03.10.2015

Die »Strese« – Abenteuer und Ärgernis

Von: Benjamin Harders, Sabine Hartmann

 

Die in die Jahre gekommene Stresemannstraße, die St. Pauli im Osten mit Bahrenfeld im Westen verbindet, ist eine der großen Zumutungen für Hamburgs Radfahrende. Statt die vierspurige Fahrbahn benutzen zu dürfen, müssen sie sich zwischen Bushaltestellen und auf engen, gemeinsamen Geh- und Radwegen unter Brücken durchschlängeln.

 

 

Höhepunkt einer jeden Fahrt auf der Stresemannstraße: die Sternbrücke

Die Stresemannstraße ist eine stark genutzte, mehrspurige Bundesstraße zwischen den Bezirken Mitte und Altona. Sie erstreckt sich über eine Länge von drei Kilometern im Osten vom Neuen Pferdemarkt/Budapester Straße (an der Stadtteilgrenze zwischen St. Pauli und Sternschanze) bis hin zur Bahrenfelder Chaussee in Bahrenfeld im Westen. Zwischen 28.000 und 39.000 Kraftfahrzeuge fahren dort täglich, der Lkw-Anteil liegt bei 5 bis 9 Prozent. Die Straße wird vom Lkw-Fernverkehr als innerstädtische Verbindung und Abkürzung zwischen der von Norden kommenden Bundesautobahn 7 und der Bundesautobahn 24 in Richtung Berlin genutzt.

Seit Gründung der ADFC-Bezirksgruppe Altona vor zwei Jahren ist die nach dem ehemaligen Reichskanzler Gustav Stresemann benannte Straße ein Dauerthema. Mit gutem Grund: Mit Abstand ist sie Spitzenreiter von Altonas unsicheren Radverkehrsführungen. Bei der Online-Beteiligungs-Plattform »FahrRat-Altona.de«, einer Umfrage zum Radverkehr im Bezirk Altona mit über 5000 Rückmeldungen, wurden die Kreuzungen der Stresemannstraße hundertfach als Gefahrenstellen gemeldet.

Unfallschwerpunkt

Der ganz normale Wahnsinn auf der Stresemannstraße: benutzungspflichtiger Radweg durch Bushaltestellen,
auf handtuchbreiten Gehwegen durch schmale Tunnel
und scharf an Hauseingängen und Ausfahrten vorbei

Im Abschnitt zwischen Lerchenstraße und Holstenplatz gilt Tempo 30 auf der Stresemannstraße, seit dort 1991 innerhalb weniger Wochen zwei Kinder auf ihren Fahrrädern von Lkw überfahren wurden. Am 27. August 1991 wurde ein 9-jähriges Mädchen mit ihrem Rad auf der Stresemannstraße von einem Lastwagen überrollt. Am 10. Oktober 1991 fuhr ein Lkw-Fahrer einen 8-jährigen Jungen am Neuen Pferdemarkt an und verletzte ihn lebensgefährlich. Am 23. Dezember 1991 verletzte ein Mann mit seinem Kleinlaster eine 32-Jährige lebensgefährlich, als sie mit ihrer Tochter die Stresemannstraße am Kaltenkirchener Platz überqueren wollte. 

Die Verkehrsbelastung der Stresemannstraße lag damals, im Jahr 1991, bei 50.000 Fahrzeugen täglich. Erst nach wochenlangen massiven Bürgerprotesten wurde in beide Richtungen eine Busspur eingerichtet und Tempo 30 angeordnet. Zwei Blitzer überwachen seitdem in der Stresemannstraße die Geschwindigkeit und führen jedes Jahr zu hohen Einkünften für die Staatskasse – die bestehenden Defizite bei der Verkehrssicherheit werden durch die hohen Einnahmen widergespiegelt. 2001 entfernte die Von-Beust-Schill-Regierung die Bussonderstreifen aus ideologischen Gründen wieder: Der Autoverkehr sollte wieder fließen und das zulasten des Rad- und Busverkehrs. Der Schwerlastverkehr darf weiterhin nur die linke der zwei Fahrspuren pro Richtung benutzen. 

Viel Dreck und Lärm

Für die Menschen, die in der Stresemannstraße leben, ist die Belastung durch Feinstaub und Lärm
enorm. Über 500 Bewohner sind nachts Lärmpegeln von mehr als 60 dB(A) ausgesetzt. Weder der 2013 vorgelegte Lärmaktionsplan noch der 2012 fortgeschriebene Luftreinhalteplan der Stadt Hamburg stellen wirksame Maßnahmen in Aussicht. Im Gegenteil: Der motorisierte Verkehrsfluss soll gefördert werden, damit weniger Abgase durch Stau entstehen, so die aktuelle Politik von Verkehrssenator Frank Horch.

Kein Scherz ist auch dieser Vorschlag aus der Verkehrsbehörde: Um die Attraktivität des nichtmotorisierten Verkehrs und der Nebenflächen zu erhöhen, wird dazu geraten, das Parken von Rädern im öffentlichen Raum einzuschränken. Bei der diesjährigen Planung zur Erneuerung der Fahrbahn mit Flüs­terasphalt gab es trotz zahlreicher Vorschläge des ADFC keine Verbesserungen für den Radverkehr.

Umfangreiche Mängelliste

Die ADFC-Bezirksgruppe Altona führt regelmäßig Befahrungen der Hauptrouten des Radverkehrs durch, um Defizite zu dokumentieren und Verbesserungen anzustoßen. Zur Stresemannstraße erstellten die Aktiven eine Mängelliste.

So gibt es zwei Eisenbahnbrückenbauwerke, unter denen benutzungspflichtige gemeinsame Fuß- und Radwege angeordnet sind. Die Sternbrücke ist ein Engpass sondergleichen. Durch die Brückenpfeiler ist die Fahrbahn verengt. Die kombinierten Fußgänger- und Radwegfurten sind im Kreuzungsbereich verschwenkt. Sofern es im weiteren Verlauf der Stresemannstraße Richtung St. Pauli Radwege gibt, sind diese viel zu schmal, liegen im Bereich einer dichten Folge von Hauseingängen oder führen direkt durch den Bushaltestellen-Wartebereich – von den nirgends eingehaltenen Mindestmaßen ganz zu schweigen. 

Werden Baustellen eingerichtet, so wird in den seltensten Fällen an den Radverkehr gedacht, eher werden unsinnige Schilderkombinationen aufgestellt. Ein Klassiker ist das Verkehrszeichen »Gemeinsamer Geh- und Radweg« zusammen mit »Radfahrer absteigen«. Auch die Hamburger Straßenverkehrsbehörden haben festgestellt, dass es den von der Stadt beauftragten Bauunternehmen nach wie vor an »Sensibilität in Bezug auf die Einhaltung der Verkehrszeichenpläne« mangelt. 

Des Weiteren sind alle in der Stresemannstraße vorhandenen Radwege als benutzungspflichtig angeordnet – sämtliche Anordnungen sind aber angesichts der oben beschriebenen Zustände aus Sicht des ADFC rechtswidrig. Anwohner sind zu recht genervt von den prekären Situationen, die sich auf den Nebenflächen der Straße vor ihrer Haustür abspielen. Und auch schwere Unfälle sind immer noch an der traurigen Tagesordnung: Am 15. Dezember 2014 starb ein 47-jähriger Radfahrer auf der Radwegfurt an der Kreuzung Kieler Straße/Stresemannstraße, als ein Lkw-Fahrer nach rechts abbog und ihn überfuhr.

Gemeinsame Bus- und Radspur

Zurzeit werden viele Bushaltestellen in der Stresemannstraße neu hergestellt. Doch was nützen Bushaltestellen, an denen schnelleres Ein-und Aussteigen möglich ist, wenn der Bus nicht kommt, weil er im Stau steht? Der ADFC fordert deshalb die Wiederherstellung der gemeinsamen Rad- und Busspur auf der Stresemannstraße. Diese Maßnahme würde den Bürgersteig wieder für Fußgänger nutzbar machen, die Busse beschleunigen und dem Radverkehr ein zügiges, aber vor allem sicheres Fahren ermöglichen. 

Gerade angesichts eines steigenden Radverkehrsaufkommens ist die ausschließliche Reservierung der Fahrbahn für den Autoverkehr in der Stresemannstraße ein Relikt ideologischer Verkehrspolitik aus dem letzten Jahrtausend. Gefährliche Radverkehrsführungen wie in der Stresemannstraße sind einer »Fahrradstadt« nicht würdig. 

Benjamin Harders, Sabine Hartmann in RadCity 5/2015