06.10.2010

Recht auf Straße!

Von: Dirk Lau

Im Juni 2010 durften sich Hamburgs Radfahrende über die Ankündigung der Stadt freuen, zwölf Kilometer neue Radfahr- und Schutzstreifen zu bauen. Radwege auf Bürgersteigen zu führen scheint jetzt auch in der Hansestadt als Gefahrenquelle und Verkehrspolitik von vorges­tern erkannt worden zu sein. Zugleich schärft sich die öffentliche Wahrnehmung dafür, wo der Radverkehr hingehört: auf die Fahrbahn!

Immer diese Radfahrer! Nicht genug damit, dass sie in unseren von Staus und Abgasen verstopften Innenstädten schneller vorankommen, fast jederzeit einen Abstellplatz für ihr Fahrzeug finden und dann noch ein gutes Gewissen von wegen der Umwelt und ihrer eigenen Gesundheit haben. Nein, das genügt diesen Gutmenschen nicht – jetzt machen sie mir auch noch den knappen Platz streitig und radeln immer öfter auf der Straße – auf meiner Straße!

Soweit der Blick von hinter der Windschutzscheibe. Nur allzu oft ist er von Unkenntnis der tatsächlichen Rechte und Pflichten im Straßenverkehr getrübt. Gemäß dessen Ordnung wird das Fahrrad als Fahrzeug definiert. Und ziemlich gleich am Anfang findet sich darin auch ein Satz, den man motorisierten, aber auch anderen Verkehrsteilnehmern gar nicht oft genug sagen kann: »Fahrzeuge müssen die Fahrbahn benutzen«. Konkretisiert wird das in der dazugehörigen Verwaltungsvorschrift: »Der Radverkehr muss in der Regel ebenso wie der Kraftfahrzeugverkehr die Fahrbahn benutzen«. Aber auch unter Pedaleuren ist diese Vorschrift wenig bekannt. Was der ADFC dagegen machen kann und macht, dieser Frage wollen wir im Weiteren auf den Grund gehen.

Fahrbahn oder Straße?

Als Straße bezeichnet man umgangssprachlich den Raum, den ein Mensch betritt, wenn er sein Haus oder sein Grundstück hinter sich lässt. Sie ist, wie Juristen sagen, »eine für den Fußgänger- oder Fahrzeugverkehr bestimmte Landfläche samt den in ihrem Zuge befindlichen und diesem Verkehr dienenden baulichen Anlagen« – ein veritables Verkehrsbauwerk also. Die Fahrbahn dagegen ist »der für den Fahrzeugverkehr bestimmte Teil der Straße«, der so heißt, weil Fahrzeuge nur dort fahren dürfen.

Die dem öffentlichen Verkehr gewidmeten Straßen, Wege und Plätze werden heute in starkem Maße vom motorisierten Individualverkehr verbraucht. Andere Fortbewegungsmittel haben sich dem Auto unterzuordnen und »ihm Platz zu machen«, lautet ein weitverbreitetes Vorurteil, für dessen Entstehung die Städte- und Verkehrsplaner der Vergangenheit eifrig gesorgt haben. Fußgänger und Radfahrende haben »auf der Straße« nichts zu suchen, so deren Leitlinie, sie sollen zu ihrem eigenen Schutz auf separierten Wegen bleiben – und wenn sie die Fahrbahn benutzen, dann nur unter Lebensgefahr. 

Ängste ernst nehmen – und nehmen!

Doch Radfahren auf Fahrbahnen ist bei weitem nicht so gefährlich, wie von vielen Menschen immer noch angenommen wird. Analog dazu ist das Radfahren auf von der Fahrbahn getrennten, das heißt meist auf dem Bürgersteig angelegten Wegen längst nicht so gefahrlos, wie viele Radfahrende in ihrem subjektiven Sicherheitsempfinden annehmen.

Radfahrende haben seit 1997 wieder die Wahl: Radweg oder Fahrbahn! Benutzt werden müssen nur die Radwege, für die eine durch blaue Schilder angezeigte Benutzungspflicht besteht. Diese darf aber auch nur in begründeten Ausnahmefällen angeordnet werden. Selbst dann gilt natürlich: Der Radweg muss benutzbar sein. Ist er zum Beispiel vereist oder zugestellt, dürfen –
und sollten – Radfahrende auf die Fahrbahn wechseln.

Sie scheuen sich davor oder haben sogar Angst? Tatsächlich sind Radfahrende auf der Fahrbahn sicherer unterwegs als auf Radwegen. Denn die meisten Unfälle – etwa die klassischen Rechtsabbiegeunfälle – passieren an Kreuzungen und Einmündungen. Motorisierte Verkehrsteilnehmer übersehen Sie an diesen Stellen leicht, wenn Sie auf dem Radweg fahren. Autofahrer konzentrieren sich auf die Fahrbahn und vergessen oft, nach rechts zu schauen. Auf der Fahrbahn bewegen Sie sich dagegen stets in ihrem Blickfeld.

Weitere Vorteile

Fahrbahnen sind zudem fast immer frei von Pollern, Verkehrsschildern, Mülltonnen oder anderen Hindernissen: Sie haben also freie Fahrt voraus! Auch besitzt der Belag von Fahrbahnen meist eine bessere Qualität als der von Radwegen. Dadurch können Sie ohne Verlust an Sicherheit schneller fahren. Und nicht zu vergessen: Auch Fußgänger geben normalerweise besonders Acht, bevor sie Fahrbahnen betreten. Bei Radwegen tun sie das nur selten, wenn diese auf Bürgersteigen angelegt sind. Konflikte und Zusammenstöße sind hier vorprogrammiert.

Tipps fürs Fahrbahnfahren

Wer selbstsicher fährt und im Straßenverkehr den Eindruck erweckt zu wissen, was er tut, kann sich auch auf nachvollziehbare Reaktionen anderer Verkehrsteilnehmer verlassen. Doch wie ist Selbstsicherheit zu vermitteln? Und was ist beim Radfahren auf der Fahrbahn besonders zu beachten?

Zuallererst: Lassen Sie stets ausreichenden Abstand zum rechten Fahrbahnrand! Ein Mindestabstand zum Bordstein oder zu parkenden Autos von etwa 1 m gilt als angemessen und widerspricht nicht dem Rechtsfahrgebot der StVO. Vielmehr beugt diese Fahrweise vor, von Autos in zu geringem Abstand überholt zu werden. Diese müssen beim Überholen laut gängiger Rechtsprechung einen seitlichen Abstand von mindestens 1,5 m zu Radfahrern halten.

Bei bestimmten Fahrbahnbreiten bietet es sich an, noch mehr als 1 m Abstand zum rechten Fahrbahnrand einzuhalten. Das ist immer dann der Fall, wenn die Fahrstreifenbreite nicht dafür aus­reicht, dass ein Auto mit angemessenem Sicherheitsabstand überholt. Wer dann seine Fahrlinie mehr Richtung Mitte der Fahrbahn verlagert, macht deutlich, dass Überholen erst bei ausbleibendem Gegenverkehr möglich ist.

Spur halten!

Besonders an Engstellen lässt sich exemplarisch das selbstbewusste und sichere Fahren auf der Fahrbahn studieren. Denn wer hier zu früh Platz macht, ermuntert den Gegenverkehr zur Offensive, an der Engstelle die Geschwindigkeit nicht zu reduzieren. Wer als Radfahrender zeigt, dass er den ihm zustehenden Platz auch braucht, signalisiert, dass an der Engstelle eine Begegnung mit hoher Geschwindigkeit nicht möglich ist. Eine »goldene« Verhaltensregel für das Fahren auf der Fahrbahn könnte lauten: Immer rücksichtsvoll, doch offensiv, aber innerlich defensiv fahren und mit allem rechnend.

Radfahrende sollten des Weiteren stetig in der gewählten Fahrbahnspur bleiben – wie bei einem Rennen. Wer die Spur wechseln will, sollte Zeichen setzen – und zwar deutliche! Also umschauen, Arm ausstrecken, Hand raus und mit dem Finger die Richtung zeigen. Das gilt natürlich auch fürs Ab- und Einbiegen, Queren und Wenden. An und vor Ampeln empfiehlt es sich, nach hinten zu schauen und dann eine zentrale Position in der Mitte der Fahrbahnspur einzunehmen. So wird anderen Verkehrsteilnehmern signalisiert: Als Radfahrende führen Sie ein Fahrzeug und werden beim Wechsel zu grün zügig die Fahrt wieder aufnehmen.

Fazit: Wer Rad fährt und sich im Straßenverkehr so verhält, als ob er ein Auto bewegen würde, macht fast alles richtig, wirkt sicher und kompetent. Als Radfahrer helfen Sie damit auch dem Autofahrer – denn ein solches Verhalten kann er verstehen und vorausahnen.

Radwege meiden!

Zahlreiche Untersuchungen und auch die tagtäglichen Erfahrungen vieler Alltagsradler zeigen, dass man auf Radwegen unsicherer fährt als auf der Fahrbahn. Bauliche Mängel, eine zu geringe Breite und häufige Kurven sind oft offensichtliche Mängel. Die Führung des Radverkehrs rechts neben nach rechts abbiegenden Fahrzeugen schafft jedoch grundsätzliche, nicht so offensichtliche Gefahren. Das Gefühl der Sicherheit auf Radwegen trügt.

Wer also Radwege benutzen möchte oder gar muss, sollte dies nur mit großer Vorsicht und Rücksichtnahme auf andere tun. Besondere Gefahrstellen bilden jede Kreuzung, Einmündung, jede Ein- und Ausfahrt. Hindernisse, schlechter Belag, Verschmutzungen oder einfach übersehen zu werden, sind auf Radwegen wesentlich häufiger als auf der Fahrbahn. Besonders gefährlich sind linksseitige Radwege. Auf ihnen befindet sich der Radfahrende noch mehr außerhalb der auf die Fahrbahn und auf Rechtsverkehr konzentrierten Wahrnehmung.

Weit verbreitete Vorurteile

Soweit die Theorie. Die Praxis sieht wie so oft auch in Hamburg anders aus: Nur wenige Radfahrende benutzen schon heute die Fahrbahn – die ganz überwiegende Mehrheit der Pedaleure zieht die viel zu engen, von Fußgängern bevölkerten, oft buckligen und gern zugestellten, manchmal benutzungspflichtigen, aber auch dann nur selten benutzbaren Radwege auf dem Bürgersteig oder separiert von der Fahrbahn vor. Hier fühlen sie sich offenbar sicher vor dem Autoverkehr sowie im Einklang mit dem Gesetz. Die Vorurteile gegenüber dem Fahrbahnfahren – gefährlich und unerlaubt – sind noch allgegenwärtig.

Betreutes Fahrbahnfahren

Hieran knüpfte der ADFC Hamburg im Frühsommer 2010 mit der Aktion »Betreutes Fahrbahnfahren« im Rahmen seiner Kampagne »Sicher und zügig Rad fahren – auf der Fahrbahn!« an (siehe dazu den Kasten auf der gegenüberliegenden Seite). Ziel der Aktion war, Radfahrende vom Gehweg auf die Fahrbahn zu lenken sowie alle Verkehrsteilnehmer über die Gefahren von Radwegen und die Vorteile des Fahrbahnfahrens aufzuklären. Etwas Ängstlichen oder Ungeübten, die sich trotz aller rationalen Argumente allein nicht trauten, wurde angeboten, gemeinsam mit einem unerschrockenen ADFC-Aktiven auf der Fahrbahn zu fahren.

Schauplatz der Aktion war das letzte Stück der Osterstraße in Eimsbüttel, bevor sie in die Bundesstraße mündet. Hier wird der nicht benutzungspflichtige und kaum vom Gehweg zu unterschiedenen Radweg zunächst direkt vor einer Bushaltestelle entlang geführt, um dann vor der Querung des Eppendorfer Wegs den typischen Rechtsschwenk zu machen, der die Radwegbenutzer aus dem Blickfeld der Rechtsabbieger verschwinden lässt. Zusätzlich verdeckt an dieser Ecke noch eine große Werbetafel den Verkehr auf dem Bürgersteig.

Gemischte Gefühle

Die darauf angesprochenen Radwegfahrenden reagierten diffus, einige waren überrascht, einige erbost. Von »Auf der Fahrbahn fahren? Ich gefährde mich doch nicht selbst!«, über »Haha, sind Sie wahnsinnig?«, bis »Nein, das darf man nicht, hier ist doch ein Radweg« und »Gehen Sie mir bitte aus dem Weg, ich will hier lang fahren« war fast alles dabei.

Etwa jeder zehnte Radfahrende antwortete immerhin, er würde es demnächst mal ausprobieren. Einige wenige fuhren auch direkt vom Radweg auf die Fahrbahn – betreut von einem ADFC-Aktiven, auf dessen Rücken ein großes Pappschild die Autofahrer auf Abstand halten sollte. Dies gelang leider nicht immer: Besonders ein Busfahrer der Hochbahn outete sich als Experte in Sachen StVO und pöbelte unseren Radfahrer an, gefälligst von der Fahrbahn zu verschwinden. Es gibt also noch einiges zu tun …

Dirk Lau in RadCity 4/2010  

ADFC-Kampagne: »Sicher und zügig Rad fahren – auf der Fahrbahn«

Verkehrsforscher sind sich einig: Das Radfahren auf Radwegen ist gefährlicher als auf der Fahrbahn. Doch nur wenige Radler sind sich dessen bewusst und verhalten sich entsprechend. Die Studie »Unfallrisiko, Konfliktpotential und Akzeptanz der Verkehrsregelungen von Fahrradfahrern« der Bundesanstalt für Straßenwesen (August 2009) hält fest: »Nicht benutzungspflichtige Radwege werden vor allem wegen eines höheren subjektiven Sicherheitsempfindens oder aus Gewohnheit, aber auch aus Unkenntnis über die aufgehobene Benutzungspflicht genutzt.« Auf Straßen mit nicht benutzungspflichtigen Radwegen beträgt der Anteil der Fahrbahnnutzer ganze vier Prozent. Die Gehwege werden dagegen von knapp zehn Prozent der beobachteten Radfahrer genutzt.
Diese Zahlen sind Anlass genug, für das Radfahren auf der Fahrbahn zu werben, wie es der ADFC Hamburg im Sommer 2010 mit seiner Kampagne »Sicher und zügig Rad fahren – auf der Fahrbahn« tut. Neben Zeitungsanzeigen und Plakaten gehören auch zwei neue Drucksachen dazu: Der Flyer »Aufgepasst!« klärt auf der Vorderseite Radfahrer über die Vorteile des Fahrbahnfahrens auf, auf der Rückseite wird an die Autofahrer appelliert, sich an die StVO zu halten und Rücksicht zu nehmen. Das Faltblatt »Die Straße ist für alle da!« widmet sich ausführlich den Aggressionen im Straßenverkehr. Fazit: Weniger ärgern, rücksichtsvoll fahren, glücklicher leben!

Radfahren auf der Fahrbahn ist für viele Verkehrsteilnehmer – nicht nur für die Autofahrer – noch schwer vorstellbar.
Die StVO-Novelle von 2009 stellt den Radfahrstreifen auf der Fahrbahn dem Radweg auf dem Bürgersteig gleich. Seitdem können die Kommunen vor Baumaßnahmen entscheiden, welche Art der Radverkehrsführung am sichersten ist. Die Verkehrsplanung kann den Bedürfnissen des Radverkehrs nach besserer Sichtbarkeit und geradliniger Linienführung gerecht werden und verstärkt Radfahrstreifen markieren. In Hamburg sollen 2010/11 zwölf Kilometer neue Radfahrstreifen gebaut werden – hier der seit längerem bestehende Streifen in der Grindelallee stadtauswärts.
Um Hamburgs Radfahrende vermehrt auf die Fahrbahn zu lenken, hat der ADFC parallel eine Kampagne mit Anzeigen und Plakaten für das Fahrbahnradeln gestartet.
Je mehr Radverkehr auf der Fahrbahn, um so weniger fühlt sich der einzelne Radfahrer allein gelassen und unsicher. Das Fahren in Zweierreihen ist erlaubt, soweit der Verkehr nicht behindert wird. Wenn wegen sonst zu geringer Sicherheitsabstände ohnehin der zweite Fahrstreifen zum Überholen genutzt werden muss, spricht also nichts dagegen, nebeneinander zu radeln.
Die Drucksachen zur Kampagne »Sicher und zügig Rad fahren – auf der Fahrbahn« sind über die ADFC-Geschäftsstelle erhältlich.
Viele Radfahrende trauen sich nicht, auf der Fahrbahn zu fahren. Die Angst vor oft rücksichtslosen Autofahrern sitzt tief. Im Mai 2010 veranstaltete der ADFC daher erstmals seine Aktion »Betreutes Fahrbahnfahren«, um Radfahrenden mehr Sicherheit zu vermitteln und Ängste zu nehmen.
Die ADFC-Aktion »Betreutes Fahrbahnfahren« fand statt an einer typischen Kreuzung in Hamburg, ...
... an der ein Bürgersteigradweg den Radverkehr aus dem Sichtfeld der Autofahrer führt. Eine Werbetafel der Stadt Hamburg versperrt hier zusätzlich die Sicht für Rechtsabbieger.