09.08.2013

Autofreies Altona

Von: B. Schmitz, M. Lück, Netzwerk altonasneuemitte.de
Mit mehreren Postkartenmotiven zeigt das Netzwerk augenzwinkernd, was man statt Autoparken auf der Fläche noch tun könnte.
Mit mehreren Postkartenmotiven zeigt das Netzwerk augenzwinkernd, was man statt Autoparken auf der Fläche noch tun könnte.
Das ganze Gebiet in der Bildmitte bildet Altonas neue Mitte.
Das ganze Gebiet in der Bildmitte bildet Altonas neue Mitte. (Foto: http://www.luftbilder.de/, M. Friedel/FHH)
Auf dieser Grafik zeigen die das Architekten von Auraplan und SML-Architekten, wo derzeit die größten Lärmquellen liegen. Das autofreie Projekt möchte gerne ein zusammenhängendes Areal bebauen: auf der Grafik die drei grünen Gebäude.
Auf dieser Grafik zeigen die das Architekten von Auraplan und SML-Architekten, wo derzeit die größten Lärmquellen liegen. Das autofreie Projekt möchte gerne ein zusammenhängendes Areal bebauen: auf der Grafik die drei grünen Gebäude.
Parkplätze zu Kaffeetafeln: Statt Parkraum Lebensraum
Parkplätze zu Kaffeetafeln: Statt Parkraum Lebensraum
Am Rande der Pressekonferenz demonstrierte das Netzwerk, warum ihm jeder eingesparte Parkplatz wichtig ist.
Am Rande der Pressekonferenz demonstrierte das Netzwerk, warum ihm jeder eingesparte Parkplatz wichtig ist.

Städte brauchen Fortentwicklung. Nur dann können sie veränderten Bedarfen Rechnung tragen und Fehlentwicklungen entgegensteuern. Eine Chance bietet sich auf dem Bahn-Areal in Altona.

In der HafenCity ist es neben einigen positiven Neuerungen nicht wirklich gelungen, Verkehrsinfrastruktur durchgängig schonend und innovativ zu integrieren. Nun bietet sich mit dem Projekt der »Neuen Mitte Altona« erneut die Chance, Stadt neu zu denken.

Die »Neue Mitte Altona« soll an der Harkortstraße entstehen, auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs und weiteren Flächen der Bahn und der Holsten-Brauerei. Der Masterplan sieht eine Bebauung in zwei Abschnitten vor. Abschnitt 2 kann nur umgesetzt werden, wenn der Fernbahnhof Altona zum Diebsteich verlegt wird. Mit Abschnitt 1, der in jedem Fall realisiert wird, sollen auf dem 13 Hektar großen Gelände 1600 Wohnungen entstehen - im typischen Hamburger 1/3-Mix von frei finanzierten Mietwohnungen, geförderten Wohnungen und Eigentumswohnungen. 20 Prozent davon sind für Baugemeinschaften vorgesehen. Die Flächen gehören allerdings nicht der Stadt, sondern zurzeit vier Eigentümern.

Netzwerk Autofreie Mitte

Im »Netzwerk Autofreie Mitte Altona« sind 13 Baugemeinschaften vertreten. Alle eint der Wunsch nach einem Lebensmittelpunkt in Altona, verbunden mit der Vorstellung, dies ohne exzessive Nutzung motorisierter Individualverkehre (MIV) zu verwirklichen. Das Netzwerk setzt sich daher für einen effektiven verbindlichen Stellplatzschlüssel von 0,1 Stpl/Wohneinheit für die autofreien Baugemeinschaften ein, d. h. für 10 Haushalte bräuchte nur ein Stellplatz errichtet zu werden.

Auch nach den Vorstellungen der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) soll die »Neue Mitte Altona« autoreduziert werden. Dabei geht man allerdings nur von einem verminderten Stellplatzschlüssel von 0,6 Stpl/WE für das gesamte Gebiet aus. Das heißt, für 10 Haushalte sollen 6 Stellplätze errichtet werden. Nicht besonders innovativ, wenn man bedenkt, dass die umgebenden Altonaer Haushalte zu 60 Prozent autofrei sind.

Das Netzwerk autofreier Baugemeinschaften betreibt intensive Öffentlichkeitsarbeit, um seinem Anliegen Nachdruck zu verleihen. Parteien und Verbänden wurde ein Standortkonzept vorgestellt, in einer Postkartenaktion wirbt man für »Mach's ohne«. Anfang Juni fand sogar eine Pressekonferenz statt, bei der eine Kaffeetafel an einem schön gedeckten Tisch auf der Fläche eines Parkplatzes zeigte, welcher Mehrwert in Parkräumen steckt.

Bündelung autofreier Baugruppen

Der Charme einer autofreien Siedlung entfaltet sich besonders, wenn sie aus mehreren Blocks besteht und die Nachbarschaft einbindet. Es wird möglich, neben den Innenhöfen (möglichst unversiegelt dank fehlender Tiefgarage) auch die Straßenräume einzubinden und zurückzuerobern. Dies entlastet zugleich die an anderer Stelle zu schaffenden Kinderspiel- und Freizeitflächen: Gefahrloses Spielen auf der Straße wird wieder möglich. Nebenher ist es denkbar, Hoffreiräume über Straßenräume hinweg miteinander zu verbinden. Es bietet sich sogar an, die zentral gelegene Tucholsky Stadtteilschule einzubinden, so dass die Schüler durch ein verkehrsarmes Umfeld zur Schule gelangen. Drop-off-Verkehr könnte so vermieden werden.

Die BSU möchte jedoch die autofreien Baugemeinschaften über das Quartier verteilen. Die oben beschriebenen Synergien können dann nicht genutzt werden: Blocks würden trotzdem mit dem PKW angefahren, groß ist die Verlockung, nicht benötigte Tiefgaragenplätze anderweitig zu vergeben.

Wenn die »konventionellen« Wohneinheiten den Stellplatzschlüssel von 0,6 anwenden, ggf. sogar noch »aufrüsten« dürfen um den durch die autofreien Projekte verminderten Stallplatzbau, dann führt das weder zu weniger Fahrzeugen, noch können die Vorteile der Entsiegelung und der bespielbaren Freiräume zum Tragen kommen.

Shared Space?

Bei autofreiem Neubau wären 2/5 der neuen Gebäude an der Harkortstraße autofrei. Da erscheint es nur fair, wenn sich der Straßenverkehr anpasste: Die Harkortstraße wird zur Sonderzone im Sinne von Shared Space (max. 20 km/h) oder doch zumindest durchgängige Tempo-30-Zone mit niedrigschwelliger Einbindung alternativer Mobilität.

Die Querung über die beruhigte Trasse hin zum neuen Quartierspark wird sprichwörtlich zum Spaziergang. Nebenher entfallen dann auch die Aufwendungen für Radwege bzw. Schutz- oder Angebotsstreifen. Diese sinnvolle Regulierung hilft auch den Anwohnern der Harkortstraße, die in Zukunft zusätzlichen Verkehr durch IKEA und konventionelle Neubauquartiere verkraften müssen.

Insgesamt kann es gelingen, verstärkt durch Ansiedlung von Kleingewerbe wie Fahrradkurier-Zentrale, Fahrradladen oder Sharing-Zentrale wirksam und plakativ Werbung für die neue Mobilitätskultur in Hamburg zu machen. Zusammen mit kulturellen Ereignissen, die auf den neu gewonnenen Freiflächen stattfinden können, wird klar: Neue Mobilität ist kein Verzicht, sondern sie macht Spaß. Hier findet Zukunft statt!

erschienen in RadCity 4/2013