RadCity, Verkehr
02.12.2009

»Der klare Kopf trifft die besten Entscheidungen«

Von: Amrey Depenau
Dr. med Sinje Sperber rechnet mal schnell ...
... den Alkoholpegel der Redakteurin am Vorabend aus.

Im Gespräch mit Dr. med. Sinje Sperber

Alkohol am Lenker – was passiert eigentlich im Körper, wenn wir uns das ein oder andere Gläschen genehmigen? An einem Sonntagmorgen im November treffe ich Dr. med. Sinje Sperber in einem Eimsbüttler Café, um diese und weitere Fragen zu klären. Der Teufel Alkohol will es, dass ich just am vorherigen Abend eine Art Selbstversuch durchgeführt habe. Nach einem starken Kaffee und einem Stück New York Cheese Cake kehren langsam die Lebensgeister zurück und ich sehe meinen Zustand als Chance.

Formel

Zunächst erklärt mir Dr. Sperber die so genannte Widmark-Formel, mit der Pathologen errechnen, wie hoch die Alkoholkonzentration im Blut einer Person ist, wenn sie zum Zeitpunkt X eine Menge Y an Alkohol getrunken hat. Mein vor­abendlicher Konsum dient als Beispiel. Der Tintenroller wirbelt über das Papier, bis mir erneut schwindelt. Das Ergebnis ist erschreckend.

Wirkung

Was aber bedeutet die Promille-Zahl? – Dr. Sperber drückt es so aus: »Schon ab 0,3 Promille setzt die „erwünschte“ Wirkung des Alkohols ein: Man fühlt sich entspannt, leicht euphorisch, empfindet Wärme durch die Gefäßerweiterung. Insgesamt lässt sich das als Enthemmung zusammenfassen. Mit zunehmendem Konsum zeigen sich dann die negativen Folgen: mangelnde Risikoeinschätzung, Reaktionsverlangsamung, motorische Ungenauigkeit.«
Daher also die typischen Fahrradunfälle unter Alkoholeinfluss: »Ach, ich fahr mal eben den Kantstein hoch. Mist, es regnet ja. Ich rutsche weg! Oh, ich schaffe es nicht zu bremsen. Aua!«

Ein besonderer Effekt tritt ein, wenn man z.B. ein Glas Sekt auf nüchternen Magen trinkt. Dann gelangt der Alkohol »an der Leber vorbei« direkt ins Gehirn und erzeugt dieses »angetüdelte« Gefühl, obwohl die Promille-Zahl noch sehr gering ist, erklärt Dr. Sperber.

Essen

»Ach,« werfe ich ein, »hätte ich also die Wirkung verringert, wenn ich statt eines Salates vorher Grünkohl mit Kassler gegessen hätte?« Dr. Sperber verneint: »Nicht verringert, sondern nur verändert. Das Fett bindet den Alkohol und lässt ihn verzögert ins Blut gelangen. Das heißt, dass die Spitzenwerte zwar niedriger sind, der Effekt dafür aber länger anhält.«

Als Frau habe ich es übrigens auch noch besonders schwer: Zum einen habe ich im Durchschnitt ein geringeres Körpergewicht als ein Mann, zum anderen baue ich hormonell bedingt den Alkohol schlechter ab. Deshalb darf ich auch maximal ein Glas Wein oder ein Weizenbier täglich trinken, ohne meinen Organismus zu schädigen. Für Männer gelten die doppelten Werte.

Klarer Kopf

Als aktive Alltagsradlerin und langjähriges ADFC-Mitglied rät uns Dr. Sperber abschließend, lieber einmal mehr vom Rad zu steigen. Allerdings sei natürlich die Gefahr, die von einer betrunkenen Radfahrerin ausgehe, ungleich geringer als jene durch einen betrunkenen Autofahrer. »Doch trifft der klare Kopf natürlich die besten Entscheidungen«, betont sie.

Ich jedenfalls bin ja am Vorabend heil nach Hause gekommen. Und fürs Protokoll habe ich natürlich geschoben ;-)

Amrey Depenau in RadCity 6/2009

Die Widmark-Formel zur Bestimmung der Alkoholkonzentration im Blut wurde von dem schwedischen Chemiker Erik M. P. Widmark entwickelt.

Online findet sich auch ein komfortabler Promille-Rechner, der neben Menge und Art des Alkohols auch die Aufnahmezeit und die Ernährung einbezieht.