17.08.2006

Vorbild Kiel – Viel für den Radverkehr getan

Von: Stefan Warda

Auf Einladung des ADFC Hamburg besuchte eine Gruppe von Politikern im Rahmen einer radverkehrsplanerischen Exkursion die Landeshauptstadt Kiel.

Unter sachkundiger Führung des Radverkehrsbeauftragten der Landeshauptstadt und eines Vertreters des Kieler ADFC radelte die Gruppe drei Stunden durch die Fördestadt. Dabei gab es vieles zu bestaunen: Umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit, zahlreiche Fahrradstraßen, viele neue Radfahrstreifen und Schutzstreifen auf der Fahrbahn.

Auch die vorbildlichen Abstellmöglichkeiten und ein ständig wachsendes Veloroutennetz tragen dazu bei, dass Kiel beim bundesweiten Fahrradklimatest von ADFC und BUND mittlerweile den zweiten Platz gleich hinter Münster belegt (Hamburg an letzter Stelle).

Jährliche Prüfungen

Kiel steigerte seinen Radverkehrsanteil von 8 Prozent im Jahre 1988 auf derzeit 17 Prozent und strebt zukünftig einen Anteil von 25 Prozent an (Hamburg steht bei rund 9 Prozent). Ein Fahrradforum als beratendes Gremium des städtischen Bauausschusses begleitet die Erfolgsstory. Sechs mal im Jahr treffen sich die Mitglieder des Forums – Vertreter von Parteien, Verbänden und Verwaltung. Zusätzlich führen sie einmal jährlich eine mehrstündige Exkursion durch, um Problemstellen zu besichtigen und vor Ort zu diskutieren oder um neue Verkehrsführungen in Augenschein zu nehmen und auf deren Funktionalität zu prüfen.

Das bundesweit vorbildliche Fahrradforum wurde auch im BYPAD-Prozeß besonders hervorgehoben. BYPAD bedeutet Bicycle Policy Audit, ist ein Instrument zur Wirksamkeitsprüfung und Qualitätsverbesserung kommunaler Radverkehrspolitik und wurde 2003/2004 in Kiel durchgeführt. Die BYPAD-Bewertung bietet eine objektive Grundlage für die zukünftige Radverkehrsförderung (www.bypad.org).

Und in Hamburg?

Beeindruckt von den Erfolgen der Kieler verließen die Hamburger Exkursionsteilnehmer – (Vertreter der Bürgerschaftsfraktionen von CDU, GAL und SPD, der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, der Hamburger Polizei, des ADAC und des ADFC), die Fahrradhauptstadt Schleswig-Holsteins. Im Mai 2006, direkt im Anschluss an die Exkursion brachten einige CDU-Politiker einen Antrag »Radfahrstrategien für Hamburg« zur Förderung des Radverkehrs in der Bürgerschaft durch: »Der Senat wird ersucht, eine Radverkehrskonzeption zu erarbeiten, welche neben einem Leitbild auch einen Maßnahmenplan, Aussagen zu Finanzierung und Prioritäten, sowie zum Qualitätsmanagement beinhaltet.« Ob das Kieler Fahrradforum nun Pate sein wird für ein ähnliches Hamburger Gremium, ist allerdings noch offen. Der ehemalige Fahrradbeirat bei der Baubehörde wurde im Dezember 2004 von Seiten der Behörde stillschweigend eingestellt.

Stefan Warda in RadCity 4/2006

8 Kilometer Fahrradstraßen hat Kiel bereits eingerichtet. Bei einem Straßennetz von 560 km sind das 1,4 % der Straßen. Hamburg hat dagegen von 3956 km Straßennetz ca. 1 km Fahrradstraßen, also einen Anteil von 0,03 %.

Der  Fahrradbeauftragte der Landeshauptstadt, Herr Redecker (erste Reihe, Mitte), führte die Gruppe aus Politikern, Behördenmitarbeitern und Verbandsvertretern aus Hamburg durch Kiel.

Kiel setzt auf eigene Ampeln für Radfahrer. Dadurch erhalten sie möglichst lange Grünphasen und sehen seltener Rot. Bettelampeln nach Hamburger Prinzip gibt es nicht.

Das engmaschige Veloroutennetz der Landeshauptstadt Kiel wird kontinuierlich bis auf eine Länge von 80 Kilometern ausgebaut. 50 Kilometer sind fertig gestellt, häufig fahren Radler dabei durch Fahrradstraßen.

Schutzstreifen sollen in Kiel häufiger markiert werden, um den Radfahrer im Sichtfeld der Autofahrer zu behalten. Hier wurde ein schmaler Pinsellinienradweg auf dem Gehweg aufgegeben zugunsten eines neuen Schutzstreifens. Konflikte mit Fußgängern entfallen dadurch. Radfahrer können zügiger fahren.

Radfahrstreifen ersetzen in Kiel ebenfalls frühere zu schmale Radwege neben schmalen Gehwegen. Radfahrstreifen sind breiter als Schutzstreifen und bieten ähnlich wie in der Hamburger Grindelallee einen ausreichenden Seitenabstand zu parkenden Autos.

Radfahrstreifen bieten auch im Kreuzungsbereich Vorteile gegenüber den typischen Hamburger Radwegen. Der Radfahrer bleibt im Sichtfeld der Autofahrer und es gibt weniger Unfälle mit abbiegenden Autos. Radfahrer kommen außerdem schneller über die Kreuzung und Konflikte mit Fußgängern entfallen.

Die direkte Führung im Kreuzungsbereich macht das Radfahren schneller. In Hamburg wird dagegen lediglich der Autoverkehr an Kreuzungen beschleunigt. Radler werden selbst bei neuen Kreuzungen benachteiligt, müssten – je nach Fahrtrichtung – offiziell sogar manchmal schieben.

Vorgezogene Aufstellbereiche erleichtern das direkte Linksabbiegen.

In weiteren Hauptverkehrsstraßen werden Radfahrstreifen angelegt. Hier ist zunächst provisorisch mit gelber Farbe die rechte Fahrspur als Radfahrstreifen abmarkiert. Eine dauerhafte Markierung wird später folgen.

Carsten Willms (ADAC), Klaus-Peter Hesse (CDU) und Jörg Lühmann (GAL) (v. l.) »auf Fortbildung in Kiel«

Das Fahrradforum gibt es seit 1988. Die konstruktive und zielorientierte Zusammenarbeit der Akteure legt die Basis für Kiels Erfolge. Empfehlungen des Fahrradforums müssen von der Verwaltung bearbeitet und dem Bauausschuss mit Stellungnahme der Verwaltung vorgelegt werden. (Quelle: Landeshauptstadt Kiel, Tiefbauamt)