03.08.2014

Vorfahrt fürs Rad!

Von: Dirk Lau

Im September geht eine Ära zu Ende: Kirsten Pfaue, seit 2008 im Vorstand und seit 2010 Vorsitzende des ADFC Hamburg, kandidiert nicht mehr. Auch Ingo Seidt, ebenfalls seit 2008 im Vorstand, hört auf. Anlass genug, im allfälligen Jahresbericht des Vorstands weiter zurückzublicken. Radverkehr in Hamburg boomt, immer mehr Menschen nutzen das Rad im Alltag, entlang der Außenalster sollen bald Fahrradstraßen führen und zuletzt ließ sich sogar der Erste Bürgermeister auf einem StadtRad fotografieren – wie konnte es soweit kommen?

Drei Radfahrerinnen, die den ADFC Hamburg in den letzten Jahren maßgeblich mitgestaltet haben: Kirsten Pfaue, Landesvorsitzende, Johanna Drescher, Leiterin der Geschäftsstelle, und Merja Spott, Referentin für Verkehr.
Der seit 2010 aktive Vorstand aus Susanne Elfferding, Dirk Pfaue, Dirk Lau, Kirsten Pfaue und ...
... Ingo Seidt, hier bei der Auftaktveranstaltung »Mit dem Rad zur Arbeit« 2013 in der Hamburger Börse.
Über die »Goldene Palme« für die Radreise Hamburg-St. Petersburg freut sich Kirsten Pfaue bei der Preisverleihung in Berlin am 8.3.2012 gemeinsam mit Inge Hauer, Geschäftsführerin »Die Landpartie« (Mitte).

Aufräumen, raus aus der Krise, neu aufbauen – so lässt sich die erste Phase der Vorstandstätigkeit von Kirsten Pfaue und Ingo Seidt in den Jahren 2008 bis 2010 überschreiben. In diese Phase fiel zuerst und als dringlichste Aufgabe die Neustrukturierung der Geschäftsstelle. Mit der Einstellung von Johanna Drescher und Merja Spott sowie der Weiterbeschäftigung von Thomas Nittka konnte ein schlagkräftiges Team von Hauptamtlichen gebildet werden.

Der organisatorische, personelle Neuanfang in der Geschäftsstelle ging einher mit einer Neuaufstellung der ehrenamtlichen und politischen ADFC-Arbeit sowie des Vereins an sich: Neujahrsempfang, Relaunch der Website, Start einer Facebook-Seite, jährliche Aktivenwochenenden und thematische Jahreskampagnen und Arbeitsschwerpunkte wie »Ab auf die Straße« und »Willkommen im Club« zeugten von einer Professionalisierung des gesamten Vereinsauftritts sowohl nach außen als auch nach innen, sei es bei Presseanfragen, sei es bei öffentlichen Aktionen und Veranstaltungen.

Verkehrspolitik

Das Herzstück der Vereinsaktivitäten bildete – neben den Touren – auch nach 2008 die verkehrspolitische Lobbyarbeit. Resultat intensiver Diskussionen war das im September 2010 verabschiedete Leitbild des ADFC Hamburg mit dem Titel »Vorfahrt fürs Rad – Unsere Vision einer modernen Mobilität«. Der Verein skizziert darin seine Vorstellungen und Bedingungen, »wie Radfahren in Hamburg sein sollte, damit wir unser Ziel eines Radverkehrsanteils von 25 % bis 2015 erreichen«. An dieser Vision wollte der Vorstand mit Kirsten Pfaue an der Spitze »in den nächsten zwei Jahren gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt arbeiten«.

Vier Jahre später sind Hamburg und der ADFC zwar noch ein wenig von diesem durchaus sportlich zu nennenden Ziel entfernt. Doch mit der Kampagne »Ab auf die Straße«, die von den Aktiven mit viel Herzblut durchgeführt wurde, und dank der kontinuierlichen Lobbyarbeit durch Merja Spott und Susanne Elfferding sowie mithilfe der Aktiven des von Jens Deye geleiteten Arbeitskreises Verkehr konnte der Verein seit 2010 durchaus neue Akzente in der Hamburger Verkehrspolitik setzen. Inzwischen preisen alle politischen Parteien das Rad als das beste Verkehrsmittel in der Stadt. Auch gilt der ADFC Hamburg bei Behörden, Politik und Presse heute als kompetenter, gut vernetzter und angesehener Gesprächspartner in allen Fragen der städtischen Mobilität.

Öffentlichkeitsarbeit und Kooperationen

Die seit 2010 rasant wachsende Aufmerksamkeit für das Thema Radverkehr und die Identifikation des ADFC mit diesem Thema in den Medien spiegelten sich in einer – jedenfalls in den sonnigen Monaten – fast permanenten Präsenz des Vereins und seiner Vertreter in der Berichterstattung von TV, Print und Radio wider. Das Fahrrad ist angekommen in den Herzen der Menschen und auch in den Köpfen der so genannten Entscheidungsträger. Jetzt müssen sie »umsetzen«, was der ADFC seit Jahren fordert, um aus der alten Autostadt Hamburg endlich eine moderne, fahrradfreundliche Metropole zu machen.

Nach dem erfolgreichen Neustart des Vereins standen die nächsten zwei Vorstandsjahre von 2010 bis 2012 aber vor allem im Zeichen neuer Kooperation: »Meine liebste Vorstandszeit«, sagt Kirsten Pfaue, die für diesen Bereich verantwortlich war. Verständlich: Denn die zusammen mit dem Veranstalter »Die Landpartie« neu auf die Beine gestellte ADFC-Radreise Hamburg-St. Petersburg, eine auf drei Etappen verteilte, 2000 km lange Tour entlang der Ostseeküste, übertraf (und übertrifft) seit 2010 alle Erwartungen und entwickelte sich zu einem Riesenerfolg. Die Kooperation spülte dem Verein nicht nur Geld in die stets klamme Kasse. ADFC Hamburg und Landpartie bekamen dafür auch auf der Internationalen Tourismus-Börse 2012 eine »Goldene Palme« verliehen.

Damit nicht genug: Zusammen mit Hamburgs Verkehrsbetrieben brachte der Verein im Frühjahr 2013 das »ADFC-HVV-Faltrad« an den Start, das wie geschnitten Brot über den Ladentisch ausgewählter Fachhändler ging. Auch einen neuen Service für ADFC-Mitglieder – die kostenlose Rechtsberatung bei einer auf Radverkehrsrecht spezialisierten Anwältin in Hamburg – leitete Pfaue in die Wege.

Natürlich klappte nicht alles, was sich der Vorstand vorgenommen hatte. So steht ein funktionierendes Konzept für die Fördermitglieder des ADFC Hamburg ganz oben auf der To-do-Liste des im September neu zu wählenden Vorstands. Und ein weiterer Punkt liegt Pfaue am Herzen: »Der Tourenbereich als Herzstück des ADFC-Angebots sollte weiter ausgebaut und modernisiert werden«. Ein guter Auftakt dazu sei das Aktivenwochenende im November 2013 ge- wesen, bei dem sich die Aktiven intensiv mit dem Arbeitskreis Tour beschäftigten.

Mitglieder und Finanzen

Ingo Seidt kümmerte sich als Vorstand vor allem um Hauptamtliche, Hardware und Website – alles auf eher geräuschlose, aber nicht minder effektive Weise. So kann er sich viele Mitarbeitergespräche und die Aufstockung der hauptamtlichen Arbeitszeit auf seine Fahnen schreiben.

Für die Sicherstellung der Finanzen und das Mitgliederwachstum sorgte in erster Linie das zweite Mitglied der Familie Pfaue im Vorstand. Als »Finanzchef« machte Dirk Pfaue die Finanzierung von Arbeitszeiterhöhungen, technischen Neuanschaffungen sowie eine stabile und verlässliche Haushaltsplanung möglich. Seit 2008 stieg die Mitgliederzahl des ADFC Hamburg immerhin um 900 Mitglieder von 6.100 auf 7.000 – das sind knapp 15%. Gleichwohl gilt: »Der ADFC Hamburg braucht mehr Mitglieder«, so Pfaue. »Sie sind das personelle und finanzielle Rückgrat erfolgreicher Arbeit.«

Es ließen sich noch einige Erfolgsgeschichten wie die Radreise-Messe oder die Gründung neuer Bezirksgruppen erzählen oder eben auch offene Baustellen wie das Tourenprogramm aufführen. Doch um die Zukunft des Vereins und seiner Vision ist Kirsten Pfaue nicht Bange, denn sie weiß: »Wir brennen alle für das gleiche: Radfahren!«

Dirk Lau in RadCity 4/2014