12.10.2007

ADFC-Position zur Radverkehrsstrategie

Von: Ulf Dietze

Mehr als der kleinste gemeinsame Nenner –
Die Radverkehrsstrategie für Hamburg

Oft hat der ADFC in den 25 Jahren seiner Geschichte große Ankündigungen gehört, nun werde sich alles für den Radverkehr bessern. Kein Senat hat daran mit der notwendigen Ernsthaftigkeit gearbeitet. Gerade auch der CDU-Senat hat in den ersten Jahren Projekte auf Eis gelegt, die jetzt erneut gefeiert werden: Velorouten, Radfahrstreifen, Wegweisung usw.

Das ist heute anders

Doch nun haben erstmals Vertreter aller zuständigen Behörden, sämtlicher in der Bürgerschaft vertretenen Parteien und der im Verkehrsbereich tätigen Verbände und Institutionen gemeinsam ein Konzept erarbeitet und sich für die zügige Umsetzung ausgesprochen. Damit verbindet der ADFC die Hoffnung, dass die Ziele auch über die nächste Bürgerschaftswahl hinaus Bestand haben werden.

Konkret heißt es in der »Radverkehrsstrategie für Hamburg«:

»Der Radverkehrsanteil soll von 9 % im Jahr 2002 auf 18 % im Jahr 2015 verdoppelt werden.«

Diesen Prozess begleitet der ADFC gerne konstruktiv: Fahrradpolitik ist nicht parteipolitisch gebunden. Egal wer‘s macht, es muss nur endlich mal jemand gut machen.

Hintergrund

Radwege klassischer Bauart sind unattraktiv und gefährlich – so sieht es der ADFC seit langem. Auch die Straßenverkehrs-Ordnung (StVO) wurde auf Grund dieser Erkenntnisse geändert. Und nun steht es auch im Fahrradkonzept:

»Das Hamburger Radwegenetz weist zahlreiche funktionale und bauliche Defizite auf« (S. 3, I 3.3).

»Aber auch bei neueren Radverkehrsanlagen führen Kostenaspekte, konkurrierende Nutzungsansprüche sowie bisweilen auch mangelnde Erfahrung im Entwurf von Radverkehrsführungen dazu, dass Defizite aus Sicht des Radverkehrs auftreten und die Planungshinweise für Stadtstraßen, Teil Radverkehr (PLAST 9), als in Hamburg eingeführter Stand der Technik nicht immer zur Anwendung kommen. (...) Unter diesen Gegebenheiten wird die Nutzbarkeit der bestehenden Radverkehrsanlagen sowohl von den Radfahrerinnen und Radfahrern (Fahrradklimatest 2005) als auch von den Fachleuten im Fahrradforum einhellig kritisch bewertet.« (S. 6, II 1)

Zukünftig gilt deshalb der Grundsatz, lieber weniger zu bauen, das aber mit der notwendigen Qualität.

»Wenn Radwege zu schmal sind oder Sicherheitsräume zu parkenden Fahrzeugen fehlen, reicht eine einfache Belagserneuerung nicht aus. Dann ist der Querschnitt neu aufzuteilen und ggf. der Einsatz alternativer Führungsformen wie Radfahrstreifen oder Schutzstreifen zu prüfen. Dabei sollen im Interesse einer gleichberechtigten Behandlung des Radverkehrs im Straßenverkehr grundsätzlich die in den Regelwerken empfohlenen Standardmaße verwirklicht werden. Eine Beschränkung auf die Mindestmaße erfolgt nur bei unabweisbarer Notwendigkeit.« (S. 8, II. 1.1-7)

Das bewertet der ADFC besonders positiv

  • Fahrradverkehr wird als wichtiger Beitrag zu Klimaschutz, Gesundheitsförderung und Stadtentwicklung gesehen. Es darf nur solche Radverkehrsanlagen geben, die hohen Ansprüchen an Sicherheit und Attraktivität genügen, deren Unterhalt und Pflege also auch gewährleistet ist.
  • Radfahrstreifen auf der Fahrbahn wird es laut Konzept häufiger geben, denn oft sind sie eine geeignete Möglichkeit, einen sicheren Weg für RadfahrerInnen zu schaffen. Mischverkehr auf der Fahrbahn ist ebenfalls eine Lösung, mit der sich gleichberechtigte Verkehrsteilnahme für Radfahrer herstellen lässt.
  • An Ampelkreuzungen erhalten RadfahrerInnen und FußgängerInnen zusammen mit dem parallelen Autoverkehr Grün, ohne dies anfordern zu müssen.
  • Gelder für den Radverkehr fließen mit hoher Priorität in den Ausbau und die Pflege von Velorouten sowie in solche Radverkehrsanlagen, die auch langfristig benutzungspflichtig bleiben werden.
  • Geld für den Radverkehr wird über mehrere Jahre kontinuierlich in nennenswerter Höhe zur Verfügung stehen; damit wird Planungssicherheit erreicht.
  • Die Öffentlichkeitsarbeit für das Fahrrad als attraktives und gleichberechtigtes Verkehrsmittel wird ausgebaut.

Perspektive

Der ADFC ist sich bewusst, dass nicht sofort alles besser wird. Es wird auch weiterhin die eine oder andere Baumaßnahme geben, die das Fahrrad als Verkehrsmittel benachteiligt. Gleichwohl müssen sich die Behörden bei Neubauten und Instandsetzungen ab sofort an der Radstrategie messen lassen. Schließlich werden RadfahrerInnen über Jahre hinweg diese Wege benutzen.

Messpunkte

Das Konzept enthält viele kleine, aber wichtige Einzelmaßnahmen. Es spiegelt eine Grundhaltung bei jedem einzelnen verantwortlichen Behördenmitarbeiter und Politiker wider, die das Fahrrad als in jeder Planung zu berücksichtigenden Faktor ernst nimmt. Trotzdem reicht das alleine noch nicht, um den Radverkehrsanteil dauerhaft und im angestrebten Umfang zu erhöhen. Der ADFC überprüft deshalb den Erfolg der Strategie anhand der folgenden Punkte:

  • Bau der 14 Hauptrouten des Veloroutennetzes bis 2015. Bis Ende 2009 müssten dafür zusätzlich zur heute existierenden Route zumindest zwei weitere Routen fertiggestellt sein.
  • Verstärkter Einsatz von Radfahrstreifen statt Radwegen bei Neubau oder Sanierung.
  • Alle neuen Radverkehrsanlagen müssen sich an die Standards der einschlägigen Planungsgrundlagen halten. Insbesondere müssen mindestens die empfohlenen Standardmaße erreicht werden. Die Strategie sagt dazu: »Eine Beschränkung auf die Mindestmaße erfolgt nur bei unabweisbarer Notwendigkeit«. (S. 8, II. 1.1-7) Vor dem Herstellen jeglicher Radverkehrsanlage ist zu prüfen, ob dieser Eingriff in den fließenden Radverkehr überhaupt zulässig ist (Par. 45 Abs. 9 StVO)
  • An Ampeln erhalten FußgängerInnen und RadfahrerInnen automatisch Grün mit dem parallel verlaufenden Autoverkehr.

Alle Zitate aus: »Radverkehrsstrategie für Hamburg (Entwurf)«, Stand 12.09.07