01.02.2013

Fahrradklimatest 2012

Von: Dirk Lau
Critical Mass in Hamburg
Während bei Critical Mass und Fahrradsternfahrt Tausende Hamburgerinnen und Hamburger Spaß auf dem Rad haben (Foto: Malte Hübner), ...
gemeinsamer Geh- und Radweg in Hamburg
bietet ihnen die Stadt im Alltag wenig Grund zur Freude. Über unbenutzbare Radwege, auf die man gezwungen werden soll, lacht auch nicht jeder (Foto: ADFC).

»Wie fühlen Sie sich?« fragte der ADFC Ende 2012 wieder Deutschlands Radfahrerinnen und Radfahrer. Wie schon beim letzten Fahrradklima-Test von 2005 sicherte sich erneut Münster den Spitzenplatz unter den deutschen Großstädten. Hamburg konnte die Rote Laterne ab-geben und mit der Note 4,40 auf Rang 34 klettern – vier Plätze vor Schlusslicht Wuppertal.

Vielleicht erinnert sich ja noch die eine oder der andere: Beim letzten bundesweiten Fahrradklima-Test des ADFC 2005 schnitt Hamburg denkbar schlecht ab. Die Hansestadt landete unter 28 deutschen Großstädten mit mehr als 200.000 Einwohnern auf dem letzten Platz - Gesamturteil: absolut fahrradunfreundlich. Mit der Note 4,44 (sehr knapp ausreichend) hatte sich Hamburg damals im Vergleich zur vorangeganenen Umfrage aus dem Jahr 2003 noch einmal verschlechtert. Die großen Metropolen München, Frankfurt, Berlin und Köln schnitten 2005 allesamt besser ab als zuvor. Nur in Hamburg war das Klima ungemütlicher geworden. Der ADFC forderte damals vom Senat, Konsequenzen aus diesem vernich-tenden Urteil der Radfahrer zu ziehen und eine "Kehrtwende für Hamburgs Verkehrspolitik" einzuleiten.

Hochburg der Critical Mass

Gemeinsam mit dem Fahrradclub entwickelte die Stadt daraufhin tatsächlich eine "Radverkehrsstrategie für Hamburg", die 2008 auch von allen Parteien der Bürgerschaft abgesegnet wurde und die bis heute gilt. Allerdings mehr auf dem Papier als auf der Straße. Denn nach dem elanvollen Start mit Einführung des StadtRADs 2009 sank das Tempo bei der Umsetzung der Maßnahmen rapide. Der Wille zur Verkehrswende ist in der freien Auto- und Staustadt Hamburg nicht vorhanden. Und seit Amtsantritt der derzeitigen SPD-Regierung Anfang 2011 werden Maßnahmen wie Busbeschleunigung und Elbvertiefung als innovative Verkehrspolitik verkauft. Von den Zielen der Radverkehrsstrategie, wie etwa einer Verdoppelung des Radverkehrsanteils auf 18 Prozent bis 2015, haben sich die SPD und ihr ideen- wie mutloser Verkehrssenator Horch längst verabschiedet.

Zugleich aber – fast wie aus Trotz gegen die Politik – entdecken immer mehr Hamburger das Rad. Die Zahl der Radfahrenden im Alltag nimmt zu und ganz nebenbei entwickelte sich Hamburg zur bundesweiten Hauptstadt der seit 2011 wieder mächtig anschwellenden Critical-Mass-Bewegung. Jeden letzten Freitag im Monat touren inzwischen bis zu 2.000 Menschen unter dem Motto »We are traffic« fröhlich durch die City. 

Hohe Mobilisierung

Der Kultstatus, den das Fahrrad bei vielen Leuten in Hamburg mittlerweile besitzt, spiegelt sich in der großen Anzahl von Antworten zum Klimatest des ADFC wider. Von den etwa 67.000 Fragebögen, die bundesweit in die Umfrage flossen, kamen allein 3.549 aus Hamburg. Berlin mit doppelt so viel Einwohnern schickte nur 2.375 Fragebögen an den ADFC zurück, in München beiteiligten sich ganze 1.450 Radfahrer an dem Test. War es vielleicht auch die Unzufriedenheit der Hamburgerinnen und Hamburger mit den Radverkehrsverhältnissen in ihrer Stadt, die hier mobilisierte?

Das Ergebnis lässt das vermuten: Fahrradfreundlichste Großstadt wurde wieder einmal Münster. Mit einer Gesamtnote von 2,61 hat sich die Stimmung in der westfälischen Stadt allerdings gegenüber 2005 (Note 2,05) deutlich verschlechtert. Zuletzt wurden sogar Stimmen laut, wonach es sich in der angeblichen Fahrradhochburg gar nicht so toll Rad fahren lasse, wie immer behauptet wird. Tatsächlich erzielte die Stadt ihre beste Note 1,38 bei der Aussage »Alle fahren Rad«, also bei dem Gefühl, fast jeder Münsteraner bewege sich mit dem Rad fort. Bei anderen Punkten wie »Konflikte mit Kfz« (3,53) oder »Sicherheit« (3,30) ist auch in Münster Mittelmaß angesagt. Den letzten Platz gar belegt die Stadt in Sachen »Fahrraddiebstahl«: Die Note 5,19 ist einsame Spitze unter allen 38 Großstädten. Mit dieser Negativtendenz liegt Münster im Bundestrend: Deutschlands Städte mit mehr als 200.000 Einwohnern sind fahrradunfreundlicher geworden. Die Durchschnittsnote der 38 getesteten Großstädte verschlechterte sich gegenüber 2005 von 3,71 auf 3,91.

Sieger der Herzen 2012 ist Karlsruhe. Gegen den allgemeinen Trend verbesserte sich das Klima in der badischen Stadt. Sie schob sich von Platz 10 im Jahr 2005 (3,66) auf den dritten Platz vor: 606 Karlsruher gaben ihrer Stadt 2012 eine Durchschnittsnote von 3,18.

Hamburg – »Alle fahren Fahrrad«?

Aber zurück an die Elbe. Das Fahrradklima in Hamburg ist die letzten sieben Jahre, wohlwollend formuliert, immerhin gleichbleibend schlecht. Statt der Note 4,44 und Platz 28 von 28 Großstädten in 2005 erhielt Hamburg 2012 eine Gesamtnote von 4,40, was für Platz 34 von 38 Großstädten reichte. Im Norden liegt Hamburg damit immer noch weit abgeschlagen hinter Kiel (Platz 4 mit der Note 3,18; 2005: 2,82), Hannover (6. mit 3,49; 2005: 3,00) und Bremen (7. mit 3,51; 2005: 3,09). Auch im Metropolen-Vergleich sieht's nicht viel besser aus: Die »Radl-Hauptstadt« München (11. mit 3,73; 2005: 3,81) holt leicht auf, Frankfurt verbessert sich seit 2003 kontinuierlich (9. mit 3,65; 2005: 3,87), in Berlin hebt sich die Stimmung etwas (24. mit 4,01; 2003: 4,09), nur in Köln sackt sie wieder auf das Niveau von 2003 ab (31. mit 4,27; 2005: 4,14). Wie schon 2005 ist Hamburg damit auch 2012 die fahrradunfreundlichste Millionenstadt Deutschlands. Nur in vier Städten ist das Klima noch schlechter: in Bochum, Mönchengladbach, Wiesbaden und Wuppertal.

Die beste Einzelnote gibt es in Hamburg – keine echte Überraschung – für die »Öffentlichen Fahrräder«, bei dem die Stadt für ihr StadtRAD-Projekt mit der Note 1,97 belohnt wird. Hamburgs Radfahrer honorieren es also durchaus, wenn etwas für den Radverkehr getan wird. Das Gefühl »Alle fahren Rad« ist auch an der Elbe weit verbreitet und erhält mit 2,96 eine relativ positive Bewertung. Bei den »geöffneten Einbahnstraßen in Gegenrichtung« (3,04) und der »Fahrradmitnahme in öffentlichen Verkehrsmitteln« (3,31) steht die Hansestadt wieder verhältnismäßig gut da. Berlin, zum Vergleich, erhielt bei beiden Fragen schlechtere Noten (3,26 bzw. 3,76), während der Mittelwert (Mw) aller 38 Städte bei 2,89 bzw. 3,97 liegt. 

Radverkehr spielt keine Rolle

Doch solche einzelnen freundlicheren Punkte können nicht vom katastrophalen Gesamturteil über die Hamburger Verhältnisse ablenken. Bezeichnenderweise schießt der Schlüsselbereich »Stellenwert des Radverkehrs« den Vogel ab: Hier hat Hamburg die Note 5,17 – mit Abstand der schlechteste Wert unter allen 38 Städten (Mw: 4,43). Anders gesagt: Die Menschen in Hamburg glauben nicht, dass dem Rad die Rolle zugestanden wird, die ihm gebührt – weder auf der Straße noch in den Amtsstuben. Ein ähnliches Bild bietet die »Sicherheit beim Radfahren«: Nur noch Hessens Landeshauptstadt Wiesbaden wird mit 4,80 als ein genauso unsicheres Pflaster für Radfahrer empfunden. Stress statt Spaß fühlen die, die auf zwei Rädern unterwegs sind.

Wie schon 2005 verdiente sich Hamburg auch beim »Parken auf Radwegen« (5,38; Mw: 4,77), bei der »Reinigung der Radwege« (5,16; Mw: 4,22), den »Hindernissen auf Radwegen« (5,02; Mw: 4,19) und der »Wegweisung« (4,11; Mw: 3,27) die schlechtesten Noten aller Großstädte. Das »Fahren im Mischverkehr auf der Fahrbahn« schrammt mit der Note 4,96 nur knapp an der 5 vorbei, bei den Ampelschaltungen, Stichwort »Bettelampeln«, steht sie vor dem Komma (5,26; Mw: 4,60). 

Und nun?

Radfahrer empfinden die Verkehrsverhältnisse in Hamburg nach wie vor als mies, lautet das Ergebnis des ADFC Fahrradklima-Tests 2012. Nichts Neues also. Aber die hohe Beteiligung an der Umfrage und ein Blick auf Hamburgs Straßen zeigen: Die Menschen fahren gern Rad. »Die Bürger machen gerade ihre Verkehrswende selbst«, so Merja Spott, verkehrspolitische Sprecherin des ADFC Hamburg. Nun müsse die Politik endlich aktiv werden und die Bedingungen verbessern. »Die Stadt muss auch auf Bezirksebene genügend Geld für Radverkehr bereit stellen, und sie braucht vor allem mehr Mitarbeiter für den Radverkehr«. So ein Klima wandelt sich eben nicht von allein. 

Dirk Lau in RadCity 1/2013

Hintergrund: Der 5. ADFC-Fahrradklima-Test 2012

Der ADFC-Fahrradklima-Test ist eine Befragung mit dem Ziel der vergleichbaren Erfassung von Radfahrbedingungen in den Kommunen Deutschlands, also deren »Fahrradfreundlichkeit« abzufragen. Erhoben wird dabei die subjektive Einschätzung hinsichtlich von für den Radverkehr wesentlichen Punkten. Das Konzept sieht vor, dass nicht ein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung an der Erhebung teilnimmt (d.h. auch die Nichtradfahrer), sondern ein möglichst breiter Kreis an Viel- und Gelegenheitsradfahrern. Radfahrer als Zielgruppe von Maßnahmen zur Radverkehrsförderung übernehmen damit gleichzeitig die Funktion der Bewertung der Radverkehrsbedingungen. Der ADFC veranstaltete den Fahrradklima-Test mit geringen Variationen bereits in den Jahren 1988, 1991, 2003 und 2005.

Die Datenerhebung zum 5. ADFC-Fahrradklima-Test 2012 führte das Bonner infas – Institut für Sozialforschung vom 25.9.2012 bis zum 30.11.2012 durch. Die Bewertung der 27 Fragen in fünf Kategorien erfolgte in Form einer sechsstufigen Skala von 1 bis 6 zwischen zwei entgegengesetzten Antwortpolen (»semantisches Differential«). Vereinfacht kann die Bewertung als Schulnote interpretiert werden. Der Fragebogen konnte erstmals sowohl online (am PC oder Smartphone) als auch in Papierform ausgefüllt werden.

Insgesamt gingen 80.137 Fragebögen (75.169 online, 4968 schriftlich) ein. Die vorab festgelegte Mindestfallzahl an erforderlichen Teilnehmern wurde von 332 Städten und Gemeinden erreicht, für die dann insgesamt 66.828 Bögen ausgewertet wurden und die es so in das  Städteranking schafften.

Die Erfassung erfolgt mittlerweile in drei Städtegrößenklassen: unter 100.000 Einwohner, zwischen 100.000 und 200.000 Einwohner und mehr als 200.000 Einwohner. Die Zahl der »Großstädte« stieg von 28 im Jahr 2005 auf 38 im Jahr 2012. Im ersten Fahrradklima-Test 1988 siegte übrigens Erlangen vor Münster und Oldenburg und erhielt das »Goldene Rad«, Saarbrücken als schlechteste Stadt die »Rostige Speiche«. Der Sieger im zweiten Klimatest 1991 bei den Städten mit mehr als 200.000 Einwohnern war Münster, das seither immer gewann.

Der Fahrradklima-Test 2012 wurde unterstützt vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) sowie der Fahrrad-Fachhandelsgruppe ZEG.