22.09.2012

»Radfahrer sind die Pest!«

Von: Dirk Lau
Die Blankeneser Bahnhofstraße ist die Hauptgeschäftsstraße des reichen Elbvororts – und leider von der Oesterleystraße bis zur Elbchaussee eine Einbahnstraße, in der Radfahrer ihr Fahrzeug schieben sollen. Ob die Straße für sie in Gegenrichtung frei gegeben werden soll, lässt sich bei der Neuplanung des Ortskerns diskutieren.
Tatort Süllberger Kirchenweg, Höhe S-Bahnhof Blankenese: Autofahrer müssten hier zum Überholen die Spur wechseln – was sie leider nur selten tun.
Typisch für Blankenese: Autos parken – wie hier in der Avenariusstraße – beidseitig auf den Gehwegen, um in der Mitte eine Schneise für den fließenden Verkehr offen zu lassen. Zu Gefahrensituationen kommt es, wenn Radfahrer hier von ungeduldigen Autofahrern verfolgt werden.
Am Falkensteiner Ufer ...
... wird die erste Fahrradstraße Altonas gebaut.

Verkehrsunfälle, wenig Platz, von Autos verstopfte Straßen und Gehwege – in Blankenese herrscht dicke Luft. Doch es tut sich was: Immer mehr Bürger beklagen sich über die Blechkistenflut. Der westliche Elbvorort soll nun die erste Fahrradstraße Altonas erhalten.

Elbstrand, Polonäse, Eldorado der Immobilienmakler, Dorfidyll, Kolonnen protziger Geländewagen, FDP-Direktmandat bei der letzten Bürgerschaftswahl – zu Blankenese fällt einem vieles ein. Ans Radfahren denkt man vermutlich erstmal nicht. Dabei lässt sich gerade das in diesem westlichen Elbvorort eigentlich ganz gut machen. Denn in Blankenese sind die meisten Straßen so schmal und die meisten Autos so breit, dass deren Fahrer gar nicht erst auf die Idee kommen dürften, Radfahrer zu überholen. Zudem gibt es dort so gut wie keine Radwege auf dem Bürgersteig, vergleichsweise wenig Lkw-Verkehr und die Uferpromenade ist an Wochenenden für Autos gesperrt.

Blankenese also ein Radfahrerparadies? Leider nein. Denn Autos haben auch hier immer noch Vorfahrt und von moderner, gar fahrradfreundlicher Verkehrsplanung merkt man wenig. Zudem können einige Blankeneser Autofahrerinnen und Autofahrer ihre Aggressionen nicht kontrollieren. Sie betreiben nicht nur exzessiv das aus Hamburg bekannte flächendeckende Kampfparken, sondern nötigen, gefährden und verletzen auch immer wieder andere Verkehrsteilnehmer. Und dann gibt es solche, die sich selbst dann noch im Recht wähnen, wenn ihnen ein Gericht ihr Fehlverhalten im Straßenverkehr nachgewiesen hat. Einen besonders krassen Fall hat Benjamin Harders aus Blankenese protokolliert.

Unbelehrbare Autofahrer

Der 71-jährige Unternehmensberater Prof. Dr. Ing. Peter C. ist sich seiner Sache sehr sicher. Als Angeklagter in einer Strafsache vor dem Amtsgericht Blankenese verteidigt er sich selbst. Die Anklage: Mit einem Mietwagen soll er im Sülldorfer Kirchenweg in der Nähe des Bahnhofs Blankenese eine 42-jährige Radfahrerin angefahren haben. Sie kam zu Fall und zog sich Verletzungen an der Wirbelsäule zu. Peter C. soll weiter gefahren sein, ohne sich um die Geschädigte zu kümmern. An der nächsten Ampel haben Zeugen ihn auf den Unfall hingewiesen – er ignoriert auch sie.

Ruhig und überlegt erklärt der Angeklagte in der Verhandlung, er sei die Straße hinab gefahren, nachdem er seine Frau abgeholt habe. Dann habe plötzlich eine Radfahrerin vor ihm die Straße überquert, um am Straßenrand den Lenker los zulassen und ohne Fremdeinwirkung auf den Bürgersteig zu fallen. Zur Fahrerflucht muss Peter C. sich nicht äußern; der Staatsanwalt stellt aus »prozessökonomischen Gründen« den Antrag, das verhältnismäßig weniger schwere Delikt Fahrerflucht nicht zu verfolgen.

Die geschädigte Radfahrerin schildert dem Gericht, wie sie aus einer Seitenstraße auf die freie Fahrbahn fuhr. Nach etwa hundert Metern Fahrt bergab sei von hinten ein hupendes Auto herangebraust, das sie an der Schulter streifte. Ihr Fahrrad sei zu diesem Zeitpunkt bereits sehr nah am Bordstein gewesen. Mit einem Sprung auf den Bürgersteig habe sie sich gerettet. Die Radfahrerin hatte zunächst nicht die Absicht, den Unfall anzuzeigen. Sie stand unter Schock. Erst die Zeugen, die den Vorfall beobachtet und geistesgegenwärtig das Kennzeichen des Pkw notiert hatten, machten ihr Mut zur Strafanzeige. Als ein Zeuge die Version der Radfahrerin bestätigt, wird der Unternehmensberater unruhig und unterbricht die Verhandlung immer wieder, sobald eine andere als seine Version diskutiert wird. Seine Ratschläge zur Prozessführung finden wenig Anklang bei Richterin und Staatsanwalt. Trotzig droht der Angeklagte mehrmals, den Verhandlungssaal zu verlassen. Mit seinen Äußerungen zeigt er, keine Lehren gezogen zu haben. Plötzlich bricht es aus ihm heraus: »Radfahrer und auf der Straße fahrende Schulkinder sind die Pest!«.

Dem Staatsanwalt reicht es: Er beantragt den dauerhaften Entzug der Fahrerlaubnis. Die Richterin fällt ein milderes Urteil: Nach einem Jahr soll der Angeklagte den Führerschein zurückerhalten können, 2000 Euro Strafe sind an die Staatskasse zu zahlen, 100 Euro Schmerzensgeld an die Radfahrerin. Noch während der Urteilsverkündung kündigt der Angeklagte an, in Berufung zu gehen, schnappt sich seinen Mantel und verlässt das Gericht. Auch die Staatsanwaltschaft kündigt Berufung an.

Nach Abschluss der Verhandlung stellen verdutzte Schüler aus dem Zuschauerraum die Frage, ob Peter C. jetzt einfach in sein Auto steigen und fortfahren dürfe. Die Richterin bejaht dies, versichert aber, dass die Fahrerlaubnis vorläufig eingezogen werden soll.

Ein Armutszeugnis

So weit der Bericht von Benjamin Harders. Die Unbelehrbarkeit von Peter C. ließe sich vielleicht noch als Extremverhalten eines Ewiggestrigen verbuchen, doch zugleich häufen sich die Stimmen der Bürgerinnen und Bürger, die ihrem Ärger und ihrer Sorge über »die unerfreulichen Verkehrsverhältnisse« in Blankenese Luft machen. So erlebte zum Beispiel Hans-Arthur Marsiske vor kurzem, wie ein vielleicht zehnjähriger Junge mit dem Fahrrad aus der Einfahrt zur Schule Frahmstraße herausschoss und sofort auf den Gehweg einschwenkte. »Dort wäre er fast mit mir als Fußgänger zusammengestoßen. Wir hatten sogar leichten Körperkontakt, dennoch ging es diesmal noch ohne blaue Flecken oder Schlimmeres ab.« Für den Blankeneser sei dieser Beinahe-Unfall »wie ein Paukenschlag« gewesen, der ihm gezeigt habe, dass die Verkehrsverhältnisse »nicht nur sehr unkomfortabel, sondern ausgesprochen gefährlich sind«. Vor allem für Fußgänger und Radfahrer.

Marsiskes Lösungsvorschlag: »Schafft mehr Platz auf den Straßen!«. An Platz mangele es allerdings gerade in Blankenese, besonders in vielen Seitenstraßen. Die ohnehin schon schmalen Wege würden durch parkende Autos, abgestellte Mülltonnen und wuchernde Hecken noch enger gemacht. Auf den Gehwegen sei oft nur Platz für eine Person. Wenn dann auch noch Radfahrer dorthin flüchteten, weil sie sich auf der Fahrbahn unsicher fühlten, sei »Ärger vorprogrammiert und Unfälle nur eine Frage der Zeit.« Marsiske sagt ganz deutlich: »Der Straßenverkehr ist ein Armutszeugnis für den wohlhabenden Stadtteil Blankenese«. Der vielleicht markanteste Unterschied zu Rahlstedt, wo er vorher wohnte, sei »die größere Ungeduld und Rücksichtslosigkeit der Autofahrer«. Seine Freude am Radfahren habe in den eineinhalb Jahren, die er jetzt in Blankenese wohne, deutlich gelitten. Der vielversprechendste Ansatz sei die Reduzierung der Parkplätze auf den öffentlichen Wegen. »Denn die stehenden Fahrzeuge nehmen den meisten Platz weg und nötigen zu oft riskanten Ausweichmanövern«. Blankenese könne sehr viel attraktiver werden, »wenn es sich für moderne Mobilitätskonzepte öffnet und die Zahl der Autos reduziert«.

Zukunft des Ortskerns

Nun könnte man Herrn Marsiske entgegnen, wie es unlängst eine Vertreterin der GAL-Altona an anderer Stelle tat: »Wo sollen sie denn hin mit ihren Blechkisten, wenn nicht eine ausreichende Anzahl Parkmöglichkeiten vorhanden ist?« Tatsächlich wurde schon viel und kontrovers über den Blankeneser Ortskern diskutiert, über den Marktplatz, die Verkehrssituation, das Parken, die Gestaltung der Freiflächen und anderes. Im Sommer 2012 startete das Bezirksamt Altona daher ein offenes Bürgerbeteiligungsverfahren. In einer »Konzeptwerkstatt« sollen die Blankeneser »Ideen diskutieren und konkret an Plänen arbeiten«.

Man darf gespannt sein, wessen Interessen sich am Ende als mehrheitsfähig erweisen. Schon jetzt macht das Bezirksamt Altona einen zukunftsweisenden Schritt und widmet die Uferstraße in Blankenese zur Fahrradstraße um. Mehr davon!

Dirk Lau in RadCity 5/2012

www.hamburg.de/altona/3526702

Fotos: Dirk Lau; Benjamin Harders; Hans-Arthur Marsiske