02.02.2013

Üble »Bürohaufen«

Von: Ulf Dietze
Egbert Kossak: 1100 Jahre Stadtbild Hamburg

Egbert Kossak war von 1981 bis 1999 Oberbaudirektor Hamburgs. Nun blickt er, durchaus kritisch, auf über 1100 Jahre Hamburger Stadtentwicklung zurück.

Beeinflusst von Kriegen, Religionsstreitigkeiten, technischen Erfindungen wie der Eisenbahn und der Dampfschifffahrt, aber auch von epochalen Ereignissen wie dem großen Brand von 1842 veränderte sich Hamburg, die »amphibische Stadt« am großen Strom, im Laufe der Geschichte drastisch. Dennoch gilt das historisch gewachsene, einmalige und quasi sinnlich erfahrbare Stadtbild dem früheren Oberbaudirektor Kossak als wichtiges Markenzeichen Hamburgs.

An den städtebaulichen Eingriffen von 1950 bis 1975 lässt Kossack daher kaum ein gutes Haar. Vielmehr wirft er Politik und Verwaltung eine »extreme Orientierungslosigkeit« und »mangelndes Verständnis für die Geschichtlichkeit der Stadt und die historischen Elemente des Stadtbilds« vor. Exemplarisch ist für ihn die City Nord: »grausamer, völlig zusammenhangloser beliebiger Städtebau« voller »Bürohaufen«. Froh ist Kossack daher, dass manche Planungen sich nicht durchsetzten, etwa weitere sechsspurige Straßenschneisen oder ein Komplettabriss St. Georgs zugunsten eines futuristischen Hochhauskomplexes.

Im letzten Kapitel kritisiert Kossak die Stadtentwicklungspolitik seit dem Jahr 2000. Die Idee der »wachsenden Stadt« weise in die falsche Richtung, schreibt er. Benötigt werde Wohnraum auch für Wenigverdienende und Alleinerziehende. Hamburg müsste gettoähnlichen Zuständen vorbeugen und soziale Verdrängungsprozesse bekämpfen. Das Wachstum dürfe nicht »dem Markt« überlassen werden, sondern der Städtebau bedürfe eines neuen Leitbilds. Mit Blick auf die Hafencity: »Ein neuer Stadtteil darf von seinen Planern und Entwicklern nicht zur Zirkusarena für die Architekten und ihre Bauherren gemacht werden.«

Außer Forderungen nach einem Rückbau der Willy-Brandt-Straße auf vier Spuren und der Einführung der Stadtbahn sagt Kossak wenig zur aktuellen Verkehrspolitik. Das ist schade, da er ja der Optik von Straßenzügen so viel Bedeutung beimisst und das derzeitige Stadtbild Hamburgs nachhaltig vom hohen Kfz-Verkehrsaufkommen beeinträchtigt wird. Dennoch: ein spannendes Buch zur hamburgischen Stadtentwicklung.

Ulf Dietze in RadCity 1/2013

Egbert Kossak: 1100 Jahre Stadtbild Hamburg. Mythos. Wirklichkeit. Visionen. Dölling und Galitz Verlag 2012. 232 Seiten, 250 Abbildungen, Hardcover mit Schutzumschlag. 23 x 28 cm. ISBN 978-36218-029-5, 49,90 Euro.