04.12.2010

Gemeinschaftsstraßen in Hamburg

Von: Susanne Elfferding

Überall Gleichberechtigung, Miteinander und Kommunikation. Hört sich das nicht nach einer idealen Stadt an, in der jeder leben möchte? Hamburg arbeitet an einer leisen Revolution: Shared Space auch in Großstädten. Ein spannendes Experiment, das seit einiger Zeit durch die Presse und die öffentliche Diskussion geistert und für Sprengstoff sorgt.

Shared Space und die Hamburger Gemeinschaftsstraßen haben einiges gemeinsam. Sie werden mit allen Betroffenen entworfen. Das Auto soll nicht mehr die Straße dominieren, sondern ein Gast sein. So hat man endlich Platz zum Shoppen, Flanieren, Radfahren, Klönen und Kaffeetrinken. Und damit das so ist, sollen auch Fahrbahnen, Schilder und alle Einbauten verschwinden, die letztendlich doch nur dem Autoverkehr Vorrang einräumen.

Gutachten

Bis dahin ist der Weg allerdings weit. Die Stadt Hamburg will ihn planmäßig in einem Großversuch beschreiten, der von einer Vorher-Nachher-Untersuchung begleitet wird. Der erste Schritt war ein Gutachten über die Bedingungen für den Straßenumbau.
In diesem Gutachten wird empfohlen, Gemeinschaftsstraßen vor allem in Geschäftsstraßen einzurichten. Um das Geschwindigkeitsniveau effektiv zu reduzieren, sollte ihre Länge 400 m nicht überschreiten. Hauptstraßen für den Durchgangsverkehr und Straßen mit hoher Verkehrsbelastung kommen ebenso wenig in Frage wie Straßen mit hohem Parkdruck.
Gemeinschaftsstraßen sollen barrierefrei sein. Um schwächeren Verkehrsteilnehmern eine Sicherheitszone zu schaffen, ist eine »weiche Separation« möglich. Die Fahrbahn ist dann zum Beispiel durch eine andere Oberfläche von den Fußgängerbereichen abgesetzt.
Um den Straßenraum übersichtlich zu gestalten und so eine Kommunikation aller Verkehrsteilnehmer miteinander zu ermöglichen, soll auf Parkraum verzichtet und der öffentliche Raum entrümpelt werden. Das bedeutet auch, möglichst wenig Verkehrszeichen aufzustellen. Ein rechtsfreier Raum, wie er von vielen befürchtet wird, entsteht dabei nicht, denn die StVO gilt auch hier: Rechtsfahrgebot, Rechts vor Links an Kreuzungen und gegenseitige Rücksichtnahme.

 

Die Bahrenfelder Straße ist häufig durch Lieferverkehr blockiert.

Modellprojekte

Das Gutachten war gleichzeitig die Grundlage, auf der die Bezirke Modellprojekte vorschlagen konnten. 19 Ideen wurden eingereicht, zu denen die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, die Behörde für Inneres, der HVV und die Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen fachliche Hinweise gaben.

Jeder Bezirk konnte daraufhin ein Modellprojekt einreichen. Ausgewählt wurden die Bahrenfelder Straße (Altona), die Lange Reihe (Mitte), die Osterstraße (Eimsbüttel), die Tangstedter Landstraße (Nord) und der Weidenbaumsweg (Bergedorf). Der Bezirk Wandsbek hat sich entschieden, nicht am Modellprojekt teilzunehmen, Harburg hat kein Modellprojekt eingereicht.

Atmosphäre und alte Bausubstanz in der Langen Reihe kommen wegen der vielen Autos kaum zur Geltung. Der Busverkehr steht häufig im Stau.

Kongress

In der Langen Reihe fand zwar schon Ende 2007 ein Workshop statt. Der bezog sich jedoch noch auf Shared Space und sollte vor allem einen Einblick in die Wünsche und Sorgen der Anwohner schaffen. Der offizielle Auftakt für das Beteiligungs- und Planungsverfahren war der Fachkongress Gemeinschaftsstraßen, den die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt am 15. Juni 2010 in der Patriotischen Gesellschaft abhielt. Mit über 160 Teilnehmern war er gut besucht. Nach einer Reihe von Vorträgen über Shared Space, Straßenraumgestaltung und die Umverteilung von Stadtraum gab es eine ausführliche Diskussion. Vertreter von Verkehrsclubs, Verkehrsbetrieben, Unternehmensverbänden und Vereinen kamen zu Wort. Keiner hatte grundlegende Bedenken gegen das Projekt, es wurde jedoch eine breite Bürgerbeteiligung gefordert und allgemeine Aufklärungsarbeit zu mehr Rücksichtnahme im Verkehr, zum Beispiel auch durch Fahrschulen.
Ein heißes Eisen waren die Parkplätze: Während man sich weitgehend einig war, dass eine Gemeinschaftsstraße auf Parkplätze verzichten sollte, wurde umgehend Ersatz in den umliegenden Straßen gefordert. Der nächste Schritt im Beteiligungsverfahren ist die Diskussion in den Bezirken.
Dass die Verkehrsberuhigungen, die in den 80er Jahren durchgeführt wurden, zum Teil nicht mehr zeitgemäß sind, sieht man deutlich an der Bahrenfelder Straße und an der Langen Reihe. Wer dort zu Fuß unterwegs ist, muss sich stellenweise auf einem schmalen Streifen Bürgersteig zwischen parkenden Autos, Baustellen und Warenauslagen durchkämpfen. Die Lieferanten der Geschäfte parken oft in zweiter Reihe. Dann geht in der Langen Reihe für den Busverkehr nichts mehr. In der Bahrenfelder Straße ist komplett alles blockiert.
Dabei zeigt nicht nur Shared Space in Haren bei Groningen, sondern auch die Umgestaltung der Mönckebergstraße Mitte der 90er Jahre und die des Neuen Walls 2006, dass Geschäftsstraßen sehr wohl von einer fußgängerfreundlichen Atmosphäre profitieren. Dort hält man sich gern auf, dort kann man jederzeit die Straße überqueren und in Ruhe eine Tasse Kaffee in einem Straßencafe genießen. Absolut notwendiger Autoverkehr ist trotzdem weiterhin möglich.
Wie die Gemeinschaftsstraßen in Hamburg gestaltet werden, wie sie akzeptiert werden und wie sich das Projekt entwickelt, ist weiterhin spannend. Wenn man bedenkt, wie kontrovers die ersten großflächigen Verkehrsberuhigungen in Wohngebieten in den 80er Jahren diskutiert wurden und wie wenig man sie heute missen mag, hat das Projekt auf jeden Fall eine faire Chance verdient.

Susanne Elfferding in RadCity 6/2010