10.02.2010

Shared Space: Hype oder Hoffnung?

Von: Susanne Elfferding

Shared Space ist in: Viele Städte und Gemeinden wollen Bereiche einrichten, in denen die Trennung der Verkehre aufgehoben ist. Aber reicht das wirklich, um ein Gebiet attraktiver und den Verkehr sicherer zu machen? Eine Rundreise zu bereits umgesetzten Projekten brachte neue Einsichten.

Im Rahmen eines Forschungsprojektes der International Association of Traffic and Safety Sciences war ich im September mit einer Gruppe japanischer Verkehrswissenschaftler zwei Wochen lang unterwegs. Wir reisten durch Deutschland, die Niederlande, Belgien und Großbritannien, um einen tieferen Einblick in das Konzept von Shared Space zu erhalten. Dabei veränderte sich die Stimmung in der Gruppe rasant: Neugier (»Wie funktioniert das denn?«) – Erstaunen (»Dass das geht!«) – Ablehnung (»Bei uns klappt das nie!«) – Nachdenken (»Oder vielleicht doch?«) – Euphorie (»Müssen wir unbedingt mal ausprobieren!«) – und dann die alles entscheidende Frage: »Wie sag ich’s meinen Lieben zu Hause?« Eigentlich die klassische Sinuskurve eines Kulturschocks.

Und Shared Space ist in der Tat weniger ein neues Instrument der Verkehrsplanung als eine völlig neue Planungskultur. Und damit greift alles, was Shared Space nur im Zusammenhang mit Verkehrsberuhigungen oder Verkehrssicherheit betrachtet, eigentlich zu kurz.

Grundprinzipien, aber keine Regeln

Auf den ersten Blick sieht Shared Space wie ein zu groß geratener verkehrsberuhigter Bereich (»Spielstraße«) aus, der sich ins Ortszentrum verlaufen hat.
Shared Space ist eine Mischfläche, auf der nur die grundlegendsten Verkehrsregeln gelten: rechts vor links, gegenseitige Rücksichtnahme und Kommunikation mit den anderen Verkehrsteilnehmern.

Der Straßenraum ist so gestaltet, dass er den Aufenthaltszweck des Gebiets kommuniziert. Stühle und Tische weisen auf ein Straßencafé hin und damit auf die Anwesenheit von Fußgängern. Bänke erfüllen den gleichen Zweck und können gleichzeitig unerwünschtes Parken verhindern. Bäume oder Straßenlaternen können Fahrbahnbegrenzungen ersetzen. Aber man sieht auch Blindenleitlinien, Fußgängerüberwege oder Parkstreifenmarkierungen, wenn sie von Anwohnern eingefordert wurden, auch wenn das im ursprünglichen Konzept eigentlich nicht vorgesehen war.

Die Kommunikation mit den Anwohnern bei der Planung ist ein weiterer wichtiger Aspekt von Shared Space. Die Gestaltung des öffentlichen Raums wird nicht durch die Verwaltung verfügt, sondern mit den Bewohnern abgesprochen. Dabei wird besonderer Wert darauf gelegt, dass ein individueller Straßenraum entsteht, der den Bedürfnissen vor Ort gerecht wird. Die verwendeten Materialien sollen möglichst ortstypisch sein, die Gestaltungselemente sollen an regionale Geschichte und Besonderheiten anknüpfen. So findet man zum Beispiel geringelten, d. h. zum Trocknen aufgestapelten Torf als zentrales Element eines Kreisverkehrs in den Niederlanden oder Straßenlaternen, deren Form an Schilf erinnern soll.

Neben dem Einsatz auch außerhalb von Wohnstraßen ist diese gestalterische Freiheit ein wichtiger Unterschied zum verkehrsberuhigten Bereich mit seinem starren Gestaltungskorsett.

Nicht zu vernachlässigen: die städtebauliche Komponente

In allen Orten, die wir besucht haben, wurde der positive Effekt von Shared Space auf den Wert und Wohlfühlfaktor eines Gebiets betont. Das heißt jedoch in der Regel nicht nur eine Neuordnung des Verkehrs, sondern auch flankierende städtebauliche Maßnahmen. So wurde die Einkaufsstraße in Haren so attraktiv, dass sogar Besucher aus dem benachbarten viel größeren Groningen zum Shopping kommen. In Ashford wird eine Stadtbrache an der Bahntrasse neu erschlossen und die angrenzende mehrspurige Ringstraße um die Innenstadt durch Shared Space ersetzt. In Oostende wurde im Rahmen des Shared-Space-Projekts ein Begegnungszentrum gebaut und ein Rad- und Fußweg am Wasser angelegt, um ein innenstadtnahes Wohngebiet attraktiver zu gestalten. Eine ausgewogene Erschließung auf beiden Straßenseiten bringt dann auch das, was immer wieder als wichtigstes Element von Shared Space genannt wurde: genug Fußgänger und Radfahrer, die gewillt sind, die Straße zu überqueren und den Straßenraum mit den Autos zu teilen.

Das legt den Schluss nahe, dass Shared Space zumindest für die Anlieger eher Hoffnung als Hype sein kann: die Hoffnung auf ein besseres Wohnumfeld, eine attraktivere Geschäftsstraße oder ein neues »Wir-Gefühl«.

Sicherheit durch ein Gefühl der Unsicherheit?

Der Gedanke, dass Straßen, auf denen man sich sicher fühlt, oft ein erhebliches Unfallrisiko bergen und dass ein Gefühl der Unsicherheit zu gesteigerter Aufmerksamkeit und damit mehr Sicherheit führen kann, ist ebenfalls gewöhnungsbedürftig. Es gibt allerdings noch keine endgültigen Aussagen zur Verkehrssicherheit und Effizienz von Shared Space, da die Idee noch neu ist. Umfangreichere Untersuchungen wurden uns nur in Haren, einer der Vorreitergemeinden in den Niederlanden, und in Bohmte vorgelegt.

Der allgemeine Tenor in den besuchten Städten und Gemeinden war jedoch, dass Shared Space die Geschwindigkeit effektiv auf rund 30 km/h senkt und deshalb kaum schwere Unfälle auftreten. Allerdings wird oft kritisiert, dass Sehbehinderten die Orientierung aufgrund der fehlenden Bordsteine und Markierungen schwerfällt.

Und was ist nun mit Japan?

Bis die ersten Shared-Space-Projekte in Japan umgesetzt werden, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Dort herrscht noch der Gedanke der Sicherheit durch Verkehrstrennung vor, und auch die planungsrechtlichen Voraussetzungen müssen erst geschaffen werden. Bisher kann die Polizei dort jede Verkehrsplanung unterbinden, und die findet zum Leidwesen der Verkehrsplaner oft schon die Einrichtung von Einbahnstraßen allzu abenteuerlich …

Susanne Elfferding in RadCity 1/2010

Shared Space in Hamburg

Auch in Hamburg wird es Shared Space geben, das ist so im Koalitionsvertrag festgelegt. Bei der Umgestaltung von ausgewählten Gebieten im Rahmen des Modellvorhabens Gemeinschaftsstraßen werden die Anwohner durch einen Bürgerbeteiligungsprozess einbezogen. Inwiefern das Konzept von Shared Space an die Bedürfnisse und Gegebenheiten der Großstadt angepasst werden kann, sollen die Pilotprojekte beantworten. Ein Kriterienkatalog für die Einführung wurde aufgestellt: Wohnstraßen, für die es bereits andere Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung gibt, und Hauptverkehrsstraßen kommen nicht in Frage – im Mittelpunkt steht die Umgestaltung von Geschäftsstraßen. Zur Projektevaluation ist außerdem ein Vorher-Nachher-Vergleich vorgesehen. Nach dem ADFC vorliegenden Informationen, lehnen derzeit einige Bezirke das Shared-Space-Planungsverfahren für sich ab.

Fragen zu Gemeinschaftsstraßen beantwortet die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, Amt für Verkehr und Straßenwesen, V 313 – Grundlagen Straßenplanung, Tel.: 040/428 40-3424, E-Mail: carola.adel@bsu.hamburg.de

Ein Platz im Shared-Space-Gebiet von Haren. ((c) Hisashi Kubota)
Shared Space in Ashford, links die Fläche des ehemaligen Schlachthofs – ein Sanierungsgebiet. ((c) Tetsu Yokoyama)
Rijksstraatweg in Haren bei Groningen. Vor dem Umbau 2003 waren die Radwege stark in die Kritik gekommen. Sie waren zu schmal und es gab viele Konflikte unter RadfahrerInnen und FußgängerInnen. ((c) Gemeente Haren)
Nach dem Umbau sollen RadlerInnen auf der Fahrbahn fahren, tun das aber letztlich überall, wo es ihnen passt. Eine asphaltierte Fahrbahn und die Zebrastreifen waren von der Verwaltung nicht vorgesehen, wurden aber von den AnwohnerInnen gewünscht (Lärmbelastung, Sicherheitserwartungen). ((c) Gemeente Haren)