wenn Radfahrende Schwierigkeiten haben, Polizisten immer ernst zu nehmen.

Keine Frage: Es gibt unter Radfahrenden Fehlverhalten. Vieles, was regelwidrig ist, ist allerdings nicht auch gefährlich. Das Gegenteil kann sogar der Fall sein. Und trotzdem: Es bleibt ein Teil rücksichtslosen Fehlverhaltens. Gerne soll die Polizei dagegen vorgehen. Die Gewerkschaft tut sich aber keinen Gefallen, wenn sie pauschal verurteilt, künstlich (bis verfälschend) dramatisiert und so Aggressionen im Straßenverkehr Vorschub leistet.

Das wird auch den in dieser Gewerkschaft organisierten Mitgliedern nicht gerecht, die im Regelfall deutlich besser differenzieren können, als der Stammtisch.

[Update, 01.07.2012]: Die GdP hat auf den Brief nicht geantwortet

Pressemitteilung der Gewerkschaft der Polizei vom 10.04.2012 (unredigiert):

Missachtung von Verkehrsregeln ist unter Radfahrern inflationär

Berlin. Die notorische Übertretung von Verkehrsregeln lediglich einer kleinen Gruppe von »Kampfradlern« zuzuschreiben, bedeute nach Auffassung der Gewerkschaft der Polizei (GdP), das Problem zu verniedlichen. GdP-Bundesvorsitzender Bernhard Witthaut: »Die Missachtung von Verkehrsregeln unter Radfahrer ist inflationär, an keine Altersgruppe oder soziale Schichtung gebunden. Anzugträger ignorieren rote Ampel ebenso wie Kinder, junge Mütter, Jugendliche und auch ältere Menschen. Die Verkehrspolitik muss die explodierende Zunahme des Fahrradverkehrs ebenso stärker in den Focus nehmen, wie das Verhalten der seiner Teilnehmer.«

Die Gründe, so Witthaut, vom Auto auf das Fahrrad umzusteigen, seien alle begrüßenswert. »Wer die hohen Spritpreise nicht akzeptiert, mehr für die Umwelt oder für seine Gesundheit tun will, sollte allerdings durch sein Verkehrsverhalten diese Absichten nicht konterkarieren und insbesondere die Pflicht zur gegenseitigen Rücksichtnahme nicht vernachlässigen.«

Einen Grund für die sinkende Verkehrsmoral unter Radfahrern sieht Witthaut in der mangelnden sichtbaren Präsenz der Polizei: »Kaum jemand muss damit rechnen erwischt zu werden, weil die Polizei nicht genug Personal hat den Straßenverkehr insgesamt, besonders aber das Verkehrsverhalten von Fußgängern und Radfahrern spürbar zu überwachen.« Bei Schwerpunktkontrollen stelle die Polizei zudem ein sinkendes Unrechtsbewusstsein fest. Witthaut: »Viele Radfahrer empfinden es fast als Zumutung, wenn sie auf Verkehrsübertretungen hingewiesen werden.«