02.04.2012

Die Einbahnstraße im Dorf lassen?

Von: Ulf Dietze

Bei der Umgestaltung einer Straße am Volksdorfer Bahnhof gehen die Meinungen weit auseinander.

Seit mehreren Jahren tobt in Volksdorf ein Glaubenskrieg. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Stückchen Farmsener Landstraße, das unter der U-Bahnbrücke hindurch führt. Soll diese Einbahnstraße in eine Zweirichtungsstraße auch für Autos umgewandelt werden?

Die Befürworter argumentieren, dass Umwege mit dem Auto vermieden werden könnten. Das Ortszentrum sei auch für Ortsfremde dann besser erreichbar. Das käme den Geschäften zugute. Der nördlicher gelegene Knoten Halenreihe/Kattjahren werde durch die Freigabe entlastet.

Die Gegner betonen, dass es für Fußgänger und in ihrer Mobilität eingeschränkten Personen noch schwieriger werde, die Farmsener Landstraße zwischen Markt und Ortsamt zu überqueren, wenn dort Autos in beide Richtungen führen. Es gehe vielmehr darum, den Marktplatz mit dem übrigen Ortskern um die Claus-Ferck-Straße zu verbinden. Das könne z. B. durch eine Gemeinschaftsstraße erreicht werden, wie sie auch ein städtebaulicher Rahmenplan von 2007 vorgeschlagen hatte.

Gegner und Befürworter der Freigabe reden seit Jahren aneinander vorbei. Daran ändert auch die x-te öffentliche Sitzung des Regionalausschusses Walddörfer nichts. Dabei sind die Lager bunt gemischt: Der eine Autofahrer im Alter von über 70 Jahren argumentiert, die Freigabe sei absolut unnötig. Der andere meint, als Gehbehinderter benötige er die Freigabe, um mit dem Auto besser voranzukommen. Und der nächste Senior ist Fußgänger und verlangt nach weniger Barrierewirkung der Straßen, weil seine Frau nur noch langsam gehen könne und nicht mehr in der Lage sei, weite Strecken zu Fuß zu gehen. – Junge Menschen finden sich so gut wie gar nicht auf diesen Versammlungen ein.

Der ADFC wurde vor knapp drei Jahren schon einmal um seine Position zur Einbahnstraße gebeten. Wir wiesen darauf hin, dass uns die Einbahnstraßenöffnung für Autos nicht unbedingt sinnvoll erscheint. Allerdings mochten wir auch den Beschluss der Bezirksversammlung zur Öffnung nicht ignorieren und gaben der Verwaltung unsere Hinweise zur Planung der Zweirichtungsstraße.

Folgen für den Radverkehr

Die Öffnung brächte für Radfahrende durchaus Verbesserungen. Sie müssen heute in der Gegenrichtung auf dem schmalen und unter der Brücke unübersichtlichen Gehweg fahren. In Richtung Rockenhof sind sie dabei gezwungen, zunächst eine weite Verschwenkung in den Uppenhof zu machen, wo sie dann am Zebrastreifen irgendwie auf die Fahrbahn und dann wieder Richtung Norden gelangen sollen. Kurzum: Die Radverkehrsführung ist miserabel.

Die Öffnung der Einbahnstraße sieht vor, dass Radfahrer in beiden Richtungen auf der Fahrbahn fahren. Unsere Hinweise, wie die zunächst vergessene Linksabbiegemöglichkeit für Radfahrende in Richtung Rockenhof aussehen könnte, will die Verwaltung nach eigenem Bekunden übernehmen. Wir stimmen Herrn Müller vom örtlichen Polizeikommissariat zu, der auf einer Veranstaltung Anfang März sagte: »Die Einbahnstraße, wie wir sie heute haben, ist sicher. Man kann aber auch eine Zweirichtungsstraße daraus machen und die ebenfalls sicher gestalten.«

Gesamtkonzept fehlt

Aus Sicht des ADFC wäre es allerdings angezeigt, sich insgesamt über die Ziele der Volksdorfer Autoverkehrsplanung klar zu werden. Welchen Verkehr wollen wir im Ortskern? Welche Verkehrsträger sind dabei an welchen Stellen in welcher Stärke verträglich? Wollen wir die Haupteinkaufsstraße weiterhin als Parkplatzsuchstrecke mit Lärm, Gestank und hohem Platzverbrauch erhalten oder soll sie ein Ort werden, der zum Aufenthalt einlädt? Wie regeln wir das Parken der Kfz neu?

Wenn das Ziel geklärt ist, kann man ein Konzept entwerfen, in das auch die Einbahnstraße unter der Brücke und der wichtige Knoten Halenreihe/Kattjahren einbezogen werden.

Offensichtlicher Handlungsbedarf

Eines ist auch jetzt schon klar: Es gäbe ohne weiteres Prüfen erheblichen Handlungsbedarf, um den Ortskern fürs Fahrrad attraktiver bzw. überhaupt erst erreichbar zu machen. Die Fußgängerzone »Weiße Rose« ließe sich fußgängerverträglich für Radfahrer öffnen. Die Zufahrt dorthin sollte aus allen Richtungen möglich sein. Dezentral sind Abstellbügel nötig. Gegen die Einbahnrichtung in der Farmsener Landstraße muss der Radfahrer auf der Fahrbahn fahren können. – Mit dem Fahrrad mal eben »ins Dorf«, wie die Einheimischen Volksdorfs Zentrum gerne nennen, das ist gar nicht so leicht. Heute zeigt sich der Ortskern nämlich als recht fahrradfeindliches Gebiet für jene, die sich an die Verkehrsregeln halten.

Ulf Dietze in RadCity 2/2012

Aus dem Kreisverkehr führt ein Ast Richtung Parkhaus und Polizeiwache. Auf halbem Weg zur U-Bahnbrücke gilt dann: Verbot der Weiterfahrt auf der Fahrbahn.
Hinter der Brücke liegt der Uppenhof und es gilt Mischverkehr in beide Richtungen. Kommt der Radfahrer aus der Einbahnstraßenrichtung, ...
... fährt er hier allerdings zwangsweise noch auf dem Gehweg bis zum Fußgängerüberweg (vorne im Bild).
Allerdings empfängt den Besucher dann ohnehin als nächstes wieder ein »Einfahrt verboten« – auch der Radfahrer kommt hier nicht fahrend weiter.
Und auch die Fußgängerzone zeigt deutlich den Stellenwert des Fahrrads: Die Durchfahrt ist nicht erlaubt, zum Fahrradparken lediglich Felgenkiller übelster Sorte.
Plan aus dem Jahre 2009 zur Öffnung der Einbahnstraße. Mittlerweile ist dem Radverkehr eine Linksabbiegemöglichkeit Richtung Norden versprochen. Dazu müssen Verkehrsinsel, Sperrflächen und Markierungen etwas anders ausfallen. (Bild: Bezirksamt Wandsbek)