28.11.2015

»Das Auto ist ein wichtiger Verkehrsträger«

Von: Dirk Lau

Hamburg soll Fahrradstadt werden. Hört sich gut an – wer könnte etwas dagegen haben? Die RadCity traf sich mit Dennis Thering, dem verkehrspolitischen Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion, der sich lautstark für Hamburgs Autofahrer einsetzt. Radfahrstreifen auf Hauptstraßen mit hohem Anteil von Schwerlastverkehr hält er für »irre« und Hamburgs neue Radverkehrskoordinatorin für »überflüssig«.

Dennis Thering im Interview (Foto: Ulf Dietze)

Dennis Thering

Geboren 1984 in Hamburg, machte Thering nach dem Abitur eine Lehre als Bankkaufmann und arbeitete für die Hamburger Sparkasse, bevor er 2010 ein Politikstudium in Hamburg aufnahm (das er 2013 abschloss). Seit 2011 ist Thering für die CDU Abgeordneter der Hamburgischen Bürgerschaft und seit 2013 Mitglied im Landesvorstand seiner Partei. Seit 2014 ist Thering bei der Pflegen und Wohnen Hamburg GmbH angestellt und nach der Wahl 2015 zum stellvertretenden Vorsitzenden der CDU-Bürgerschaftsfraktion aufgestiegen.

RadCity: Herr Thering, Sie fahren Fahrrad? 

Dennis Thering: Ja, das tue ich. 

Würden Sie sich als Alltagsradler bezeichnen?

Ich wohne oben an der Grenze zu Norderstedt am Raakmoor, da drehe ich am liebsten mit dem Rad meine Runden. Ansonsten mit meiner Frau und unserer Tochter mal zum Eisessen. Aber jetzt hier ins Rathaus und zu meiner Arbeit nach Mundsburg – das ist dann doch ein bisschen zu weit mit dem Rad. 

Aber heute sind Sie mit dem Rad gekommen?

Nein, heute bin ich mit dem Auto gekommen. Wäre ich mal mit dem Rad gekommen, dann wäre ich wahrscheinlich schneller gewesen. Aber dann ist man so durchgeschwitzt, das ist dann immer etwas schwierig. Aber ich versuche, so viel wie möglich mit dem Rad zu fahren. 

Dennis Thering und die CDU machen Radfahrstreifen und Schutzstreifen in der Fuhlsbüttler Straße für Staus und Verkehrsprobleme verantwortlich

Gibt es keine Duschen für Abgeordnete im Rathaus? 

Wir haben ja noch nicht einmal Fahrradstellplätze. Das hatten wir auch letztens im Ältestenrat gesagt, wir brauchen jetzt dringend Fahrradstellplätze. Aber Nasszellen zum Duschen gibt es auch nicht. Das wäre ja mal eine Idee. 

Wozu brauchen Sie in Hamburg noch ein eigenes Auto?

Wir brauchen grundsätzlich einen zeitgemäßen Verkehrsmix. Da gehört natürlich das Fahrrad dazu, ÖPNV ist in Hamburg gut ausgebaut, wird immer weiter gut ausgebaut. Ich glaube aber auch, dass das Auto ein wichtiger Verkehrsträger ist, gerade für ältere Menschen, die zum Beispiel einkaufen gehen. Seien es Getränke, größere Einkäufe, auch mit Familie. Unsere Tochter ist acht Monate alt. Wenn meine Frau einen großen Wocheneinkauf macht, ist das schon mit dem Fahrrad recht schwierig zu bewerkstelligen. Hier ist ein Auto wichtig. Von daher glaube ich, dass ein Nebeneinander aller Verkehrsteilnehmer schon ganz wichtig ist und wir sollten niemandem sagen, er dürfe jetzt nur noch das eine Verkehrsmittel nehmen. Das ist ja auch das, was wir am SPD-Senat kritisieren, der eine autofeindliche Politik macht, um die Leute möglichst weg vom Auto aufs Rad oder den ÖPNV zu zwingen. Das Verkehrsmittel der Wahl kann von der Politik zwar schmackhaft gemacht, nicht aber von oben verordnet werden. Das mag ökologisch sinnvoll sein, aber ich glaube, diese Bevormundung ist der falsche Weg. Ich glaube, ein Miteinander muss auch in einer Millionenmetropole wie Hamburg möglich sein. Gerade, wenn wir uns den Warenwirtschaftsverkehr angucken. 

Dieses Foto aus der Bebelallee gehört glücklicherweise der Vergangenheit an. In Kürze ermöglichen dort Schutzstreifen auf der Fahrbahn auch anderen Verkehrsteilnehmern als den Autofahrern ein komfortables und sicheres Vorankommen

Bürgermeister Scholz sagt aber doch, er will niemanden bevormunden und vorschreiben, welches Verkehrsmittel er nehmen soll, sondern er will – aus unserer Sicht paradoxerweise – die Bedingungen für alle Verkehrsarten verbessern. Und zu den Alltagssituationen, die Sie nannten, sagen Verkehrsexperten: Gerade in diesem Nahbereich von 5 bis 10 Kilometern ist das Fahrrad eindeutig das beste, schnellste, günstigste, sicherste und natürlich auch das Fahrzeug, das am meisten Ressourcen spart. 

Absolut, jedes Verkehrsmittel hat Stärken und Schwächen, auch das Fahrrad. Wenn die Voraussetzungen oder wenn der Bürger, der Kunde, der Konsument sagt, mit dem Fahrrad bin ich am besten dabei, dann kann er das auch benutzen. Man darf nur nicht vergessen, Sie sprachen das Thema Sicherheit an. Also die aktuellen Zahlen im Vergleich zu 2013 und 2014 sind dramatisch. Wenn wir gucken, dass wir 500 % mehr an tödlichen Radverkehrsunfällen haben, ich glaube, von 2 in 2013 auf 11 in 2014. Die Zahl der verunglückten Radfahrer an sich ist um knapp 10 % gestiegen, die Unfälle mit verletzten Radfahrern um 9 %. Also da sieht man schon, dass der Trend leider Gottes eher dahin geht, dass Radfahren gefährlicher wird in Hamburg. Woran das liegen mag, können wir nochmal besprechen. 

Wir haben die Statistiken der Polizei als verlässliche Quelle. Und diese zeigen, dass die Unfälle auf Radwegen passieren, die auf dem Bürgersteig angelegt sind. Und sie passieren deswegen, weil die Verkehrsteilnehmer, also der Fahrzeugverkehr, separiert, getrennt werden. Weil man sich nicht sieht. Die letzten tödlichen Unfälle liefen alle nach diesem Schema ab. Der Autoverkehr macht die Straßen gefährlich und unsicher. Sollte man nicht da als Verkehrspolitiker ansetzen und sagen: »Die Gefahr geht vom Auto aus, nicht vom Fahrrad.«? 

Das sehe ich anders. Aus einer aktuellen Anfrage von mir an den Senat zu diesem Thema geht klar hervor, dass von den 21 seit 2011 in Hamburg tödlich verunglückten Radfahrern 12 Mal ein Radfahrer der Verursacher war. Außerdem haben sich 13 dieser Unglücksfälle nicht auf Radwegen ereignet. Es ist daher falsch, zu sagen, der Autoverkehr ist schuld. Es ist aber richtig, zu fordern, dass mehr für Verkehrssicherheit getan werden muss.

Radweg in der Alten Landstraße: 2015 wird diese Allee von Poppenbüttel in Richtung Stadt rundumerneuert und bekommt Radfahrstreifen. Dennis Thering zählte dort 2011 nur 100 Radfahrer pro Tag – seiner Meinung nach seien Radfahrstreifen daher unsinnig. Die Anzahl der Radfahrenden darf jedoch keinen Einfluss darauf haben, ob ordnungsgemäße Radverkehrsanlagen hergestellt oder Radfahrer auf solche Wege wie abgebildet gezwungen werden
Dennis Thering kam ein paar Minuten zu spät zum Interviewtermin­ im Rathaus, weil er mit seinem Auto im Stau stand. Thering: »Die Autofahrer werden ausgebremst.«

Aber die Behörde wird auch sagen, Unfälle entstehen dann, wenn die Verkehrsteilnehmer sich nicht sehen können, weil sie außerhalb des Sichtfeldes sind. Und das ist nur der Fall auf Radwegen, die separiert werden, die abseits der Fahrbahn liegen. Deshalb hat die Behörde ja auch eine Kampagne gemacht: »Hab' dich im Blick«. 

Ja, in der Theorie.

Das ist keine Theorie. Das ist die Praxis. 

Wie gesagt, in der Theorie mag das alles stimmen, aber in der Praxis haben wir es mit Menschen zu tun. Da haben wir Autofahrer, die ihr Handy nehmen, rauchen, nach rechts schwenken und einen Fahrradfahrer mitnehmen. Das kann alles passieren, gerade auch in der dunklen Jahreszeit. Wenn Schnee und Eis liegt, wo sollen die Radfahrer dann hin?

Aber Sie können doch Straßen nicht nach subjektivem Empfinden, Fehlverhalten und Beobachtungen planen. Sie müssen doch nach dem gehen, was die Verkehrsunfallzahlen Ihnen sagen. Und die sagen ganz eindeutig: Führen Sie die Verkehrsteilnehmer im Sichtfeld, so vermeiden Sie am besten Unfälle. 

In der Theorie, wie gesagt, bin ich völlig bei Ihnen. Das zeigen die von mir erfragten und eben genannten Unfallzahlen sehr deutlich. Wenn alle sich vernünftig verhalten, mag das vielleicht die sichere Variante sein, aber in der Praxis sehen die Zahlen leider anders aus. Ich sitze in Sasel mit meinem Abgeordnetenbüro und da kommen viele ältere Leute, die sagen: »Ich nutze das Fahrrad jetzt nicht mehr, weil ich nicht bereit bin, auf dieser Fahrradstraße zu fahren, denn das ist mir zu gefährlich.« Es gibt bestimmt Berufspendler, die immer mit dem Fahrrad fahren, so wie Sie und wie viele andere vielleicht auch, aber es gibt auch den normalen Hobbyradfahrer, der sagt: »Das ist mir schlichtweg zu gefährlich, wenn neben mir ein 20-Tonner fährt.«

Dieses subjektive Unsicherheitsempfinden ist vorhanden, viele Leute glauben, sie wären auf der Fahrbahn gefährdet und nennen als Grund: Weil da Autos fahren. Aber was ist dann die Konsequenz für Sie? Noch mehr Autos da fahren lassen? 

Unser Ansatz ist es nicht, die einzelnen Verkehrsteilnehmer gegeneinander zu kannibalisieren und zu sagen: »Hier wird jetzt Rad gefahren und die Autos werden zur Seite gedrängt.« Nicht nur die Bedürfnisse der verschiedenen Verkehrsteilnehmer sind unterschiedlich, auch die örtlichen Gegebenheiten sind es. Bei jeder Straße muss daher einzeln geguckt werden, welche die beste Führungsform für den Radverkehr ist.

Es geht um Verkehrssicherheit. 

Genau, aber die Zahlen, die uns der Senat vorgelegt hat, besagen, es passiert ungefähr eine ähnliche Anzahl von Verkehrsunfällen mit Fahrradfahrern auf dem klassischen Radweg und auf den Fahrradstraßen. Ich habe es jetzt kürzlich gesehen, am Ratsmühlendamm, als ich von der Arbeit gekommen bin, wie ein Radfahrer von einem Autofahrer erfasst worden ist. Ich bin ausgestiegen und es ist auch nicht groß etwas passiert, aber man darf es wirklich nicht klein reden. Es ist auch gefährlich, ganz klar, aber Radfahren ist allgemein nicht ungefährlich. 

Wir sehen es genau andersrum: Radfahren ist nicht gefährlich, bekämpfen muss man die Unfallursachen. 

Sie sagen, dann müssen die Autos weg?

Nein, aber wir müssen ihre Zahl in der Stadt auf ein Minimum reduzieren. Warum bekämpfen Sie die Politik des Senats, den Anteil der Radfahrer in Hamburg zu erhöhen? Es gibt in Hamburg immer weniger Haushalte, die ein eigenes Auto haben. Setzen Sie nicht aufs falsche Pferd, wenn Sie sich zum »Rächer der Autofahrer« machen? 

Nein, das machen wir nicht. Außerdem tun wir viel für die Radfahrer. Schauen Sie sich die Radverkehrsstrategie an, die ja 2008 vom CDU-regierten Senat gemacht worden und heute noch aktuell ist. Oder nehmen wir das StadtRad zum Beispiel, auch ein Baby der CDU. Da sehen Sie, dass wir etwas für den Radverkehr tun, aber immer mit Augenmaß und wir sagen nicht, wir wollen alles nur für den Autoverkehr machen. Aber ich glaube, es ist nicht damit getan, dass wir sagen: »Wir bauen jetzt hier nochmal Fahrradstreifen hin.« Oder, wie es jetzt am Hauptbahnhof geplant ist, Unterstände für Fahrradständer und Fahrradboxen und dafür fallen Kfz-Parkplätze weg. Das ist aus unserer Sicht der falsche Weg, weil man damit Verkehrsteilnehmer gegeneinander ausspielt. Wir finden es absolut richtig, das Maximum für den Radverkehr zu machen, aber nicht zulasten anderer Verkehrsteilnehmer. 

Verkehrsexperten sagen Ihnen, dass Sie in Hamburg einen begrenzten Straßenraum haben und es darum geht, diesen gerechter aufzuteilen. 

Da haben wir ja einen Vorschlag gemacht, vor ein paar Monaten, als wir gesagt haben, wir wollen den Züricher Parkplatz-Kompromiss übernehmen. In Zürich sind die Parkplätze, die oberirdisch weggefallen sind, unterirdisch entstanden. 

Sie wollen die Kfz-Parkplätze unter die Erde legen?

Das wäre eine Möglichkeit, genau. Wenn oberirdisch Parkplätze wegfallen. In der letzten Legislaturperiode sind 1000 Kfz-Parkplätze weggefallen*. Zugleich ist die Zahl der angemeldeten Autos sprunghaft gestiegen. Also es ist so, dass immer mehr Autos in Hamburg angemeldet werden. 

Hauptsächlich Firmenwagen, oder? 

Die sind aber auch in der Stadt, der Kfz-Anteil wird ja nicht weniger. Ganz im Gegenteil. Sie haben 12 % Radverkehrsanteil, korrigieren Sie mich, und 40 % Kfz-Anteil. Die meisten Hamburger nutzen also das Auto anstatt das Rad. Also macht eine Politik nur für eine Seite keinen Sinn. Das soll auch nicht heißen, dass wir nichts für den Radverkehr tun. 

Nochmal: Was stört Sie an Radfahrstreifen? Sie haben den Bau solcher Streifen als »irre« bezeichnet. Auch CDU-regierte Bundesländer aber wenden sie flächendeckend an, weil sie ein Angebot gerade für Leute sind, die sich auf der Fahrbahn noch etwas unsicher fühlen. 

In der Theorie mag das alles stimmen, aber die Praxis sieht einfach anders aus. Wenn der Autofahrer immer hundertprozentig aufpasst, passieren auch keine Unfälle. Aber das ist in der Praxis einfach nicht der Fall. Und wenn wir in andere Bundesländer gucken, dann wird mit Fahrradstreifen sehr bewusst umgegangen. In Hamburg hat man das Gefühl, dass überall, wo es gerade probat ist, ein Fahrradstreifen hingesetzt wird. Nehmen wir zum Beispiel bei mir im Wahlkreis die Alte Landstraße. Vierspurig, zwei stadteinwärts und zwei stadtauswärts. Wird jetzt komplett umgebaut, Radfahrstreifen kommen auf die Straßen. Wir haben dort gezählt: 2011 waren es, glaube ich, am Tag unter 100 Radfahrer. Da muss man sich doch ernsthaft fragen, welchen Sinn es macht, einen Radweg, der in Ordnung ist, auf die Straße zu legen, dafür den Kfz-Verkehr einzugrenzen. Viele Leute sagen, sie lassen das Fahrrad jetzt stehen, weil sie nicht bereit sind, auf dieser Straße zu fahren. Das sind Kinder, das sind Erwachsene. Es gibt bestimmt auch einige Leute, die das gut finden, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es genauso viele Radfahrer gibt, die sagen, dass es ihnen zu gefährlich ist. 

Es geht darum, die Attraktivität des Radverkehrs zu erhöhen und das tun Sie mit Radfahrstreifen. 

Aber für wen erhöhe ich sie? 

Für die Radfahrer. 

Für Pendler vielleicht, aber doch nicht für den normalen Radfahrer.

Doch natürlich. Wie gesagt, wir können nur auf die Unfallstatistiken der Polizei verweisen. Und danach passieren die meisten Unfälle mit Radfahrern im Zusammenhang und auf Bordsteinradwegen und eben nicht, wie Sie behaupten, auf Radfahrstreifen. 

Dann haben Sie andere Zahlen. 

Wir haben deshalb beispielsweise lange darum gekämpft, am Wiesendamm einen Radfahrstreifen zu bekommen. Vonseiten der CDU kam nur Widerstand, weil Ihnen offenbar wildparkende Autofahrer wichtiger sind als eine sichere Radverkehrsführung. Einerseits sagen Sie, alle Verkehrsteilnehmer sollen gleichbehandelt werden – aber im Zweifel schlagen Sie sich eindeutig auf die Seite der Autofahrer. Warum tun Sie denn nicht mal zur Abwechslung was für die Radfahrer?

Also, ich habe ja eingangs gesagt, dass die Radverkehrsstrategie oder auch das StadtRad von uns gemacht wurde. Das ist ja nicht vom Himmel gefallen oder von der SPD gemacht worden. 

Wenn Sie sagen, Sie wollen die Strategie umsetzen, dann widerspricht das aber Ihren aktuellen Aussagen. 

Ok, sagen wir, es ist fünf Jahre alt. Es gibt ja inzwischen auch andere Erfahrungswerte, die wir gemacht haben. Radstreifen sind aber nicht überall das Allheilmittel. Nehmen wir zum Beispiel die Bebelallee. Ich weiß nicht, was da ein Radfahrstreifen zu suchen hat oder auch am Mühlenkamp.

Aber wo soll der Radfahrer denn fahren?

Grundsätzlich bin ich nach wie vor ein Verfechter von vernünftig ausgebauten Fahrradwegen. Nehmen wir zum Beispiel den an der Shanghaiallee. Da ist ein super ausgebauter Radweg, der jetzt kurzerhand plattgemacht wurde, um ihn auf die Straße zu legen. Grundsätzlich Radfahrstreifen zu bauen, ist aus unserer Sicht nicht der richtige Weg. Vielleicht gibt es mal eine Stelle, wo es sinnvoll ist. Zum Beispiel die Radverkehrsführung in Wellingsbüttel. Links steht ein Auto, rechts steht ein Auto und in der Mitte ist ein Schutzstreifen. Da steht kein Mensch, weil jeder Angst hat, da zu fahren. Ich habe die Leute dort vor Ort befragt und ich habe das Gefühl, das wird so ein bisschen ideologisch betrachtet. Ich glaube, man sollte gucken, was am meisten Sinn macht. Auf Hauptverkehrsstraßen hat ein Radfahrstreifen nichts zu suchen. Es mag sein, dass es in kleineren Straßen sinnvoll ist, wo es übersichtlich ist, den Radverkehr auf die Straße zu legen. Aber wir sind der Meinung, es ist ideologisch, einfach zu sagen, Fahrradstreifen seien besser, überall muss das Rad auf die Straße. Das ist für uns der falsche Ansatz.

Das tut in der Form in Hamburg ja auch keiner – leider. 

Na gut, wenn man sich die Politik von SPD und Grünen anguckt, heißt es schon: »Wir wollen keine Radwege mehr, wir wollen nur noch Fahrradstraßen schaffen.« Und das ist für uns ideologisch, weil man sich der Realität verschließt und sagt: »Wir machen das, weil wir der Meinung sind, es ist das beste.«

Was halten Sie vom flächendeckenden Ausbau von Tempo 30, um die Verkehrssicherheit in Hamburg zu erhöhen? Hauptverkehrsstraßen kriegen Tempo 50, alle anderen Straßen Tempo 30. Sie reduzieren die Geschwindigkeit der Autos und passen diese an das Tempo der anderen Verkehrsteilnehmer an. 

Wir sind dagegen, alle Straßen außer den Hauptverkehrsstraßen auf Tempo 30 zu begrenzen, weil wir glauben, das ist der falsche Weg. 

Warum?

Ich glaube nicht, dass Tempo 30 auf allen Straßen mehr Verkehrssicherheit bringt. Und da sind wir wieder bei dem Punkt, dass wir alle Verkehrsteilnehmer gleich behandeln. Wenn sie jetzt Autofahrern sagen, sie dürften nur noch 30 fahren, gängeln Sie wieder die Autofahrer.

Wissen Sie, wie schnell Autofahrer in Hamburg sind?

Ich würde sagen, im Schnitt vielleicht 65 km/h?

Nein, ein Auto in Hamburg fährt durchschnittlich 28 km/h. 

Gut, da ist aber auch eingerechnet, dass Sie manchmal 50 oder 60 km/h fahren. Das wäre ja etwas anderes, wenn Sie nur noch 30 km/h fahren dürfen. 

Nein, Tempo 30 führt zu einer Verflüssigung des Verkehrs und wäre auch ein Gewinn für Autofahrer. Durch Tempo 30 reduziert sich vor allem die Unfallschwere und es sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass es überhaupt zum Unfall kommt. Alle Verkehrsexperten sagen, das ist das einfachste und beste Mittel, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Warum sperren Sie sich dagegen?

Ich glaube, per se zu sagen, überall Tempo 30, das geht in einer Millionenmetropole wie Hamburg nicht. Das mag in Münster funktionieren, wo wir einen Radverkehrsanteil von über 25 % haben. Grundsätzlich Tempo 30 in Hamburg, davon halten wir nichts. Wo es sinnvoll ist, sind wir dafür, dass man Straßen auf Tempo 30 reduziert, wenn dann die Verkehrssicherheit erhöht wird. Aber da muss man sich dann immer den Einzelfall angucken. Ich muss immer wieder betonen, wir haben hier einen Warenwirtschaftsverkehr. Hamburg ist nun mal eine Metropolregion mit Hafen.

Gerade der Wirtschaftsverkehr würde davon profitieren, wenn der private Autoverkehr nicht die Straßen verstopft.

Richtig, da muss man Anreize schaffen, um auf den ÖPNV und das Fahrrad umzusteigen. 

Zum Beispiel?

Zum Beispiel die Abschaffung der P&R-Gebühr. Zurzeit ist es so, dass die P&R-Parkhäuser leer stehen und die Leute sogar in die Innenstadt fahren. Aber ich habe eine Frage an Sie, die mir bisher auch noch keiner hat beantworten können: Was machen wir denn im Winter, wenn Eis und Schnee liegt? Wo sollen die Leute denn dann Fahrrad fahren? 

Auf der Fahrbahn natürlich. Die ist ja meistens geräumt. 

Das ist ja in Hamburg leider nicht regelmäßig der Fall. 

Doch, die Fahrbahn in der Regel schon. Was nicht geräumt ist, sind die Radwege auf dem Bürgersteig. 

Aber Sie wissen auch, dass sich bei Schnee und Eis keiner auf die Straße wagen wird. 

Schon, wenn ein Radfahrstreifen da ist und der geräumt ist. Das Problem ist, dass, wenn eine Straße geräumt wird, der Schnee immer nach rechts an den Rand geschoben wird. Und da fährt meistens der Radfahrer. 

Ich bekomme viele Meinungen von Bürgern zu hören und da sind ganz eindeutig welche, die es gut finden und welche, die es schlecht finden. Und da sind sehr, sehr viele dabei, die sagen: »Das ist mir zu gefährlich, ich nutze das nicht mehr.« Und ich weiß nicht, wie wir die Leute da motivieren können, dass sie Radfahrstreifen nutzen. Aber es gibt ja auch Untersuchungen, zum Beispiel in der PLAST 9, die ist Ihnen ja auch bekannt. Da steht drin, dass Radstreifen auf Hauptverkehrsstraßen mit, ich glaube, über 30.000 Fahrzeugen, nicht empfohlen wird. Und da wird es aber trotzdem gemacht. Nehmen wir mal die Fuhlsbüttler Straße. Die fahre ich auch täglich. Die war mal vierspurig, ist jetzt zweispurig. Ich stand da nie im Stau. Von heute auf morgen war der Radfahrstreifen da und seitdem brauche ich mindestens zwanzig Minuten länger, bis ich ans Ziel komme. Man steht da ewig im Stau. Und wenn man dann guckt, und das ärgert mich so, sieht man, dass da kaum jemand mit dem Fahrrad fährt. In der Innenstadt fahren viele. Ich fahre die Straße jeden Tag und ich sehe kaum Radfahrer. Die Autofahrer werden in der Fuhlsbüttler Straße derart ausgebremst, man steht da nur noch im Stau, das war vorher nicht so. 

Das kommt doch nicht wegen des Radfahrstreifens, Herr Thering. Radfahrstreifen sind sicher nicht die Ursache für Hamburgs Stauprobleme. 

Natürlich nicht alleine, aber wo kommt das denn dann her?

Durch das viel zu hohe Kfz-Aufkommen in Hamburg. 

Das war doch vorher auch schon da. 

Ja, aber es kommen immer mehr Autos nach Hamburg und wenn ich Sie richtig verstanden habe, wollen Sie noch mehr in die Stadt rein bringen. Aber Sie haben bis jetzt in meinen Augen noch keinen einzigen Lösungsansatz genannt, wie Sie den Radverkehr attraktiver machen wollen in Hamburg. 

Durch den Ausbau des StadtRads. Wenn sie endlich mal anfangen würden, das StadtRad auch nach Poppenbüttel, Sasel etc. zu bringen. 

Ein gutes öffentliches Leihradsystem gehört sicher in jede größere Stadt. Nur hat das mit Alltagsverkehr und mit den Wegen, die Sie als Mensch in Hamburg zurücklegen, wenig zu tun. Das StadtRad nutzen Sie, wenn Sie kein eigenes Rad haben und fast jeder Hamburger hat mindestens ein Rad, manche sogar mehr als eines. Sich also auf das StadtRad zu fokussieren, hat wenig mit den Problemen des Radverkehrs in Hamburg zu tun. Lassen Sie uns zum Schluss vielleicht noch kurz über Hamburgs neue Radverkehrskoordinatorin sprechen. Was haben Sie eigentlich gegen Lobbyisten? Ist doch eine gute Sache, wenn da jemand ist, der den Radverkehr voranbringen kann. In Hamburg haben wir ja ein ziemliches Durch- und Nebeneinander der Behörden, die mit Verkehr zu tun haben. Da braucht es doch jemanden, der das Ganze koordiniert. 

Ich glaube, dass die Radverkehrskoordinatorin überflüssig ist, denn die BWVI leistet sich ja schon zwei Staatsräte. Wir haben ja Herrn Rieckhof, einen Staatsrat, der sich nur um den Bereich Verkehr kümmert. Ich glaube, alle anderen Staatsräte haben ein deutlich größeres Themenfeld. Und ich glaube, dass Herr Rieckhof auch in der Lage sein muss als Staatsrat, das alles zu kompensieren. Da sehen wir nicht die Notwendigkeit von Frau Pfaue. Das kostet in dieser Legislaturperiode 1,4 Millionen Euro. Das ist viel Geld, das man sinnvoller einsetzen kann, beispielsweise, um Radwege zu sanieren oder in die Öffentlichkeitsarbeit zu investieren, um zu sagen: »Nutzt das Fahrrad, lasst das Auto stehen!« Fachlich ist Frau Pfaue mit Sicherheit gut, das wissen wir auch aus dem Bezirksamt Wandsbek, das hat sie drauf. Aber ich glaube nicht, dass ihre Ernennung der richtige Weg ist.

Auch das sehen wir anders, Herr Thering. Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Dirk Lau für die RadCity 6/2015

*Anmerkung der Redaktion zum Abbau von Kfz-Parkplätzen: 100 Parkplätze fielen allein am Bramfelder Marktplatz und 30 am Barmbeker Markt weg, weil die Bezirksversammlungen für Stadtplätze sorgen wollten. In Bramfeld gibt es außerdem seither privatwirtschaftlich betriebene Parkhäuser. Viele Kfz-Parkplätze fallen zudem weg, weil Überliegerbusse Platz brauchen, weil eine Straße ganz entfernt wurde oder weil zwischen zwei Schulen ein Platz hergestellt wurde usw.