20.10.2013

Groningen – Weltfahrradhauptstadt

Von: Online-Redaktion
Kurze Wege fürs Rad und länger fürs Auto: Großer Anreiz zum Umstieg auf umweltfreundliche Verkehrsmittel
Kurze Wege fürs Rad und längere fürs Auto: Großer Anreiz zum Umstieg auf umweltfreundliche Verkehrsmittel

Clarence Eckerson Jr. dreht schon seit Ende der 90er Jahre großartige Filme zum Radverkehr überall auf der Welt. Er hatte nie einen Führerschein und wird auch niemals einen haben. In diesem Film zeigt er uns, wie es dazu kam, dass die nordholländische Stadt Groningen heute einen Radverkehrsanteil von gut 50 Prozent hat.

In seinem Blog schreibt er dazu:

»Es ist kein Geheimnis, dass man in den Niederlanden fast überall gute Bedingungen fürs Radfahren vorfindet. In Groningen, einer Stadt mit 190.000 Einwohnern und einem Radverkehrsanteil von 50 Prozent, ist das Radfahren angenehm. Allein die Zahl der Menschen, die ständig mit dem Rad unterwegs sind, ist erstaunlich, genau so wie die fehlenden Autos im Stadtzentrum. Sie scheinen geradezu ausgestorben zu sein. Die Stadt ist bemerkenswert ruhig. Die Menschen gehen ihren Geschäften nach, machen Erledigungen mit dem Rad, fahren mit dem Rad zur Arbeit, halten sich sogar an den Händen auf dem Rad.

Das alles ist das Ergebnis einer Mischung aus kluger Verkehrspolitik, besonderen örtlichen Gegebenheiten und einem Quäntchen Zufall. Der Film stellt die Geschichte ausführlich dar, doch im Kern entschied sich Groningen in den 70er Jahren dafür, politische Entscheidungen auf den Weg zu bringen, die es angenehmer machten, zu Fuß zu gehen oder mit dem Rad zu fahren. Gleichzeitig erschwerten die Maßnahmen die Nutzung von Autos in der Innenstadt. Einige Straßen wurden Fußgängerzonen und überall wurden Radspuren angelegt. Ein einmaliges Kreislaufsystem macht es Fahrzeugen unmöglich, die Innenstadt direkt zu durchqueren. So ist das Fahrrad in Groningen zumeist das schnellste und beliebteste Verkehrsmittel.

Es ist ein bisschen wie ein Fahrrad-Nirvana: Als ich zum ersten Mal in Groningen aus dem Zug stieg, kam ich aus dem Staunen über das, was ich sah, gar nicht mehr heraus. Mein Freund Jonathan Maus von Bike Portland beschrieb es als „wie in einem Märchen.“ Mein erster Gedanke war ebenfalls gewesen, dass ich in einer Fahrrad-Variante des Spiels „Candyland“ gelandet sei. Deshalb gab ich dem Teaser zu unserem Film zunächst auch den Namen „Groningen – die Fahrradwelt deiner Träume“. Später änderte ich meine Meinung, denn es ist nichts Magisches oder Träumerisches an diesem Ort. Mit politischem Willen und guter Planung kann und sollte so etwas überall umgesetzt werden!

In unserem „Streetfilm“ sieht man 10.000 (!) Fahrradparkplätze am Bahnhof, nur ein Element der unglaublichen Infrastruktur, die es Radfahrern und Radfahrerinnen ermöglicht, schneller und sicherer ans Ziel zu kommen. Viele verschiedene Einwohner, die wir getroffen haben, berichten, dass sie fast überall hin mit dem Fahrrad fahren. Einer meiner Interview-Partner, Professor Ashworth, bat mich, darauf hinzuweisen, dass der Film bei sonnigem und warmem Wetter gedreht wurde. In kalten Wintern führen nur die Abgehärteten. Außerdem ist man auch in Groningen nicht vor Fahrraddiebstahl geschützt.

Ich denke trotzdem, die meisten von uns würden solche Probleme gerne in Kauf nehmen für eine Stadt mit 50 Prozent Radverkehrsanteil (und bis zu 60 Prozent in der Innenstadt!).«

Übersetzung: Amrey Depenau