21.12.2014

Verkehrsbehörde hält an »Bettelampeln« fest

Von: Ulf Dietze, Dirk Lau

Die von Senator Horch geleitete Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation (BWVI) weigert sich, Ampeln so zu schalten, dass die Benachteiligung für FußgängerInnen und Radfahrende durch »Bettelampeln« an Kreuzungen beseitigt wird. Wenn’s konkret wird, hat also immer noch der Autoverkehr Vorrang für den SPD-Senat.

Eine der »Bettelampeln«, die die BWVI in ihrer Liste »vergessen« hat: Bramfelder Chaussee/Haldesdorfer Straße
Eine der »Bettelampeln«, die die BWVI in ihrer Liste »vergessen« hat: Bramfelder Chaussee/Haldesdorfer Straße

»Bettelampeln«, also Lichtsignalanlagen mit Anforderungstaster, sorgen dafür, dass FußgängerInnen und Radfahrende an Kreuzungen nicht mehr gleichzeitig automatisch mit dem parallelfahrenden Autoverkehr Grün erhalten. Für sie gibt es nur dann Grün, wenn sie vorher einen so genannten Anforderungstaster betätigen. Wer während der Grünphase für den Autoverkehr auf den Taster drückt, erhält aber auch dann kein Grün, sondern muss bis zur nächsten Grünphase warten.

»Diese Bettelampeln diskriminieren Fuß- und Radverkehr, der um Grün ,betteln’ muss, während der parallele Autoverkehr es automatisch erhält«, kritisierten Abgeordnete der LINKEN in Wandsbek in einer Anfrage. Diese Ampeln seien ein Symbol einer veralteten Verkehrspolitik, die einseitig den Autoverkehr bevorzuge und FußgängerInnen und Radfahrende nur als lästige Begleiterscheinung betrachte. Die LINKEN wollten von der BWVI wissen, wieviele dieser Ampeln es in Wandsbek gebe und ob geplant sei, sie fußgänger- und radfahrerfreundlich umzubauen.

Am 18. Dezember 2014 antwortete die BWVI: »Bei der Einrichtung einer solchen Ampel werden die Bedürfnisse aller Verkehrsteilnehmer entsprechend ihren tatsächlichen Bedarfen adäquat berücksichtigt. Grundsätzlich ist es sinnvoll, einer Gruppe von Verkehrsteilnehmern nur dann Grünzeit zur Verfügung zu stellen, wenn hierfür tatsächlich eine Nachfrage vorhanden ist. Dies gilt sowohl für den Kraftfahrzeugverkehr, der Grün anfordern muss, dies allerdings durch in die Fahrbahn verlegte Anforderungsschleifen tut, als auch für Fußgänger und Radfahrer, die ihren Bedarf durch Betätigen eines Tasters oder über Anforderungsschleifen in der Fahrbahn anmelden, bzw. von Videodetektoren erfasst werden.«

Was die BWVI verschweigt: Die Anforderung durch FußgängerInnen und Radfahrende verschafft dem parallelen Autoverkehr sehr wohl eine Grünphase. Fordert der Autofahrer Grün an, bekommt der parallele nichtmotorisierte Verkehr hingegen kein Grün. Nach dieser Logik des »nachfragegerechten Grünsignals« unterstellt die BWVI also, dass bei AutofahrerInnen immer Bedarf besteht und bei anderen VerkehrsteilnehmerInnen nie.

Auch lenkt die Behörde in ihrer Antwort davon ab, dass natürlich FußgängerInnen und Radfahrende an die Ampel gelangen (also eine »Nachfrage« vorhanden ist), sie aber sehr oft warten müssen und erst im übernächsten Phasenumlauf Grün erhalten: Weil sie Sekunden zu spät kamen, weil sie den Anforderungstaster nicht gedrückt haben. Wie vernünftig Rad gefahren werden soll, wenn man grundsätzlich auf jede Ampel zurasen und dort anhalten muss, damit man möglichst noch rechtzeitig den Taster betätigen kann, erklärt die BWVI auch nicht. Bei automatischer Schaltung könnten Radfahrende hingegen mit angepasstem Tempo an die Ampel heranfahren, weil man abschätzen kann, wann das Grünsignal kommt. Vorausschauende RadfahrerInnen könnten so eine Strecke ohne Stopp durchfahren.

Die BWVI weiter: »Anforderungstaster können beispielsweise an Kreuzungen mit einem sehr niedrigen Fuß- und Radverkehr, aber sehr hohem Kraftfahrzeugverkehr sinnvoll sein, insbesondere wenn Buslinien beschleunigt geführt werden sollen, wie es hauptsächlich im Bezirk Wandsbek der Fall ist.«

Bettelampeln machen dieser Logik nach also dann Sinn, wenn die ausbleibende Grünphase des Fußverkehrs dazu genutzt werden kann, der Hauptlastrichtung eher wieder Grün zu geben. Sobald aber durch nachfolgende Autos während eines Grünsignals der Nebenrichtung dieses »Autogrün« so lange dauert, dass auch eine normale Grünphase für Fußgänger hineingepasst hätte, geht diese Rechnung schon nicht mehr auf. Anders ausgedrückt: Ein Grünsignal für Fußgänger stört den Abbiege-Autoverkehr nicht, wenn kein Fußgänger da ist. Ein Grünsignal für Fußgänger hat seine Berechtigung, wenn doch ein Fußgänger da ist. Logische Konsequenz: Grünsignal für Fußgänger sollten immer gegeben werden mit dem parallel startenden Autoverkehr und nicht erst »erbettelt« werden müssen.

In den letzten fünf Jahren wurde keine einzige Bettelampel im Bezirk Wandsbek abgebaut. Es besteht nach Aussage der BWVI auch nicht die Absicht, dies in Zukunft zu tun.

Dabei sprechen aber auch Überlegungen zur Verkehrssicherheit für die Abschaffung der »Bettelampeln«: Die Erfahrung zeigt nämlich, dass es an Kreuzungen mit solchen Anlagen häufiger zu Rotlichtverstößen kommt als bei Kreuzungen mit automatischen Schaltungen. Wenn VerkehrsteilnehmerInnen so offensichtlich benachteiligt werden wie durch Bettelampeln, sinkt ihre Bereitschaft, Verkehrsregeln zu akzeptieren.

 

Zudem widersprechen Bettelampeln dem Ziel aller politischen Parteien, einen attraktiven, zügigen und sicheren Radverkehr in Hamburg zu gestalten und zu fördern, um so den Radverkehrsanteil in der Stadt zu erhöhen. Bettelampeln sind vielmehr verkehrstechnische Überreste aus der Zeit der autogerechten Stadt – es ist höchste Zeit, sie abzuschalten.

ADFC-Position

Anfrage der LINKEN mit Antwort der BWVI