04.12.2010

Achtet auf die Kurzen!

Von: Dirk Lau

Kinder verhalten sich, wer hätte das gedacht, anders als Erwachsene – auch auf dem Rad! Sicherheitsaspekte und die Einhaltung von Regeln haben dabei für Rad fahrende Kinder lebenserhaltende Bedeutung. Aber auch gute allgemeine Radfahrbedingungen in einer Stadt erhöhen den Spaßfaktor für Kinder. Wie sieht's dazu in Hamburg aus? Hier der Erfahrungsbericht mit dem 10-jährigen Malte.

Und? Wie fandest du die Woche auf Hamburgs Straßen und Wegen? »Ganz gut.« Hat's Spaß gemacht? »Klar.« Angst gehabt? »Nö, natürlich nicht. Ich kenn mich nur nicht so gut aus in Hamburg, deshalb bin ich langsamer als sonst gefahren.« Eine vernünftig klingende Antwort des Zehnjährigen, die natürlich kritisch beäugt werden sollte. Denn Verkehrspsychologen weisen darauf hin, dass »kleine Radfahrer« nicht in der Lage seien, den Straßenverkehr zu beurteilen. Ihre Aufmerksamkeit richte sich spontan auf nicht verkehrsbezogene Dinge wie Tiere oder Kioske, die sie so ablenken, dass sie im Verkehr in Gefahr gerieten. Erst ab einem Alter von 8 Jahren seien Kinder fähig, sich über eine längere Zeit zu konzentrieren. Voll ausgebildet seien die psychomotorischen Fertigkeiten erst mit 14 Jahren.

Rad fahrende Kinder – StVO §2 (5)

Dementsprechend schreibt die Straßenverkehrsordnung zum Schutz der Kleinen vor: »Kinder bis zum vollendeten 8. Lebensjahr müssen, ältere Kinder bis zum vollendeten 10. Lebensjahr dürfen mit Fahrrädern Gehwege benutzen.« Ab einem Alter von acht Jahren können Kinder also selbst entscheiden, wann sie sich sicher genug für Radweg und Fahrbahn fühlen. Andere Verkehrsteilnehmer müssen immer besondere Rücksicht auf Kinder nehmen. 
Die Deutsche Verkehrswacht warnt: »Kinder zählen zu den schwächeren und deshalb besonders gefährdeten Verkehrsteilnehmern«. Und stellt fest: »Während jüngere Kinder die Mehrfachanforderungen noch nicht leisten, sind es bei Jugendlichen ab elf Jahren längere Aufenthaltszeiten im Verkehr, deutlich längere Wege und eine eher sorglose oder sogar bewusst riskante Fahrweise, die zum Unfall führen«. Im Jahr 2008 verunglückten nach Zählung des Statistischen Bundesamts 5.934 Kinder in Deutschland unter sechs Jahren im Straßenverkehr – 35 wurden dabei getötet. Die meisten Kinder – 3.412, das sind 58 Prozent – waren als Mitfahrer im Pkw in Unfälle verwickelt. 587 Kinder verunglückten, als sie mit dem Rad unterwegs waren, zwei davon tödlich.
Die Verkehrswacht schlussfolgert aus diesen Zahlen vor allem, dass Kinder sich besonders schützen müssen vor dem und im »Verkehr«. Die eigentliche Ursache und Quelle der Gefahr, vor der sie sich auf der Straße in Acht nehmen sollen – mit Helm, Warnwesten, Gehwegfahren und anderen Sicherheitsvorkehrungen –, wird nicht hinterfragt. Denn noch ist der Pkw-Verkehr in Deutschland eine heilige Kuh und es wird viel zu oft stillschweigend hingenommen oder ignoriert, dass Autos auch potenziell lebensgefährliche Waffen sind. Aber die Lügen der heutigen autozentrierten Mobilitätsgesellschaft können hier nicht das Thema sein, zumal ihr Ende noch in ferner Zukunft zu sein scheint.
Für die Verkehrsexperten des ADFC steht jedenfalls fest: Das verkehrssichere Kind wird es nie geben. Doch sollten die Großen den Kleinen schon möglichst früh zeigen, wie sie sich selbstbewusst, eigenständig und sicher in ihrem Umfeld bewegen können.

Auf Hamburgs Straßen

Wie dies im strukturell fahrradfeindlichen Klima Hamburgs klappen könnte, lautete also die Aufgabenstellung. Wann fühlt sich ein Kind sicher genug, um auf der Fahrbahn zu fahren, und wie sieht das dann in der Praxis aus? Dazu fuhren wir eine Woche lang im Ferienmonat August mit unserem Probanden Malte – zehn Jahre alt, leicht widerspenstiges Gemüt und weitestgehend ortsunkundig – vorzugsweise durch die City und den Westen der Hansestadt. Einzige Vorgabe: Gehwege sind tabu. Auf größeren, stärker befahrenen Straßen nutzten wir Radwege oder Schutzstreifen, auf Nebenstraßen vorzugsweise die Fahrbahn, nur im Ausnahmefall Radwege.
Fazit der Woche: Wirklich brenzlige Situationen gab es nicht, bis auf wenige Momente wusste Malte stets, wo's langging und wie er sich im Hamburger Straßenverkehr zu verhalten hatte. Allerdings war dazu auch permanent höchste Konzentration von ihm gefordert. Zudem fuhr immer ein Betreuer in unmittelbarer Nähe und kamen von diesem natürlich auch ab und an Anweisungen, die keinen Widerspruch duldeten, wenn's unübersichtlich zu werden drohte. Insofern war es kein ganz freier Feldversuch.
Als Erkenntnis bleibt dennoch festzuhalten, dass unser zehnjähriger Proband schon viel Sicherheit, aber auch die nötige Portion Vorsicht im Mischverkehr an den Tag legte. Ansonsten: Übung macht den Meister. Im Oktober geht's weiter.

Dirk Lau in RadCity 5/2010

»Mobil mit Rad und Kind«

Statt Unfallgefahren zu akzentuieren, dann zu Schutzmaßnahmen aufzurufen und irgendwie die Helmpflicht herbeizureden, lässt sich das Thema auch anders anpacken. Denn Rad fahren macht in erster Linie Spaß. Auch und gerade Kindern: Mit dem Fahrrad entdecken sie die Welt, erleben Abenteuer, sind in der Gruppe unterwegs und erfahren die Natur. Zudem stärken sie beim Radeln ihre Gesundheit und verbessern ihr Körpergefühl.
Der ADFC will den Kleinen beides vermitteln: Sicherheit und Spaß beim Radeln. Laut dem Radverkehrsclub gilt es vor allem darauf zu achten, dass Rad fahrende Kinder …
… Gefahrensituationen erkennen und voraussehen können.
... wissen, wie sie Gefahren vermeiden können und wie sie sich in riskanten Situationen verhalten sollen.
... Entfernungen und Geschwindigkeiten von Fahrzeugen einschätzen können.
... aufmerksam sind und sich auf die für ihre Sicherheit wichtigen Aspekte des Straßenverkehrs konzentrieren.
Weitere Informationen unter
www.adfc.de/kinder.

Wo ein Bordsteinradweg als benutzungspflichtig ausgewiesen ist, folgte Malte brav den Vorschriften. Und das auch wenn der Weg kaum benutzbar war und viele Große den Geh- und Radweg – wie hier auf einem Teilstück der Max-Brauer-Allee – nicht auseinanderhalten konnten. Beobachtung Nr. 1: Unser Proband hält sich stärker an Regeln und Vorschriften als gedacht.
Malte (10) kurbelte eine Woche lang trotz Hamburger Wetter unfallfrei und mit viel Energie durch die Hansestadt.
Eine ebenso heikle wie häufige Situation: Falsch geparkter Pkw ragt auf die Fahrbahn oder auf den Radfahr- oder Schutzstreifen. Auch hier verließ Malte nicht den vorgeschriebenen Weg. Statt nach hinten zu schauen und das Hindernis mit Abstand zu passieren, blieb er auf dem Schutzstreifen. Beobachtung Nr. 2: In Gefahrensituationen reagieren Kinder eventuell unflexibel.
Unklare Radverkehrsführungen sind zwar typisch für Hamburg, aber für Rad fahrende Kinder ein größeres Problem. Statt den Schutzstreifen rechts zu nehmen, macht's Malte wie die Großen und fährt weiter links auf der Fahrbahn. Beobachtung Nr. 3: Malte richtet sich auch gern mal nach vorausfahrenden Radlern. Wir Großen sollten uns also immer der Vorbildfunktion im Straßenverkehr bewusst sein – nicht nur an roten Ampeln.
Keine Parkplätze vor dem Spielzeugladen in der Spitalerstraße. Malte meint: »Das geht gar nicht!«