26.07.2015

Das Gesetz der Straße begreifen

Von: Astrid Christen (ein Gastbeitrag)
Fotos: Artur Sobowiec

Kinder müssen Verkehrsregeln meistern – trotz schlechter Vorbilder

Eher blauäugig haben wir von Fahrradstadt Wilhelmsburg e.V. uns an zwei Tagen den Unterricht der polizeilichen Verkehrserzieher in einer Schule auf der Elbinsel angeschaut. Was wir erlebten, hat uns sehr gerührt. Beherztes Engagement der Verkehrserzieher, aber auch gefährliche Straßensituationen, mit denen Kinder lernen müssen umzugehen, lassen unseren Fokus von der Radverkehrspolitik nun auf die Achtsamkeit für die schwächsten Verkehrsteilnehmer schwenken.

Seit vielen Jahren ist Verkehrserziehung in Hamburg eine Teamarbeit zwischen der Verkehrsdirektion 6 (VD 6) der Polizei als Fachaufsichtsbehörde für 50 Verkehrslehrer in ganz Hamburg, der Schulbehörde und natürlich den Schulen und Kitas vor Ort.

Wir sind zu Gast bei Polizeihauptkommissar Michael Wenzien der VD 6, zuständig für Verkehrsinformation und -prävention. Zusammen mit den KollegInnen der Jugendverkehrsschule für die Radfahrausbildung und den Handpuppenspielern des »Verkehrskaspers« wuppt ein 72-köpfiges Team die Verkehrserziehung in der Stadt.

Los geht's in der Kita

Allein 10 Verkehrslehrer sind nur für die Kitas zuständig. Dort sowie in den 1. und 2. Klassen lernen die Kinder seit Jahrzehnten den Verkehrskasper und seine Geschichten kennen. Auch wenn dabei der thematische Schwerpunkt das sichere Queren der Straße ist, so machen die Kleinen schon hier Bekanntschaft mit dem »kleinen Peter«, der Figur mit Rad und Fahrradhelm. Ab der dritten Klasse beginnt der Fahrradunterricht auf dem Schulgelände. Dann sehen die Verkehrslehrer, wer schon Fahrradfahren kann. Nicht wenige Kinder lernen es auch bei dieser Gelegenheit. Ermutigung ist das A & O, damit sich die Kinder sicher im Straßenverkehr bewegen können. Ernst wird es aber erst in der vierten Klasse, wenn Theorie, schriftlicher Test, Übungsfahrten und Prüfung stattfinden. Der Unterricht knüpft an die Erfahrungen der Kinder im Straßenverkehr an.

Ständiger Wandel

In Kooperation mit der Schulbehörde wird der Lehrplan abgestimmt betreffend Stundenanzahl, Inhalt, Umfang und Jahrgang. Es ist ein ständiger Wandlungsprozess, da stets an der zeitgemäßen Methodik und Didaktik gearbeitet wird, mit der die Verkehrserzieher die Kinder erreichen und sensibilisieren können. Mit Fotos im Lehrmaterial kommt man am besten ans Ziel, weil die Kinder hier die Verkehrssituationen besser erkennen können. Manche Klassenlehrer fotografieren deshalb auch mit ihren Schülern Straßen und Wege vor der Schule. »Jeder Verkehrslehrer hat seine eigene Art«, sagt Michael Wenzien und fährt fort: »Intern bilden sie sich weiter, um fit zu sein für die Nutzung z.B. von Smartboards im Klassenraum, Video, Handyfotos etc.«

Foto: Artur Sobowiec

Sicherheitschecks und praktisches

Üben Der für Wilhelmsburg und Veddel zuständige Verkehrslehrer, Thorsten Pagel, ist seit mehr als sieben Jahren an den Schulen im Einsatz und deshalb auch bei allen Kindern im Stadtteil bekannt. Wir begleiten zwei Übungstouren, bevor zu einem späteren Zeitpunkt die Fahrradprüfung abgenommen wird. Wer die besteht, erhält den Hamburger Radfahrpass. Davor wird ein Sicherheitscheck der Fahrräder durchgeführt, bei dem Bremsen, Licht, Luft, Sattelhöhe etc. geprüft werden. Einen Aufkleber gibt es, wenn alles in Ordnung ist. Oft weisen die Kinderräder Mängel auf, die unbedingt behoben werden müssen. Danach fahren sich die Schüler mit Geschicklichkeitsübungen warm: Slalom, mit der linken und mit der rechten Hand Herrn Pagels Hand abklatschen, scharf bremsen. Herr Pagel kennt die Kinder alle bei ihren Namen.

Nicht alle Kinder besitzen ein Fahrrad, dann hilft Herr Pagel mit einigen Rädern aus, die er mitgebracht hat. »Die habe ich organisiert. Ein paar stehen bei der Schule Slomanstieg. Ein paar bei einer anderen Institution«, erklärt Thorsten Pagel und bestätigt: »Ja, kann man so sagen, das ist mein 'Ehrenamt' zusätzlich zu meiner Dienstzeit.« Die Transporte organisiert er nämlich auch selbst. Doch beim zweiten Termin ist das nicht nötig, weil der Transporter der Jugendverkehrsschule der Polizei mit schicken Übungsrädern, Helmen und personeller Verstärkung anrollt. Da diese Ausrüstung für den ganzen Hamburger Süden genutzt wird, ist sie nicht immer verfügbar.

Das Engagement der Hamburger Verkehrserzieher geht soweit, dass sie bei Bedarf auch zu den Elternabenden kommen. Klar, bei Nachfragen und Projektideen, z.B. für Ferienangebote mit dem Radparcours, sind sie jederzeit ansprechbar. Diese Freude an der Arbeit spüren wir auch vor Ort: »Herr Pagel, kannst Du mir mal den Helm festmachen?« »Herr Pagel, guck mal.«

Jetzt nur noch die Gruppen aufteilen und los geht`s in Sechsergruppen zur Übungsfahrt. Der Stadtteilbeamte, Herr Lemmermann, begleitet die Truppe durch die komplexen Verkehrssituationen im viel befahrenen Reiherstiegviertel. Die Kinder müssen lernen, vor jedem Anfahren zuerst über die linke Schulter zu schauen, um zu sehen, ob die Fahrbahn frei ist. Das gehört zu den Übungen, die in Fleisch und Blut übergehen müssen, um großen Unfallgefahren vorzubeugen.

An mehreren Stellen hält die Gruppe an, um einzeln unter Aufsicht das Abbiegen nach links und rechts unter Hinweis auf die Gefahren des toten Winkels einzuüben sowie um gefährliche Situationen an Bushaltestellen, Einfahrten, Straßenquerungen und die vielen Verkehrsschilder im Blick zu haben. Selbst bei Vorfahrt müssen die Kinder mit der Ignoranz der Erwachsenen rechnen und deshalb darauf achten, ob sie von den Fahrern wahrgenommen werden. Andernfalls sollen sie anhalten. Eine harte Realität für 10-Jährige, ebenso wie die zahlreichen erwachsenen Radfahrer, die sich im Straßenverkehr falsch verhalten.

Polizeihauptkommissar Michael Wenzien (Foto: Polizei Hamburg)

Neue Radverkehrspolitik

Radverkehrspolitische Veränderungen, wie z.B. das Fahren auf der Straße durch Aufhebung der Radwegbenutzungspflicht an vielen Orten, führen auch zu Veränderungen im Verkehrsunterricht. Michael Wenzien: »Die Radverkehrsstrategie ist gewollt und wird umgesetzt. Es ist zeitgemäß, sich mit dieser neuen Situation zu befassen, d.h. das Kreuzen einer Straße mit vorhandenen Schutzstreifen kann heute ganz anders aussehen. Die Verkehrserzieher geben alltagstaugliche Hinweise, die auch von den lokalen Begebenheiten abhängen. Für Kinder ist immer der sicherste Weg relevant, nicht der schnellste, den der Papa womöglich immer fährt. Es ist ein langer Prozess, bis neue Regeln erkannt und akzeptiert werden. Leichter wird es wohl für die junge Generation.«

Laut Statistik nutzen die Kinder ab dem 10. Lebensjahr das Rad vermehrt als Verkehrsmittel für den Weg zu Freunden, zum Sport oder zum Musikunterricht. Dann müssen sie auch wirklich fit sein. Zwischen dem 10. und 14. Lebensjahr passieren jetzt noch die meisten Radfahrunfälle bei Kindern. Deshalb ist es wichtig, dass die Eltern mit den Kindern das Gelernte bei Fahrten durch den Stadtteil einüben. »Wir leisten ja nur ergänzende Arbeit«, sagt Michael Wenzien, »die eigentliche Erziehungspflicht liegt bei den Eltern.»

Für die 5. und 6. Klasse werden Radfahrprojekte angeboten, wie Reparaturlehrgänge, Stadtteilerkundungen, Aktivitäten im Schulumfeld, wenn z. B. Schüler die Turnhalle einer anderen Schule nutzen müssen. Die tatsächliche Nachfrage seitens der Schulen hängt jedoch von vielen weiteren Faktoren ab. Prinzipiell können die Schulen kreative Radfahrprojekte zusammen mit den Verkehrserziehern entwickeln. Bei günstigen Umständen, wenn z. B. einer Stadtteilschule viele der ehemaligen Grundschüler erhalten bleiben und die Fahrradprüfung nicht besonders erfolgreich verlaufen ist, kann sogar der Unterricht noch einmal vertieft werden. Möglich ist vieles. Eng wird es allerdings, wenn einmal ein Verkehrslehrer krank wird. Es gibt keinen Personalvertretungspool.

Auch wenn Prävention nicht messbar ist, so führen die Verkehrserzieher die relativ positive Verkehrsbilanz 2014 auch auf ihre Arbeit zusammen mit der Schulbehörde und den Schulen zurück. Zum Glück ist auch 2014 kein Kind an den Folgen eines Verkehrsunfalls gestorben. Die Zahl der Verkehrsunfälle mit aktiv am Straßenverkehr teilnehmenden Kindern (bis 14 Jahre) ist von 599 auf 539 zurückgegangen.

Und wie steht es um die Zukunftswünsche der VD 6? »Mehr geht immer. Bei den Kitas ist noch Luft nach oben. Doch wenn wir langfristig die Standards halten könnten und eine verlässliche Nachbesetzung hätten, dann wären wir alle schon sehr zufrieden«, sagt Wenzien.

Astrid Christen, Fahrradstadt Wilhelmsburg e.V., in RadCity 5/2015