02.06.2013

Eine schizophrene Bahn

Von: Werner Grage

Neulich im Zug vom Hauptbahnhof nach Pinneberg: Dorthin geht es zu einem Tagesausflug. Es ist 8:20 Uhr und ich habe ein Ticket für den Hamburger Großbereich gelöst, um mit dem Regionalexpress Richtung Kiel nach Pinneberg zu fahren. Ich habe mein Fahrrad dabei und besteige den (man beachte) leeren Fahrradwaggon. Dann setze mich auf einen Klappsitz. Und bald darauf fangen die Probleme an.

Nachdem sich der Zug vom Dammtorbahnhof aus wieder in Bewegung gesetzt hat, betritt ein Schaffner den Wagen und fragt mit lauter Stimme: »Wem gehört denn da das Fahrrad?« Ich melde mich mit Schuldgefühlen, obgleich ich mir keiner Schuld bewusst bin. Der Schaffner schaut sich prüfend meine HVV-Fahrkarte an und lächelt triumphierend! Dann sagt er, dass zwischen 6 und 9 Uhr Sperrzeit für die Fahrradbeförderung sei und ich mein Rad also nicht mitnehmen dürfe. Ich erstarre: Ein leeres Fahrradabteil, und ich darf mein Rad darin nicht mitnehmen?

Ich bin schockiert, denn der Schaffner sagt mir außerdem: »Eigentlich darf ich Sie gar nicht weiterfahren lassen und müsste sogar dafür sorgen, dass Sie aussteigen. Das geht zwar nicht, weil der Zug zwischen Dammtor und Pinneberg nicht mehr hält, aber: Sie müssen nun 10 Euro Fahrpreisnacherhebung bezahlen.« Grund: Ich habe gegen die Beförderungsrichtlinien verstoßen. Daraufhin schaue ich ihn lächelnd an: »Das bezahle ich aber nicht, dann möchte ich lieber aussteigen! Wenn der Zug vor Pinneberg nicht hält, ist das nicht mein Problem, sondern Ihres!«

Dann setze ich nach: »Aber ich habe noch eine Frage. Wenn ich nun mit meinem Fahrrad nach Kiel fahren würde, was dann?« »Ja«, sagt er mir: »Dann dürften Sie selbstverständlich Ihr Fahrrad im Fahrradabteil mitnehmen. Allerdings müssten Sie dann ein Fahrradticket von 3 Euro in der Zeit von 6 bis 9 Uhr lösen. Denn dann würden Sie ja mit der Deutschen Bahn fahren, da gelten andere Bedingungen als beim HVV.« »Gut!«, sage ich: »Dann werde ich eben in Zukunft ein DB-Ticket lösen!« »Nein, nein, das geht nun wieder nicht! Pinneberg gehört zum HVV, und Sie können für diese Strecke nur ein HVV-Ticket lösen. Somit gilt dann wieder die Sperrfrist für das Fahrrad!« so der Schaffner.

Ich muss etwas ratlos aus der Wäsche gucken, als ich sage: »Dann gelten also für einen Zug zwei verschiedene Beförderungsbedingungen? Jetzt fehlt bloß noch, dass die Waggons für den HVV-Bereich langsamer fahren, weil es für die Waggons, die nach Kiel fahren, andere Beförderungsbedingungen gibt. Und im Übrigen«, frage ich den Schaffner: »Sind Sie denn überhaupt berechtigt, für beide Beförderungsmöglichkeiten die Karte zu kontrollieren oder sehe ich das verkehrt?«

Jetzt schaut mich der Schaffner etwas ratlos an und meint: »Ich bin beim HVV, äh nein, bei der Bahn angestellt. Und ich darf auch für den HVV prüfen. Aber beweisen kann ich Ihnen das jetzt nicht – das müssen Sie mir schon glauben!« Daraufhin sage ich ihm: »Das ist für mich völlig unverständlich. Sie wollen sogar Geld von mir kassieren für den HVV und können sich nicht einmal ausweisen! Ob ich das wohl verstehen soll?«

Er schaut mich noch ratloser an, er versteht wohl die Welt nicht mehr, dreht sich auf der Stelle um, und während der Fahrt sehe ich ihn im Zug nicht mehr. Es dauert auch nicht mehr lange und wir laufen in Pinneberg ein. Als ich aussteige und dem Ausgang zugehe, steht er da – in der Mitte des Zuges auf dem Bahnsteig – und lässt den Zug soeben abfahren.

Ich bin davon überzeugt, dass er mich mit meinem Fahrrad noch sieht, aber er würdigt mich keines Blickes und so verschwindet er mit dem abfahrenden Zug aus meinem Blickfeld. Ich glaube aber, er ist sicherlich etwas erleichtert, denn von Pinneberg nach Kiel ist ja die Bahn zuständig und nicht der HVV! Und es ist nun in der Zwischenzeit auch bereits nach 9 Uhr, und dann kann man ja auch wieder Fahrräder mitnehmen. Zumindest auf dem Gebiet des HVV, ach so, nach Kiel geht es ja sowieso! Da fährt ja auch die Bahn und nicht der HVV! Und sollte ich noch einmal vor 9 Uhr auf HVV-Ticket und mit dem Fahrrad nach Pinneberg fahren, dann will ich hoffen, dass ich dem netten Schaffner nicht wieder begegne, denn es könnte ja sein, dass er zwischenzeitlich beim HVV angestellt ist. Dann würde ich aus lauter Gehässigkeit nach Kiel weiter lösen und ihn fragen, ob er denn auch berechtigt ist, für die Bahn Geld einzunehmen. Aber ich glaube, das lass ich lieber, denn ich möchte ja noch länger Radfahren!

Werner Grage in RadCity 3/2013

Diese Geschichte erschien bereits in der Zeitschrift »bei uns«, herausgegeben von den Hamburger Wohnungsbaugenossenschaften. Wir danken Herrn Grage, der jüngst seinen 80. Geburtstag feierte und zuletzt bei der Radreise-Messe für den ADFC aktiv war, für die Erlaubnis, den Text zu verwenden.