04.08.2013

Macht Hamburgs Radverkehr Fortschritte?

Von: Merja Spott
Im Eilbekpark gibt es seit 2012 einen asphaltierten Zweirichtungsradweg neben einem Fußweg.
Im Eilbekpark gibt es seit 2012 einen asphaltierten Zweirichtungsradweg neben einem Fußweg.
Am Alten Wall zeigen Fahrbahnmarkierungen an, dass Radfahrende auch direkt nach links abbiegen dürfen.
Am Alten Wall zeigen Fahrbahnmarkierungen an, dass Radfahrende auch direkt nach links abbiegen dürfen.
Ein schöner neuer Schutzstreifen schmückt seit 2012 die Bebelallee.
Ein schöner neuer Schutzstreifen schmückt seit 2012 die Bebelallee.

Im Frühjahr präsentierte die Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation (BWVI) ihren Fortschrittsbericht 2013 zur Radverkehrsstrategie für Hamburg. Viele Worte, wenig Taten?

Hamburgs Radfahrer, die sich tagtäglich über Bettelampeln, widerrechtliche Benutzungspflichten, nicht geöffnete Einbahnstraßen oder Wurzelaufbrüche auf ihren Wegen ärgern müssen, fragen sich, wann sich endlich was ändert. In ihrem Fortschrittsbericht zeigt die BWVI nun, was sie seit 2011 in Sachen Radverkehr gemacht hat. Mit 132 Seiten ist die Broschüre beeindruckend umfangreich geworden. Allein die »Bilddokumentation« hat 100 Seiten: Der Bericht dokumentiert aber nicht nur, sondern erklärt auch, warum manches nicht so schnell geht wie erhofft. Doch die vielen Fotos lassen den Eindruck entstehen: Wow, es passiert etwas! Auch wenn das einem als Radfahrer so noch nicht aufgefallen war.

Ist was passiert?

In der Tat gibt es einige Beispiele, wo der Radverkehr gefördert wurde, etwa die Markierungen am Baumwall, die Fahrradroute am Eilbekkanal oder zusätzliche Fahrradbügel. Auch methodisch ist man schon etwas weiter: Am Eilbekkanal wurden die Radfahrer vor und nach der Baumaßnahme gezählt. Zum ersten Mal hat damit in Hamburg eine Evaluation einer Radverkehrsmaßnahme stattgefunden.

Stolz präsentiert die Behörde die 22,2 km Radverkehrsanlagen, die im Jahr 2012 instand gesetzt bzw. ausgebaut wurden, nachdem es im Jahre 2008 zum Beispiel nur 8,7 km waren. Auch der Stil des Berichts erfreut: Die Behörde setzt gute Wege für Radfahrer nicht mehr automatisch mit Radwegen auf Bürgersteigen gleich und erläutert, warum einzelne Prozesse Zeit brauchen. Man sieht also: Es passiert etwas. Nach vielen Jahren des Nichtstuns ist man seit 2011 offenbar dabei, Maßnahmen der Radfahrstrategie umzusetzen. Und die Resultate, die man »erfahren« kann, sind überwiegend positiv.

Aber kann man als RadfahrerIn damit zufrieden sein? Mit 22,2 km verbesserten Radverkehrsanlagen in einem Jahr? Wenn Hamburg in diesem Tempo weiter macht, dauert es noch mehr als 30 Jahre, um die Situation an den 550 km Hauptverkehrsstraßen zu verbessern. Schneckentempo statt Fortschritt. Auch sind zwar 70% der Einbahnstraßen jetzt freigegeben; um die restlichen 30% will sich aber keiner mehr kümmern, die zuständige Straßenverkehrsbehörde ist zufrieden. Stillstand statt Fortschritt. Im Bericht steht auch, dass sich zwei Mitarbeiter im neuen Referat »Öffentlicher und Nichtmotorisierter Verkehr« um den Radverkehr kümmern. Das trifft zwar zu. Der Bericht verschweigt aber, dass die eine Stelle (aus grün-schwarzen Zeiten) bis Ende 2013 befristet ist, und ab 2014 gibt es dann nur noch einen einzigen Menschen, der sich um die Belange des Rad- und Fußverkehrs in Hamburg kümmert. Rückschritt statt Fortschritt.

Zufriedengeben kann man sich damit also nicht. Wieder wird deutlich, dass der Radverkehr noch immer nur als ein Anhängsel einer autogerechten Verkehrsplanung gesehen wird. Ob das im 21. Jahrhundert, in Zeiten von Klimawandel, wachsender Urbanität und sich verschärfenden Verteilungskämpfen in den Städten noch als »fortschrittlich« gelten kann? Sicher nicht. Bleibt zu hoffen, dass die BWVI in ihrem nächsten Bericht echte Fortschritte zu vermelden hat.

Merja Spott in RadCity 4/2013

Fortschrittsbericht 2013 (PDF, gezippt; 10,5 MB) mit zahlreichen Fotobeispielen

Drucksache 20/9367 der Bürgerschaft – Diskussion des Fortschrittsberichts durch den Verkehrsausschuss