08.03.2014

Gut gemeint ist nicht gut gemacht

Von: Ulf Dietze

Selten erreichten uns so viele Mails zu einem einzigen Straßenumbau wie nach der Neugestaltung des Knotens Maienweg/Ratsmühlendamm/Erdkampsweg/Brombeerweg. Dabei ist nicht alles schlecht, was hier getan wurde. Doch Entscheidendes ging gefährlich daneben.

Tatsächlich zeigt sich der große Knoten in Ohlsdorf »moderner« als vieles, was wir in Hamburg bisher für den Radverkehr zu sehen bekamen. So ist der Radverkehr vom Fußverkehr räumlich und signaltechnisch getrennt und es gibt aus zwei Straßen Geradeausradspuren links vom Rechtsabbiegerstreifen (siehe Foto). Ansonsten fährt die RadfahrerIn hier fahrbahnnah und nicht auf abgesetzten Radwegen. Für Radfahrende, die den Knoten geradeaus überqueren wollen, ist er also besser als vor dem Umbau.

Der Plan zeigt das Prinzip des indirekten Abbiegens am besprochenen Knoten.
Der Plan zeigt das Prinzip des indirekten Abbiegens am besprochenen Knoten.
Aus dem Brombeerweg landet der Radfahrer bei Punkt A, wo er wartet, bis die Autos vorbei sind. Eigentlich will er nach B. Der geeignete Zeitpunkt ist im Bild zu sehen: Die Autos aus dem Ratsmühlendamm (West) und die Fußgänger haben jetzt Grün. Nur: De
Aus dem Brombeerweg (F) landet der Radfahrer bei Punkt A, wo er wartet, bis die Autos vorbei sind. Eigentlich will er nach B. Der geeignete Zeitpunkt ist im Bild zu sehen: Die Autos aus dem Ratsmühlendamm (West) und die Fußgänger haben jetzt Grün. Nur: Der Radfahrer kann nicht wissen, dass er diesen Zeitpunkt abwarten muss. Nach den Regeln der StVO hätte er auch vorher schon nach B weiterfahren dürfen.

Problem Linksabbiegen

Wir vergleichen einmal die Abbiegevorgänge von Auto- und RadfahrerIn am Beispiel Brombeerweg Richtung Ratsmühlendamm (Ost) (siehe Video).

Auto

Ich fahre auf einer glatten, übersichtlichen Asphaltfahrbahn auf die Kreuzung zu, ordne mich auf der Linksabbiegespur ein und muss an der roten Ampel anhalten. Nach einigen Sekunden Wartezeit leuchtet für die Linksabbieger der grüne Pfeil auf der Ampel und ich folge meiner Abbiegespur in den Ratsmühlendamm. Geschafft, Abbiegevorgang beendet.

Fahrrad

Ich erreiche die Kreuzung auf einem Radweg, der 20 m vor der Ampel in einen Streifen auf der Fahrbahn übergeht. Einordnen zum direkten Linksabbiegen ist so knapp vor der Ampel nicht mehr möglich. Ich bleibe deshalb wie von den Planern vorgesehen im Geradeaus-Radstreifen. Als ich zusammen mit den geradeaus in den Maienweg fahrenden Autos Grün bekomme, muss ich meiner Fahrrad-Furt geradeaus über die Kreuzung Richtung Maienweg folgen. Vor der querenden Radfurt im Ratsmühlendamm soll ich mich nun in einen kleinen Bereich für linksabbiegende Radfahrer aufstellen. – Autofahrer, die gemeinsam mit mir zum Abbiegen gestartet waren, haben jetzt bereits den Ratsmühlendamm erreicht.

Nun sind also die Autos Richtung Maienweg alle vorbei und ich kann weiter Richtung Ratsmühlendamm abbiegen, was ich denn auch tue. Doch jetzt fahren plötzlich von rechts die Autos aus dem Maienweg Richtung Brombeerweg und Erdkampsweg los! Die kreuzen meinen Weg und nehmen mich fast auf die Hörner! Dabei bin ich vollkommen korrekt nach StVO gefahren: Zum Abbiegen bei Grün in die Kreuzung, gewartet, bis neben mir kein Auto mehr fährt und dann den restlichen Abbiegevorgang angetreten (siehe Kasten »Indirektes Abbiegen rechtlich betrachtet«)

Mail an die Ampelingenieure

Das Problem sind an dieser Kreuzung also die Aufstellbereiche, die der Radfahrende nach dem halben Abbiegevorgang erreicht in Verbindung mit den nicht vorhersagbaren Grünphasen aller anderen Verkehrsteilnehmer. Der Radfahrende ist quasi gefangen, weil er nicht wissen kann, wann er korrekt weiterfahren kann.

Also geht eine Mail an den Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer, der die Ampelprogramme berechnet und die Lichtsignalanlagen an solchen Kreuzungen plant: »(...) Wenn ich zum Beispiel aus Richtung F kommend nach B fahren will, muss ich mich zum indirekten Abbiegen bei Position A aufstellen. Wenn die parallel zu mir fahrenden Autos aus Richtung F vorbeigefahren sind, setze ich unmittelbar meinen Abbiegevorgang Richtung B fort. Was ich nicht wissen kann: Das ist absolut gefährlich, denn nun fahren die Autos aus D los und erreichen mich, bevor ich B erreiche. (...)  Die hier ausgeführten Lösungen des indirekten Linksabbiegens mit unvollständiger Signalisierung sind uneindeutig und gefährlich.«

Antwort: Alles ist gut!

Einen Monat später geht die Antwort des Projektleiters beim LSBG, Heinke Wiemer, ein: »Fahrradfahrende, die links einbiegen wollen, sind nach Querung der kreuzenden Straße und Aufstellung in der vorgesehenen Aufstellfläche (hier beispielsweise A) wartepflichtig gegenüber dem querenden Verkehr (hier beispielsweise F nach D und D nach F).«

Der Radfahrer kann in seiner Wartetasche jedoch nicht wissen, wann diese Autos aus D losfahren, weil er deren Ampelschaltung nicht kennt ...

Der LSBG führt weiter aus: »Mit Umschaltung der Ampelanlage auf die querende Fahrtrichtung (hier beispielsweise C nach E und umgekehrt), deutlich sichtbar durch den parallel anfahrenden Kfz-Verkehr und die Freigabe der parallelen Fußgängerfurten, ist die Querung für Radfahrer sicher möglich.«

Wenn hinter mir die Autos losfahren, könnten das auch die Linksabbieger mit eigenem Signal sein. Davon abgesehen: Es kann nicht im Sinne der Verkehrsplaner sein, dass Radfahrer sich nicht mehr an der StVO orientieren, sondern ihre Regeln aus dem ableiten, was andere Verkehrsteilnehmer tun.

Der LSBG setzt fort: »Weiterhin ist aus der Aufstellfläche das Fußgängersignal sichtbar, welches ebenfalls sicher über die Straße führt.«

Mag sein. Nur: Diese Ampel gilt nicht für den Radfahrer auf der Fahrbahn.

Der LSBG ergänzt dann noch abschließend: »Ein gut einsehbares und begreifbares Anbringen von separaten Radfahrerabbiegesignalgebern wäre für die indirekten Linksabbieger aufgrund der vorgezogenen Lage technisch sehr aufwendig und ist in der Straßenverkehrsordnung im Sinne von § 9 StVO als solches auch nicht vorgesehen. Die Gefahr von verheerenden Irritationen durch solche Signale ist gegenüber einem Zuwachs an Komfort der Radfahrer an diesen Stellen überwiegend.«

Richtig ist: Zusätzliche Ampeln brächten neue Probleme mit sich. Falsch ist: Es geht hier nicht um Komfort der Radfahrer, sondern um die Verkehrssicherheit.

Wenig hilfreich

Der LSBG hat nun erklärt, was alles nicht geht. Dem Menschen auf dem Rad hilft das nicht. Der LSBG empfiehlt dem Radfahrer, sich daran zu orientieren, was andere Verkehrsteilnehmer tun, um sicher abbiegen zu können.

Als Alternative bietet er an, sich an Ampeln zu orientieren, die nach StVO für Radfahrer nicht gelten. Er blendet aus, dass z. B. ortsfremde Radfahrer gar nicht wissen können, dass sie sich hier zur eigenen Sicherheit nicht StVO-gemäß verhalten dürfen.

Zufriedenstellen kann diese Antwort die Radfahrenden deshalb nicht. Einsicht ist nicht erkennbar. Weitere Kreuzungen dieser Art sind demnach auch in Zukunft zu erwarten.

Ulf Dietze in RadCity 2/2014

Lesen Sie auch unser [Update vom 03.07.2015]

Lesen Sie auch »Am Rande« über weitere Probleme der Kreuzung sowie unseren Kommentar.

Außerdem haben wir ein Video bei Youtube eingestellt.