06.03.2014

Das Problem sind immer die anderen

Von: Ulf Dietze

Bei der Polizei/Straßenverkehrsbehörde scheint das ein gängiges Denkmuster zu sein. Seit Jahren müssen wir registrieren, dass Bordsteinradwege große Gefahren bergen. Insbesondere gibt es – oft tödliche – Unfälle mit rechtsabbiegenden LKW. Die Behörde blendet aus, dass dieser Unfalltyp mit dem Konstrukt »Radweg« bereits angelegt ist. Für sie sind es immer nur Fehler einzelner Verkehrsteilnehmer, die zum Unfall führen. Wenn aber Unfälle vor allem deshalb passieren, weil ein Verkehrsteilnehmer den anderen nicht gesehen hat, muss man genau an dieser Ursache ansetzen.

Das gleiche Phänomen wiederholt sich jetzt bei der Anlage von Radfahrstreifen, Schutzstreifen und fahrbahnnahen Rad-Markierungen in Kreuzungen: Stellungnahmen der Straßenverkehrsbehörde zu aktuellen Planungen entnehmen wir, dass direktes Abbiegen als eher gefährlich und indirektes Abbiegen als besonders sicher angesehen wird. Besonders »unsichere Radfahrer und die Kinder über 10 Jahren« könne man mit indirekter Führung besser schützen.

Mit Sicherheit

Nun gilt aber insbesondere für Kreuzungen: Sicherheit entsteht durch Sichtbarkeit, durch klare und vorhersehbare Fahrweise der Verkehrsteilnehmer und durch angepasste Geschwindigkeit.

Bei kleinen Knotenpunkten mit lediglich Grünphasen für den Verkehr aus der einen Richtung und anschließend für den aus der anderen Richtung mag indirektes Linksabbiegen gut funktionieren. – Dort ist allerdings auch das direkte Linksabbiegen eher kein Problem.

Bei großen Knoten wie am Maienweg ist die Situation allerdings anders gelagert. Hier ergeben sich durch die indirekte Führung Pflastermalereien, Lichtermeere an Ampeln, ungewöhnliche Wegstrecken, die viele Radfahrende und Autofahrende überfordern und verunsichern. Sichtbare Folge: Viele Radfahrende umschiffen die Kreuzung auf dem Gehweg. Und der Autofahrer übersieht den Radfahrer, der aus ungewöhnlicher Ecke kommt oder biegt gar mit dem Radfahrer-Geradeaus-Grün ab, weil er sein eigenes Signal gar nicht mehr findet.

Dass dabei selbst dem geübten Alltagsradler keine StVO-konforme und sichere Abbiegevariante eröffnet wird, ist schlicht ein Skandal.

Hilft denn die Gestaltung wenigstens »den Unsicheren« und »den Kindern ab 10 Jahren«? Das ist kaum anzunehmen, wenn schon erfahrene erwachsene Radfahrer auf diesen Kreuzungen untergehen.
Wenn eine Kreuzung die Menschen überfordert, ist sie nicht gut gestaltet.

Keine lokalen Lösungen möglich

Nun sind aber Kreuzungen älteren Typs ebenfalls ungeeignet: Gemeinsame Führung mit Fußgängern, viele Zwischenstopps, lange Rotphasen: Das führt alles nicht zu guter Regelakzeptanz durch Radfahrer und schafft schon gar nicht den in Sonntagsreden propagierten Umstieg vom Auto aufs Rad.

Stattdessen muss die Komplexität aus den Knoten genommen werden: Tempo raus und Übersichtlichkeit rein!

Die Planung sollte gewährleisten, dass Radfahrer sich vor den Kreuzungen auf die korrekten Fahrspuren einordnen, auf denen auch die Autos mit gleichem Fahrziel stehen. Damit würden sich die Radfahrer am selben Ort bewegen und in der  selben Weise verhalten wie Autofahrer: Für jeden sichtbar, für jeden verständlich, für jeden auch in der Fahrweise vorhersehbar. Und das sind ausschlaggebende Kriterien für Sicherheit. Anders gesagt: Kein Radfahrer sollte sich rechts vom Rechtsabbieger-Auto aufstellen müssen. Und kein Radfahrer, der nach links abbiegen will, sollte rechts vom geradeausfahrenden Auto stehen.

Natürlich muss man dafür durch planerische Maßnahmen die Geschwindigkeit der Fahrzeuge vor dem Knoten und im Knoten selbst reduzieren. Das ist lösbar durch Tempo-30-Regelungen, Rückbau von Fahrstreifen, Verengung der Fahrbahn vor dem Knoten, frühzeitiges Verflechten von Rad- und Autoverkehr, kleine Kreisverkehrsplätze statt Mega­kreuzungen usw. Keine Frage: Die Planer wissen, wie man so etwas macht.

Klar ist auch, dass dies nicht mit punktuellen Lösungen wirkungsvoll und funktionierend zu schaffen ist. Wir können nicht 40.000 Autos am Tag mehrspurig auf eine Kreuzung zurasen lassen und dann annehmen, diese Kreuzung menschenverträglich gestalten zu können. Die Kreuzung muss kleiner werden und die zuführenden Straßen auch.

Eine weltfremde Utopie? Es ist eine Entscheidung, bei der abzuwägen ist zwischen möglichst hohem Autoverkehrsdurchsatz pro Zeiteinheit und der Gesundheit und dem Leben von Menschen. Unfassbar, dass auch im Jahr 2014 Letzteres in Hamburg noch als verrückte Idee angesehen wird.

Ulf Dietze in RadCity 2/2014

Zum Artikel »Gut gemeint ist nicht gut gemacht« über die Kreuzung Maienweg/Ratsmühlendamm.