19.02.2015

Fahrradklimatest 2014

Von: Susanne Elfferding

ADFC-Fahrradklima-Test 2014: Kampagne fürs Radfahren und mehr Rücksicht im Straßenverkehr ist überfällig!

Falschparker auf dem Radstreifen an der Grindelallee
Falschparken auf Radwegen - hier auf der Grindelallee - ist in höchstem Maß egoistisch und niemals ein Kavaliersdelikt: Falschparker nehmen billigend in Kauf, dass andere behindert und gefährdet werden.

Drängeln, schneiden, hupen, Belehrungsversuche – rücksichtslose Autofahrer sind das Hauptärgernis von Hamburgs Radlern. Die Ergebnisse des jüngsten ADFC-Fahrradklima-Tests stellen eine klare Ansage an den zukünftigen Senat dar: Wäre das Verkehrsklima in Hamburg nicht so aggressiv und vom Kfz-Verkehr dominiert, würden wesentlich mehr Menschen aufs Rad umsteigen. Verbesserungen in der Infrastruktur wie Radfahrstreifen nehmen die Radfahrer zwar als positiv wahr, aber vor allem die fehlende Sicherheit und geringe Akzeptanz von Radfahrern im Straßenverkehr führten dazu, dass Hamburg trotz aller Bemühungen der Stadt noch mieser abschnitt als bei der letzten Umfrage 2012: Unter 39 deutschen Großstädten belegt Hamburg 2014 nur einen beschämenden 35. Platz.

Radfahren auf der Fahrbahn ist auch in Hamburg auf immer mehr Hauptverkehrsstraßen erlaubt. Das wissen aber nur die wenigsten Autofahrer – oder wollen es nicht wahrhaben. Die Folge: Sie versuchen, sich durch Nötigung und Beschimpfungen Vorfahrt zu  verschaffen und den Radfahrer von der Fahrbahn zu verdrängen. »Das vergiftet nicht nur das Verkehrsklima« sagt Merja Spott, Referentin für Verkehr beim ADFC Hamburg, „das  konterkariert auch die guten Maßnahmen, die in Hamburg in letzter Zeit für den Radverkehr umgesetzt wurden“. Eine breit angelegte Kampagne, die über die Rechte der Radfahrer informiert und die Autofahrer zu mehr Rücksicht und Verständnis auffordert, sei überfällig. Es sei völlig inakzeptabel, dass Radfahrer, die sich regelkonform verhalten, Übergriffe und falsche Belehrungsversuche von Autofahrern fürchten müssten. Und: »Erfolgreiche Vorbilder für stadtweite Kampagnen gibt es längst – zum Beispiel die Radlhauptstadt München.«

Im ADFC-Fahrradklima-Test 2014 konnten bundesweit Radfahrerinnen und Radfahrer zum sechsten Mal bewerten, wie fahrradfreundlich ihre Stadt oder Gemeinde ist. Bundesweit nahmen über 100.000 Menschen teil, 468 Städte kamen in die Wertung. Das ist eine Steigerung von 25 % gegenüber dem letzten Test von 2012 und spiegelt das bundesweit steigende Interesse am Radverkehr wider. Norddeutsche Metropole wie Hannover, Kiel und Bremen machen vor, wie erfolgreiche Radverkehrspolitik geht: Sie erreichten unter den deutschen Großstädten (mehr als 200.000 Einwohner) die Plätze 4, 5 und 6 und folgten damit direkt auf die diesjährigen Spitzenreiter Münster, Karlsruhe und Freiburg.

Hamburg dagegen verschlechterte sein Ergebnis von 2012 noch einmal und erhielt mit Platz 35 von 39 Städten ein beschämendes Zeugnis von seinen Radfahrern ausgestellt. Besonders schlecht schnitt Hamburg bei den Fragen nach dem Stellenwert des Radverkehrs, von Sicherheit und Komfort ab, die alle mit der Schulnote »mangelhaft« bewertet wurden. Auffällig ist, dass die »Software« durchweg noch stärker kritisiert wird als die „Hardware“. Die Falschparkerkontrolle erreichte mit der Durchschnittsnote 5,4 den schlechtesten Wert, gefolgt von Winterdienst, Reinigung der Radwege und Hindernissen auf Radwegen. Bei der Infrastruktur sorgen besonders mangelnde Radwegbreiten, schlechte Oberflächen und nachteilige Ampelschaltungen für Unzufriedenheit. Trotzdem sind sich Hamburgs Radler einig: Viele Menschen fahren Rad. Und trotz der schlechten Rahmenbedingungen werden es immer mehr. »Hamburgs neue Regierung tut gut daran, die Bedürfnisse dieser Menschen ernst zu nehmen«, so Spott, »denn die Fahrradfreundlichkeit einer Stadt ist ein guter Gradmesser für die Lebensqualität«.

Weitere Dateien finden Sie auf der Webseite des ADFC-Bundesverbands.

Hintergrund: Der 6. ADFC-Fahrradklima-Test 2014

Der ADFC-Fahrradklima-Test ist eine Befragung mit dem Ziel der vergleichbaren Erfassung von Radfahrbedingungen in den Kommunen Deutschlands, also deren »Fahrradfreundlichkeit« abzufragen. Erhoben wird dabei die subjektive Einschätzung hinsichtlich von für den Radverkehr wesentlichen Punkten. Das Konzept sieht vor, dass nicht ein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung an der Erhebung teilnimmt (d.h. auch die Nichtradfahrer), sondern ein möglichst breiter Kreis an Viel- und Gelegenheitsradfahrern. Radfahrer als Zielgruppe von Maßnahmen zur Radverkehrsförderung übernehmen damit gleichzeitig die Funktion der Bewertung der Radverkehrsbedingungen. Der ADFC veranstaltete den Fahrradklima-Test mit geringen Variationen bereits in den Jahren 1988, 1991, 2003, 2005 und 2012.

Die Datenerhebung zum Fahrradklima-Test 2014 fand im Herbst 2014 statt. Die Bewertung der 27 Fragen in fünf Kategorien erfolgte in Form einer sechsstufigen Skala von 1 bis 6 zwischen zwei entgegengesetzten Antwortpolen (»semantisches Differential«). Vereinfacht kann die Bewertung als Schulnote interpretiert werden.

Insgesamt gingen mehr als 100.000 Bögen ein. Städte, die in ihrer Größenklasse die festgelegte Zahl der Rückmeldungen erhielten, gingen in das Städteranking ein. Der Fahrradklima-Test wurde unterstützt vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur.

Material zum ADFC-Fahrradklima-Test:
Plakat (pdf, 4,5 MB)
Fragebogen

[Hinweis vom 20.02.2014: Seite nochmal redaktionell leicht überarbeitet.]