28.05.2012

Radverkehrsnetz in der HafenCity

Von: Anne Fischer
Starker Fußgängerverkehr, besonders auch von Touristen: Marco-Polo-Terrassen und Großer Grasbrook

Die HafenCity bietet als Neubaugebiet Chancen, bei der Verkehrsinfrastruktur von Anfang an »alles richtig« zu machen. In ihrer Bachelorarbeit hat unsere Autorin untersucht, ob das gelungen ist.

[Update, 30.07.2012: Lesen Sie auch die Erwiderung der HafenCity GmbH und die Position des ADFC.]

Die HafenCity in Hamburg ist derzeit eines der größten und spektakulärsten städtebaulichen Projekte Europas. Auf 157 ha Uferfläche direkt an der Elbe werden Büro- und Wohnhäuser sowie Ladenzeilen errichtet, um dem zuvor ungenutzten Hafengebiet neues Leben einzuhauchen. Da der Stadtteil komplett neu erschaffen wird, ergeben sich für die Einrichtung der Infrastruktur völlig neue Möglichkeiten, hinsichtlich der Art, der Qualität und der Verteilung. Im Gegensatz zu bereits bebauten Gebieten besteht die Chance, die Verkehrsnutzung durch eine spezielle Förderung bestimmter Verkehrsarten zu beeinflussen.

Derzeitiger Ausbau des Radverkehrskonzeptes

Das Radverkehrskonzept der HafenCity legt fest, nach welchen Prinzipien das Fahrradverkehrswegenetz entsteht. Im Laufe der Zeit hat es bereits mehrere Änderungen erfahren. Auf weiten Strecken des Sandtorkais ist der Zweirichtungsradweg auf der südlichen Straßenseite fertiggestellt. Auf der nördlichen Straßenseite war aufgrund des Denkmalschutzes für die Speicherstadt ein baulicher Eingriff nicht möglich. Nur im westlichsten Teil der Straße gibt es auf einigen hundert Metern Mischverkehr auf der Fahrbahn, welcher dann in den Radweg mündet. Es ist für die Autofahrer an den vielen Ein- und Ausfahrten auf diesem Abschnitt eine Herausforderung, den Zweirichtungsradweg zu überblicken. Benutzungspflichtig ist dieser Radweg nicht. Am Sandtorpark, abgehend vom Sandtorkai, wird der Radweg auf beiden Straßenseiten weiter geführt, wobei auch hier nach kurzer Strecke in Mischverkehr übergegangen wird. Problematisch ist an dieser Stelle die graue Färbung der Radwege, da sie sich kaum vom Fußweg absetzt und dem ansonsten in Hamburg gängigen Rot für Radwege widerspricht.

Zweirichtungsradweg am Brooktorkai: Eine Herausforderung für Autofahrer
Zweirichtungsradweg am Brooktorkai: Eine Herausforderung für Autofahrer
Radweg mündet in Radfahrstreifen, Ecke Sandtorkai/Osakaallee
Radweg mündet in Radfahrstreifen, Ecke Sandtorkai/Osakaallee

Die Hauptverkehrsachsen, auf denen viel Autoverkehr zu erwarten ist, wie die Osakaallee und die Überseeallee, sind mit Radfahrstreifen ausgestattet und ermöglichen ein schnelles Vorankommen aus der Innenstadt in Richtung Süden; im späteren Verlauf sogar auf der Versmannstraße über die Elbbrücken bis hin zur Veddel. Außerhalb der Hauptverkehrsachsen und der Promenaden gibt es fast ausschließlich Mischverkehr auf der Fahrbahn. Auf diesen engen Nebenstraßen sind die Autos allerdings oft mit der typischen und schnellen Geschwindigkeit des Stadtverkehrs unterwegs. Derzeit gibt es keine verkehrsberuhigten Bereiche in der HafenCity, was den Mischverkehr für ungeübte Verkehrsnutzer oder Familien nicht sonderlich attraktiv macht.

Alle Kaikanten in der HafenCity bestehen aus Promenaden, die Fußgängern und Fahrradfahrern gleichermaßen dienen sollen. Sie ziehen sich durch das gesamte Gebiet und bieten einen wunderschönen Ausblick auf die Elbe, wobei sie gleichzeitig eine Fortbewegung zwischen den Häusern und fernab des Autoverkehrs ermöglichen. Für einen Fahrradfahrer ist der Elbblick allerdings schwer zu genießen, da man sich durch die Vielzahl von Fußgängern schlängeln muss. Es gibt keinen ausgewiesenen Radweg auf diesen Strecken, weshalb Spaziergänger den Weg in voller Breite für sich einnehmen und auch ihr gutes Recht darin sehen.

Erreichbarkeit der HafenCity

Nicht nur die Wege innerhalb der HafenCity sind relevant. Ebenso sollte der Anbindung der HafenCity über Straßen, Bus- und Bahnlinien an die restliche Stadt eine große Bedeutung zugemessen werden.

Noch nicht von allen angenommen: Radspur in der Osakaallee
Noch nicht von allen angenommen: Radspur in der Osakaallee

Denn auch von außerhalb kommend möchten Menschen die HafenCity durchfahren und erleben. Generell ist der neue Stadtteil trotz seiner Insellage gut an die restliche Stadt angebunden und bietet Verbindungen über Straßen, Busse, sowie U- und S-Bahnen. Trotzdem gibt es besondere und problematische Verkehrsknotenpunkte, wie beispielsweise den Deichtorplatz. Um ihn zu überqueren, braucht es lange Wartezeiten an den vielen Ampeln und Straßenübergängen.

Wer mit seinem Fahrrad über öffentliche Verkehrsmittel anreisen möchte, hat mehrere Möglichkeiten. Zum einen mittels U-Bahn an den Haltestellen Baumwall (U3) am westlichen Ende der HafenCity, Messberg (U1) im nördlichen Teil oder über Rothenburgsort (S21) und die Elbbrücken an der östlichen Spitze. Zukünftig natürlich auch erweitert durch die Linie U4, die mehrere Stationen direkt in der HafenCity anfährt. Als Ergänzung dazu verkehren zusätzlich drei Buslinien innerhalb des Stadtteils. Vorteile zum Pkw-Verkehr bietet diese Anbindung wegen einer geringen Auswahl an Parkmöglichkeiten allemal. Ein großer Nachteil bei der Nutzung des HVV sind allerdings die Sperrzeiten, in denen eine Fahrradmitnahme nicht gestattet ist. Sie sind festgeschrieben und gelten auch, wenn ein Zug bzw. ein Bus fast leer ist. Zusätzlich gibt es kaum ausgewiesene Mehrzweckabteile, in denen ein Fahrrad verstaut werden kann. Deshalb gestaltet sich eine Anreise mit dem ÖPNV oft sehr umständlich und schwierig.

Aus der Innenstadt kann die HafenCity momentan über mehrere Brücken erreicht werden, die teils mit Mischverkehr auf der Fahrbahn und teils mit gemeinsamen Geh- und Radwegen ausgestattet sind. Eine Fußgängerbrücke ist ebenfalls vorhanden, die wegen ihrer Treppenstufen allerdings nicht für den Radverkehr geeignet ist.

Verlorenes Potenzial trotz guter Ansätze

Aus der Sicht der Autorin wurde das Potenzial, das die komplette Neuerschaffung von Verkehrswegen birgt, nicht genutzt. 

Promenade gegenüber dem Traditionsschiffhafen
Promenade gegenüber dem Traditionsschiffhafen

Es wurde häufig auf alte Standards zurückgegriffen und im Falle der Fahrradwege sogar teilweise schlechter gebaut als üblich. Positiv zu bewerten ist, dass viel Wert auf eine gute Erreichbarkeit durch Bus und Bahn gelegt wurde, ebenso wie die guten Möglichkeiten, sich innerhalb der HafenCity zu Fuß zu bewegen und dabei die Promenaden zu genießen. Leider ist die HafenCity aber als Teil der Innenstadt ausgebaut worden, was sich unter anderem darin wiederspiegelt, dass der Autoverkehr in vielen Fällen eindeutig Vorrang hat. Das Radwegenetz ist nicht optimal gestaltet und auch Fahrradabstellanlagen sind eher dünn gesät. Neuartige Aspekte im Verkehrskonzept sucht man vergebens. Dennoch lohnt sich ein Ausflug in die HafenCity auch mit dem Fahrrad und gestaltet sich angenehm, solange man nicht in die Hauptverkehrszeiten oder in einen Großevent gerät. Als ökologisches und gesundes Fortbewegungsmittel hätte die Nutzung des Fahrrades allerdings mehr Förderung verdient gehabt.

Anne Fischer in RadCity 3/2012

 

Anne Fischer studierte an der Georg-August-Universität in Göttingen. Ihre Bachelorarbeit in Geographie schrieb sie über das Alltagsleben in der HafenCity. Im Rahmen ihrer »Analyse der infrastrukturellen Ausstattung des neuen Hamburger Stadtteils«, so der Untertitel der Arbeit, gibt es auch einen Teil über die Verkehrsinfrastruktur. Für die RadCity hat Anne Fischer dieses Kapitel überarbeitet.