04.10.2009

Sprung über die Elbe – die IBA in Hamburg

Von: Susanne Elfferding

Bis 2013 blickt nicht nur die Fachwelt aus Städtebau und Architektur auf die Elbinsel Wilhelmsburg und den Harburger Binnenhafen. Hier soll exemplarisch gezeigt werden, welches Potenzial in den oft vernachlässigten und unterschätzten Gebieten zwischen dem belebten Stadtzentrum und den schicken Vororten steckt – Gebiete, die heute oft mit sozialen Problemen, hoher Verkehrsbelastung und einem schlechten Ruf kämpfen.

Anfangs war die Bauausstellung das, was der Name versprach: eine Ausstellung von Gebautem. Heute ist sie eher ein Markt der Ideen. Aber immer hat sie städtebauliche Leitbilder geliefert, die jahrelang Bestand hatten.

Angefangen hat alles 1901 in Darmstadt. In der Künstlerkolonie Mathildenhöhe wurde mit dem Elan und Fortschrittsglauben der Zeit eine Muster-Arbeitersiedlung im Jugendstil geschaffen. 1927 entstand dann die Weißenhofsiedlung in Stuttgart, die mit Bauhaus-Architekten wie Gropius, Le Corbusier und Scharoun ganz im Zeichen des modernen Wohnens und der schlichten Formen stand. Später propagierte die Interbau, die 1957 in West-Berlin stattfand und vom Wettstreit zwischen den Systemen in West und Ost geprägt war, das städtebauliche Leitbild der gegliederten und aufgelockerten Stadt: frei stehende Punkt- und langgezogene Scheibenhochhäuser in weiten Grünflächen – heute ein wenig geliebtes Modell.

Einen ersten Umbruch gab es als Reaktion auf die seit den 60er Jahren immer lauter werdende Kritik an der Kälte und Unwirtlichkeit moderner, auf Funktionalität getrimmter Städte. 1984 und 1987 wurden ebenfalls in Berlin zwei völlig neue Konzepte vorgestellt: das Konzept der kritischen Rekonstruktion, die auf eine Neuverdichtung der Innenstädte durch ergänzende Neubauten abzielte, und das Konzept der behutsamen Stadterneuerung, die sich auf den Erhalt von Altbauvierteln und ihren sozialen Strukturen konzentrierte. Die Bauausstellung lieferte also erstmals keine neuen Architekturvisionen aus einem Guss, sondern thematisierte Brüche und Spannungen.

Ein ganz neues Konzept brachte die IBA Emscher Park von 1989 bis 1999 im Ruhrgebiet. Statt einer Stadtvision waren das langsam verfallende industrielle Erbe und seine Umnutzung Thema, und statt eines Stadtteils wurde eine ganze Region zum IBA-Gebiet. Nicht das Bauen stand im Zentrum, sondern ein Prozess der Erneuerung und die Einbindung der Bevölkerung in diesen Prozess.

Nichts überstülpen

Die IBA Hamburg steht ganz in dieser Tradition. Unter dem Motto »Sprung über die Elbe« hat sie sich drei Leitthemen gestellt. Die »Kosmopolis« ist die funktionierende Multikulti-Stadt, mit der »Stadt im Klimawandel« steht Wilhelmsburg als sturmflutgefährdetes Gebiet symbolisch für mögliche Folgen der globalen Erwärmung. Das wohl am schwersten zu fassende Leitthema heißt »Metrozonen« und bezeichnet altindustrialisierte Stadtteile, die von Infrastruktur zerschnitten und mit vielen Problemen belastet sind, die jedoch aufgrund ihrer Zentrumsnähe, ihrer gemischten Struktur und niedrigen Mieten gleichzeitig ein besonderes Potenzial haben. Selbstgestelltes Ziel der IBA Hamburg ist es dabei, dem Projektgebiet keine fertigen Lösungen überzustülpen, sondern den Dialog zwischen Fachleuten und Bürgern zu vertiefen und gemeinsam nach neuen Wegen zu suchen. Dafür gibt es ein Gremium mit 31 Vertretern aus Harburg, Wilhelmsburg und der Veddel, das einmal monatlich öffentlich tagt.

Investoren gesucht

Aber auch eine moderne, dialog- und prozessorientierte IBA kommt nicht ohne Gebautes aus. Inzwischen werden auf der IBA-Website rund 30 Projekte vorgestellt. Sie spannen einen weiten Bogen vom experimentellen Wohnungsbau über die Umnutzung von Industriebrachen und den Neubau von Bildungseinrichtungen bis hin zu neuen Möglichkeiten der Energiegewinnung. Diese Projekte sollen das IBA-Gebiet attraktiver für Investoren und Anwohner machen und einen Abwärts­trend stoppen, ohne die Bodenpreise und damit die Mieten in die Höhe zu treiben. Dieser Gedanke knüpft an die behutsame Stadterneuerung an und greift mit den über das Projektgebiet verteilten kreativen Neubauten gleichzeitig das Konzept der kritischen Rekonstruktion auf.

Ergänzend ist ein Freizeit-Rundkurs auf der Elbinsel vorgesehen. Er soll Radfahrer, Skater und Läufer auf einem komfortablen Wegenetz von 30 km Länge einladen, die Elbinsel und ihre Vielfalt zu entdecken. Und natürlich soll dieser Weg alle Projekte der IBA und der Internationalen Gartenschau, die 2013 auf der Elbinsel stattfindet, verbinden. Die ersten 20 km sollen bereits im nächsten Jahr angelegt werden – man darf gespannt sein.

Einen Überblick über die Projekte und den Stand der Dinge kann man sich am Berta-Kröger-Platz verschaffen. Dort betreibt die IBA in einem ehemaligen Supermarkt eine Ausstellung, in der Schautafeln und Modelle zu IBA-Themen gezeigt werden (s. Kasten). Zwei besondere Meilensteine sind die Zwischenpräsentation, die nächstes Jahr stattfindet, und die Abschlusspräsentation 2013, zeitgleich mit der Internationalen Gartenschau.

Für Bauausstellungs-Touristen gibt es derzeit übrigens viel zu sehen: Neben der IBA Hamburg findet die IBA Fürst-Pückler-Land von 2000 bis 2010 mit touristischem Schwerpunkt rund um den renaturierten Braunkohle-Tagebau der Niederlausitz statt und seit 2003 läuft die IBA Stadtumbau 2010 in Sachsen-Anhalt, die sich mit dem demographischen Wandel und der schrumpfenden Stadt befasst. Mit zwei Abschlussveranstaltungen und einer Zwischenpräsentation wird 2010 also zum Super-IBA-Jahr. Vielleicht ja auch eine (Rad-)Reise wert?

Susanne Elfferding in RadCity 5/2009

Die IBA hat eine informative Website

www.iba-hamburg.de

Seit Mai 2009 berichtet Hamburg 1 jede Woche von der Elbinsel. Sendetermine: jeden Donnerstag um 17:20 Uhr, 18:20 Uhr und 19:20 Uhr im Rahmen von »Hamburg1-Live.« Die bisherigen Folgen finden sich auf der IBA-Website unter »Mediathek«.

Eine Ausstellung im ehemaligen Supermarkt am Berta-Kröger-Platz zeigt die Vorhaben der IBA.
Di – So 10 – 18 Uhr, Eintritt frei; kostenlose Führungen dienstags und sonntags jeweils um 16 Uhr

In der IBA-Ausstellung am Berta-Kröger-Platz
Auf Großplakaten zeigt die BSU, was IBA und IGS 2013 bringen werden.