07.10.2010

Die Kunst der Knoten

Von: Ulf Dietze

Entlang der Bramfelder Chaussee zeigt sich neues Denken beim Kreuzungsbau. Was bringt das dem Radverkehr? Wie kommt man da sicher rüber?

Wo Straßen aufeinandertreffen, spricht der Volksmund von Kreuzungen. Verkehrsplaner fassen die Vielzahl der unterschiedlichen Konstellationen unter »Knoten« zusammen. Und diese haben starken Einfluss auf die Verkehrssicherheit und den Komfort auf einer Radverkehrsstrecke. Darum lohnt es sich so sehr, sie nach dem Stand der Technik zu bauen.

Verschwenkungen

Als Gefahrenquellen haben sich Verschwenkungen erwiesen, die den Radfahrer im Kreuzungsbereich von der Fahrbahn weg zur Fußgängerampel führen. Im Extremfall ist für den Autofahrer vollkommen unklar, dass der scheinbar abbiegende Radfahrer eigentlich geradeaus will und sich die Wege von Rad und Kfz gleich kreuzen werden.

Diese Verschwenkungen des Radwegs behindern an vielen Stellen zusätzlich die Sichtbeziehungen zwischen Radfahrer und Autofahrer auf einer einmündenden Straße, wenn hier die Randbebauung oder der Grünwuchs keine frühe Sichtbeziehung zulässt.

Ampeln

Besonders ärgerlich finden Radfahrer die gemeinsame Signalisierung mit dem Fußverkehr, da sie der Geschwindigkeit ihres Verkehrsmittels und den viel kürzeren Räumzeiten nicht gerecht wird. In der Folge akzeptieren viele Pedaleure das Rotlicht nicht oder fühlen sich ausgebremst.

Freie Rechtsabbieger

Ein ganz spezielles Problem stellen die sog. freien Rechtsabbieger dar. Auf ihnen können Autofahrer ohne Ampelsignal bereits vor der Kreuzung nach rechts abbiegen. Der Radfahrer, der eigentlich geradeaus fahren will, muss hier zunächst einem weit verschwenkten Radweg folgen und von dort aus nach links auf eine Dreiecksinsel fahren. Von da kommt er dann nach rechts weiter über die eigentliche Kreuzung. Das lässt im Radfahrer nicht gerade die Überzeugung reifen, er sei als vollwertiger Verkehrsteilnehmer anerkannt. Dies Planungselement muss auch als besonders gefährlich gelten.

Lösungen für diese Verkehrsprobleme sind lange bekannt. So stellte z. B. die Landeshauptstadt Hannover in ihren Radverkehrsrichtlinien von 1987 bereits gerade Führungen über Dreiecksinseln vor. Auch in Hamburgs Planungshinweisen aus dem Jahr 1995 finden sich bereits entsprechende Zeichnungen. Trotzdem entstand noch im letzten Jahr am Knoten Schlump/Schröderstiftstraße ein neuer freier Rechtsabbieger.

Nun jedoch wurden im Zuge des Veloroutenbaus, der teilweisen Fahrbahninstandsetzung und der Neuanlage von Bushaltestellen im Straßenzug Bramfelder Chaussee – Bramfelder Straße die Radverkehrsanlagen erneuert. Auch die Kreuzungen bekamen mehr als nur ein kleines Lifting: Sie erhielten überwiegend eine völlig neue Gestalt, die oft den Vorstellungen des ADFC entspricht.

Es ist noch nicht alles perfekt, es geht aber deutlich in die richtige Richtung. Ganz abgeschlossen waren die Baumaßnahmen noch nicht, als diese Ausgabe der RadCity in den Druck ging.

Bedauerlich ist, dass der ADFC rund 25 Jahre Lösungen wie diese forderte, diese auch seit 15 Jahren in den Planungsgrundlagen wiederzufinden sind und trotzdem weiterhin viele Millionen Euro für miserable Radwege ausgegeben worden sind. Wir könnten heute schon viel weiter sein, wenn Hamburgs Politik und Behörden mehr über den Tellerrand geguckt hätten. So mancher Unfall hätte vermieden werden können.

Ulf Dietze in RadCity 5/2010

Bramfelder Chaussee/Steilshooper Allee. Früher: Stark verschwenkte Führung über die Dreiecksinsel des freien Rechtsabbiegers; Zweirichtungsverkehr auf der Dreiecks­insel; Verschwenkte Führung entlang der Fußgängerfurt; gemeinsame Signalisierung mit dem Fußverkehr
Neu: Gerade Führung über die Dreiecksinsel; Führung über den Knoten erfolgt auf fahrbahnnahen Furten an den Verkehrsinseln vorbei (also keine störenden Bordsteine); eigene Radfahrsignale geben mehr Grünzeit; Fazit: Der Radverkehr befindet sich ununterbrochen im Sichtfeld des Autoverkehrs, fährt auf direktem Weg und auf für alle nachvollziehbarer Strecke ohne störende Kanten und – hoffentlich – mit angemessener Grünphase. Die Fahrradampel war bei Druckunterlagenschluss dieser Ausgabe noch nicht in Betrieb. Vorsicht ist natürlich weiterhin geboten. Der Blick über die Schulter darf nicht fehlen, bevor der freie Rechtsabbieger überquert wird. Besser wäre also gewesen, den freien Rechtsabbieger ganz zu entfernen.
Während der Bauphase ist schön zu sehen, wie weit die neue Furt für Radfahrer (groß im Bild) von der alten Furt (siehe den hinten links der Furt eintreffenden Radweg) entfernt liegt. Sie liegt nun näher an der parallelen Fahrbahn, was Sichtbeziehungen erleichtert und eine geradere Fahrlinie erlaubt. Zum Druckunterlagenschluss dieser Ausgabe waren dann auch die Anschlüsse gepflastert und die Masten versetzt.
Kreuzung Bramfelder Chaussee/Fabriciusstraße. Früher: Stark verschwenkte Führung über die Fußgängerfurt (rechts im Bild); gemeinsame Signalisierung mit dem Fußverkehr; für Radfahrer aus der Fabriciusstraße nach links waren zwei Ampeln zu überqueren, eine davon eine Bettelampel. Neu: Gerade Führung über den Knoten auf fahrbahnnahen Furten; der bislang nicht signalisierte Knotenast (im oberen Bild hinten) hat eine Ampel erhalten. Der Radverkehr befindet sich ununterbrochen im Sichtfeld des Autoverkehrs, fährt auf direktem Weg und auf für alle nachvollziehbarer Strecke ohne störende Kanten und mit angemessenerer Grünphase. Sehr positiv ist auch, dass der letzte Kreuzungsast nun eine Ampel erhalten hat. Weg vom Umweg, hin zu mehr Sichtbarkeit. Wo früher die Verschwenkung nach rechts begann, geht es nun zur Absenkung auf die Fahrbahn. (Hier noch hinter der Bake versteckt).
Kreuzung Bramfelder Chaussee/Wandsbeker Straße. Hier ist im Hintergrund eine Dreiecksinsel zu sehen. Über sie geht es zukünftig gerade und nicht mehr mit einem Schlenker zum Zebrastreifen. Im Anschluss folgt eine weitere, gerade Furt und nicht mehr der zweite Verschwenk über die Fußgängerampel. Umwege fallen weg, Sichtbeziehungen sind gegeben, keine Unklarheiten für Verkehrsteilnehmer. So soll es sein.
Kreuzung Bramfelder Straße/Fuhlsbüttler Straße. Im Bild ist noch die verschwenkte Führung zu erkennen. Wer bisher geradeaus wollte, musst erstmal zum Zebrastreifen und durfte sich fragen, was er da eigentlich sollte. Zukünftig fährt der Radfahrende immer parallel zur Fahrbahn geradeaus über eine neue Furt. Die neue Radwegaufleitung vorne im Bild zeigt, wo er dann ab sofort ankommt.
Hier entsteht die neue Bushaltestelle am Einkaufszentrum Herthastraße. Wer's noch kennt: Da gab es früher einen fiesen Radweg über die Zufahrt von Max Bahr mit der anschließenden Null-Sicht-Ausfahrt hinter dem Gebäude und der bei Dunkelheit unsichtbaren Führung direkt auf einen Kantstein zu. Das war die pure Zumutung.
Auch vor dem Bramfelder Kulturladen gibt es jetzt eine ganz neue Haltestelle mit Fahrradspur auf der Fahrbahn.