Verkehr
03.10.2016

Sollten Radfahrer auch bei roter Ampel fahren dürfen?

Von: Amrey Depenau

Wer bei roter Ampel eine Kreuzung überfährt, begeht einen Regel­verstoß, der mit hohen Bußgeldern geahndet wird. Der Vorschlag, für Fahrräder Ausnahmen von dieser Regel zu gestatten, führte in jüngster Zeit zu hitzigen Debatten. Amrey Depenau und Marco Silla stellen den Vorschlag zur Diskussion. Diskutieren Sie mit! Die Beiträge können via Facebook kommentiert werden.

Legalize it!

Ampel in Frankreich - mit Abbiegeerlaubnis für Radfahrer bei Rot. Wikimedia Commons
Vive la France! Seit 2012 erlaubt ein Zusatzschild an Ampeln Radfahrer*innen in Frank­reich, bei Rot zu queren. Ein Pfeil zeigt die freigegebene Fahrtrichtung.

Radfahrende kennen das: Man kommt an einer beliebigen Kreuzung an. Die Ampel zeigt rot. Doch der kreuzende Verkehr ... ist nicht vorhanden. Oder noch weit entfernt. Oder steht. Da steht man dann. Und steht. Denn gerade in Hamburg sind die Grünzeiten für das Rad gerne an die der zu Fuß Gehenden gekoppelt. Die sind bekanntlich deutlich langsamer unterwegs als Radfahrer*innen und benötigen lange Räumzeiten. Auch auf der Fahrbahn stellt uns die Ampelschaltung für den motorisierten Verkehr vor einige Herausforderungen. Sie ist nämlich in der Regel auf eben diesen ausgerichtet.

Keine Unfallursache

So sieht man nicht selten Radler*innen bei Rot über eine Ampel fahren – ein Vergehen, das mit Bußgeldern von mindestens 60 Euro belegt wird. Gerne warnt auch die Polizei, nicht bei Rot zu fahren. Um der eigenen Sicherheit willen. Dabei wird anders herum ein Schuh daraus: Nur fünf Prozent aller Personenschäden durch Verkehrsunfälle wurden in Hamburg in 2015 durch »Nichtbeachten der Verkehrsregelung durch Lichtzeichen« verursacht. 21,4 Prozent hingegen durch Fehler beim Abbiegen, Wenden, Rückwärtsfahren. (Vergleiche Verkehrsunfallstatistik Hamburg)

Genau diese Unfälle beim Abbiegen passieren häufig an – grünen – Ampeln. Radfahrende sehen, dass sie Grün haben und wähnen sich in Sicherheit; der/die Fahrer*in des Motorfahrzeugs »übersieht« das Rad beim Abbiegen. Wer stattdessen weiß, dass er bzw. sie fahren kann, wenn die Fahrbahn frei ist, trainiert ständig, den Verkehr im Blick zu haben, Gefahren einzuschätzen, sich nur auf sich selbst zu verlassen.

Pilotprojekt

Aber das können die Radfahrenden in Deutschland nicht, behaupten viele Kommentare in den (sozialen) Medien. Sie sind stur und können nicht mit flexiblen Lösungen umgehen. Ich setze dagegen: Je mehr wir als Fahrradfahrer*innen im Straßenverkehr ernst genommen werden, desto weniger Bedarf haben wir, ständig unsere eigenen Regeln zu kreieren. Dass das nicht von einem zum anderen Moment klappt, ist auch klar. Aber irgendwann sollten wir anfangen. Warum nicht in Hamburg mit einem Pilotprojekt »Ampel = Stoppschild« einmal ausprobieren, wie der Hamburger Verkehr auf eine solche Regelung reagiert? Das wäre mal was. Und jetzt Shitstorm. Ich freu‘ mich darauf.

Amrey Depenau in RadCity 5/2016


Kommentar: Keine Todsünde

Rechtsabbiegen bei Rot: Machbar aber verboten.

Nicht jedes Überfahren einer roten Ampel mit dem Rad ist gefährlich und eine Todsünde, auch wenn es die Medien gerne so darstellen oder sich das einige Autofahrer vielleicht wünschen, um sich im Verkehr nicht benachteiligt zu fühlen. Sofern man dabei keine anderen Verkehrsteilnehmer gefährdet, behindert oder irritiert und keine uneindeutige Verkehrssituation verursacht, sollte das doch möglich sein. In anderen Ländern ist das offensichtlich so: Radfahrende dürfen an ausgewählten Kreuzungen bei Rot rechts abbiegen oder geradeaus fahren und die Unfallzahlen sind nicht angestiegen. Es gibt also keinen Sicherheitsaspekt, der grundsätzlich dagegen spricht.

Kein Konlifktpotential

Dafür wäre die Erlaubnis bei Rot zu fahren eine deutliche Förderung des Radverkehrs. Radfahrende kommen flüssiger voran und fühlen sich ernst genommen. Das erhöht möglicherweise die Regelakzeptanz an anderer Stelle. Das oft gehörte Argument »Die Radfahrer halten sich ja sowieso an keine Regeln« verliert an Aussagekraft, wenn man einerseits betrachtet, dass es trotz der gefühlt massenhaften Regelverstöße relativ wenige Unfälle gibt. Und andererseits: Die »Rüpel-Radfahrer« werden sowieso bei Rot fahren – egal ob erlaubt oder nicht. Aber um die geht es gar nicht. Es geht um diejenigen, die regelkonform bei Rot an der Kreuzung stehen bleiben und dadurch oftmals unnötig ausgebremst werden. Würde man ihnen zusätzliche Freiheiten geben, so würden sie diese gewissenhaft und verantwortlich nutzen. Mit einem größeren Konfliktpotential auf den Straßen wäre nicht zu rechnen. Begleitende Informationen von verantwortlicher Seite wären dabei sicherlich hilfreich.

Radverkehr fördern

Eine Parallele zu der Diskussion über die Freigabe bei Rot findet sich in der Regelung zur Freigabe von Einbahnstraße in Gegenrichtung für Radfahrende. Es wurde letztlich etwas legalisiert, was schon jahrelang verbotenerweise funktioniert hatte, ohne dass es zu Unfällen gekommen war. Wenn die Förderung des Radverkehrs in Hamburg ernst gemeint und nicht nur ein Lippenbekenntnis ist, dann muss sich die Stadt bundesweit für eine entsprechende Änderung der Straßenverkehrsordnung stark machen oder Pilotprojekte werden. Wenn wir demnächst sogar Pilotstadt für fahrerlose Autos werden, sollte das doch wohl möglich sein, oder? Argumentativ steht dem nichts entgegen.

Marco Silla in RadCity 5/2016


Anderswo klappt‘s

Rechtsabbieger Frei - Ampel mit Zusatzschild in Basel
Rechtsabbieger Frei - Ampel mit Zusatzschild in Basel (Schweiz)

»Rechtsaf voor fietsers vrij« (rechts abbiegen für Rad Fahrende frei) heißt es bereits seit 1990 in den Niederlanden. Die entsprechende Regelung in Frankreich heißt »Tourne à droite cycliste« und wurde nach erfolgreichen Pilotphasen in ausgewählten Städten (Bordeaux, Nantes und Straßburg) im Jahr 2012 offiziell. Belgien hat, nach einer eigenen Testphase, die französische Regelung ein halbes Jahr später übernommen. Gemeinden und Städte haben seitdem die Möglichkeit, Radfahrenden das Abbiegen und teilweise auch das Geradeausfahren bei Rot zu erlauben. Auch in der Metropole Paris wird diese Regelung angewandt, ohne dass seitdem eine höhere Gefährdung für Radfahrende oder andere Verkehrsteilnehmer festgestellt wurde. In Basel in der Schweiz läuft eine Testphase deren Zwischenergebnis ebenfalls keine Zunahme der Unfälle aufzeigt.

Je nach Land wird Radfahrenden das Rechtsabbiegen bei Rot an ausgewählten Kreuzungen mit Schildern oder Blinksignalen erlaubt. Auch das Geradeausfahren bei Rot kann Radfahrenden beispielsweise bei T-Kreuzungen erlaubt werden, die sich an der kreuzungsfreien Seite befinden und wo sie gegebenenfalls nur Fußgängerüberwege kreuzen. Bei Nutzung der Regelung müssen die Radfahrenden den bevorrechtigten Verkehrsteilnehmern (zu Fuß Gehende, Radfahrende, Kfz-Verkehr) Vorrang geben.

Info bei Wikipedia

Artikel in der Süddeutschen