09.04.2017

Umleitung für die Tiergartenstraße

Von: Amrey Depenau
Bauarbeiten am CCH: Sperrung der Tiergartenstrae. Im CCH-Logo sind die Verkehrszeichen "Verbot für Fußgänger" und "Verbot für Radfahrer" eingearbeitet adfc hh/Montage: D. Kolaja
Bauarbeiten am CCH führen zur Sperrung der Tiergartenstraße - mit weit reichenden Folgen für den Radverkehr in der Umgebung des Dammtorbahnhofs.

Echauffiert habe ich mich ja schon. In der RadCity-Kolumne in Ausgabe 1.2017. Seitdem ist zumindest vordergründig nichts passiert. Hinter den Kulissen natürlich schon. Einige Betroffene haben sehr ausführliche und wohl durchdachte E-Mails geschrieben. An all jene, von denen sie vermuten, dass diese Einfluss nehmen könnten. Allein, wie so häufig, die zu bohrenden Bretter sind reichlich dick. Auf der Seite der E-Mail-Empfänger*innen trafen sie auf eine Wand aus freundlichen Allgemeinplätzen.

Sperrung bis 2019

Aber noch einmal kurz für alle, die sich nicht erinnern: Die Tiergartenstraße am Congress Center Hamburg (CCH) ist seit Anfang diesen Jahres für jeglichen Durchgangsverkehr gesperrt, da das Gebäude in großem Stil modernisiert wird. Das wird voraussichtlich bis 31. Dezember 2019 (!) dauern. Radfahrer*innen werden per Ausschilderung auf die andere Seite des Bahndammes verwiesen und gebeten, dort die Radverkehrsanlagen zwischen Rentzelstraße und Dammtorbahnhof zu nutzen. Na, ist doch wunderbar, denken sich Ortsunkundige. Dann ist ja alles ok. Es gibt eine Ausweichstrecke.

Nachgehakt

Beschilderung An der Verbindungsbahn Richtung Dammtorbahnhof adfc hh/A. Depenau
Sebastian kann über diese Umleitungesempfehlung nur den Kopf schütteln

An dieser Stelle wird es kompliziert. Um zu verstehen, weshalb genau diese Umleitung eine Zumutung ist, muss man wissen, dass der Abschnitt Edmund-Siemers-Allee (ESA) im Zuge der Busbeschleunigung 2012/13 umgebaut wurde. Radfahrer*innen werden hier auf den schlecht gepflegten und unübersichtlichen Zweirichtungsradweg vor dem Uni-Gebäude gezwungen – stadteinwärts ist ihnen der Gehweg rechts der Fahrbahn durch Umlaufsperren und per blauem »Fußgänger only«-Lolly versperrt.

Dieser Affront gegenüber den Alltags­rad­ler*in­nen war seinerzeit nur hinnehmbar, da Durchreisende aus dem Westen auf dem Rad ohnehin meist durch die Tiergartenstraße fuhren - und dann auf der Rückseite des Bahnhofs über die Brücke und weiter durch den Park Richtung Kennedybrücke radelten. Genau das ist ihnen aber nun verwehrt. Und ausweichen sollen sie auf eben diese Zumutung. Von den Radverkehrsanlagen auf dem Rest der Strecke ganz zu schweigen.

An dieser Stelle kommt jetzt die oben erwähnte Wand wieder ins Spiel. Einige Alltagsradler wollten das Ganze nicht auf sich beruhen lassen. Sie schrieben die oben erwähnten E-Mails an Politik, Behörde und auch den ADFC Hamburg und erhielten wahlweise keine Antwort oder solche mit Inhalten wie »Wir prüfen derzeit alternative Ausweichrouten« oder »Wir sind mit den zuständigen Stellen in Kontakt«. Gerne auch in der Art von »2018 wird aber alles ganz toll«.

Ab voraussichtlich Juli dieses Jahres erhält der Streckenabschnitt An der Verbindungsbahn - Bundesstraße - Edmund-Siemers-Allee in beiden Richtungen Radfahrstreifen. Die sind überwiegend ordentliche zwei Meter breit und werden für Alltagsradler*innen vermutlich eine akzeptable Lösung sein – wenn auch weniger lauschig als auf der autoarmen Tiergartenstraße. Während der Bauphase, die wohl bis Mitte 2018 dauern wird, können allerdings die bisherigen Radverkehrsanlagen nicht oder nur teilweise genutzt werden.

Wenig Akzeptanz

Radlerin fährt durch Umlaufsperre adfc hh/A. Depenau
Viele Radler*innen umfahren die Umlaufsperren.

Wer momentan auf seinem Arbeitsweg aus Richtung Altona oder Sternschanze zum Dammtor will, muss zunächst den buckligen Handtuchradweg An der Verbindungsbahn und Bundesstraße nutzen und dann an der Kreuzung Grindelallee mit zwei Ampelphasen auf die nördliche Seite der ESA wechseln. Am Dammtor geht es dann wieder zurück auf die Südseite. Das kostet Zeit und vor allem Nerven. Zu Fuß Gehende, die einem vors Rad laufen, kreuzende und entgegenkommende Radler*innen, der normale Wahnsinn am Zugang zur Universität. Natürlich setzen sich die wenigsten dem aus. Entsprechend heikel ist die Situation auf dem südlichen Bordstein. Bei einem Ortstermin mit Sebastian, einem Alltagsradler, der die Strecke mehrfach in der Woche fährt, kamen uns im Minutentakt Radler*innen entgegen, als wir zu Fuß Richtung Grindelallee gingen. Das Verhalten soll hier natürlich nicht gut geheißen werden, aber wie lautet noch das Sprichwort? Viele Fliegen auf der Scheiße können nicht irren.

Engpass und Bauphase

Warum nun diese ausführliche Schilderung? Wir wissen, dass Forderungen nach einem provisorischen Fuß- und Radweg entlang der Tiergartenstraße keine Erfolge zeitigen können. Das Gelände gehört dem CCH und wenn die nicht wollen, können wir uns auf den Kopf stellen. Die Ausweichstrecke St. Petersburger Straße, die ebenfalls ins Spiel gebracht wurde, wäre nur mit gravierenden Maßnahmen in der Jungiusstraße interessant. Also ist An der Verbindungsbahn – Bundesstraße – ESA das Nadelöhr.

So bleibe ich bei dem, was auch schon der Tenor der Kolumne war: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, zu zeigen, dass Hamburg den Radverkehr und insbesondere die Alltags*radlerinnen ernst nimmt, indem für die Bauphase ein genügend breiter provisorischer Streifen auf der Fahrbahn markiert wird. Da der Streckenabschnitt ESA allerdings wohl erst 2018 angefasst wird, muss es zudem eine sofortige Lösung für den Radverkehr dort stadteinwärts geben. Wenn schon zunächst kein provisorischer Radfahrstreifen auf der Fahrbahn, dann zumindest die offizielle Umwidmung der Nebenfläche zum reinen Radweg und Entfernung der Umlaufsperren. Um dies zu erreichen, sollten sich nun alle Stellen einsetzen, insbesondere auch die Radverkehrskoordinatorin Kirsten Pfaue und der verkehrspolitische Sprecher der Hamburger Grünen, Martin Bill. Über die Verkehrsausschüsse wird auch der ADFC das Thema einbringen.

Der für die Baumaßnahmen zuständige Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG) favorisiert wohl ebenfalls die Fahrbahnlösung, braucht aber sicher eine breite Brust, wenn er sich gegen die Verkehrsdirektion und das zuständige Polizeikommissariat durchsetzen will. Klar ist auch, dass eine Fahrbahnlösung auf Kosten des Kraftverkehrs die Medien auf den Plan rufen wird. »Stauwahnsinn für Radfahrer« oder ähnlich werden die Boulevardblätter tröten. Da gilt es einen langen Atem zu haben und positive Akzente zu setzen. Der ADFC macht mit diesem Artikel den Anfang.

Amrey Depenau in RadCity 2/2017