30.11.2009

1000 Gründe, StadtRAD zu fahren

Von: Amrey Depenau

War ja nicht ganz billig – das StadtRAD in Hamburg einzuführen, meine ich. Ein ordentlicher Batzen des Budgets für den Radverkehr in 2009 ist hineingeflossen. Und nicht nur das: Auch das Personal, das die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt für den Radverkehr zur Verfügung hat, wurde monatelang absorbiert durch das Projekt.

Mitte Oktober dann die gute Nachricht, von der Senatorin medienwirksam verkündet: Fast 33.000 Kunden unternahmen bis dahin rund 223.000 Fahrten mit dem StadtRAD. Eine Bilanz, die sich tatsächlich auch im Straßenbild zeigt: Die Leihstationen sind oft leer und ich begegne regelmäßig Menschen auf diesen etwas klobig wirkenden, knallroten Maschinen.

Wer benutzt StadtRäder?

Genau hier reizt es mich, näher hinzuschauen. Wer fährt damit? Wie alt sind die Leute? Für welche Fahrten steigen sie aufs StadtRAD? Ist es für sie eine Alternative zum Auto oder haben sie eh keins? – Ich beschließe, an einem Freitagnachmittag bei strahlendem Sonnenschein und frischem Ostwind einen Feldversuch durchzuführen.

Los geht‘s an der StadtRAD-Station Reeperbahn/Königstraße. Es stehen nur zwei Räder dort: Nummer 8902 und 8337. Ich entscheide mich für 8902, erhalte den Code 4507 – und brauche erstmal ein bisschen, bis ich das Display zur Eingabe unter der Metallklappe gefunden habe.

Dann fahre ich Richtung Paulinenplatz. Vielleicht finde ich ja erste Opfer, die ich befragen kann. Tatsächlich steht dort eine junge Frau mit ihrem Vater, der aus Wiesbaden zu Besuch ist. Sie überlegen, am nächsten Tag eine Flohmarkttour mit dem StadtRAD zu machen. Die St. Paulianerin wäre dann eine weitere neue StadtRAD-Kundin. Ich fahre in die Schanze.

Drehscheibe Christuskirche

Am Neuen Pferdemarkt leider nur eine fast leere Station, doch am Bahnhof Sternschanze lachen mich dafür gleich 20 rote Räder an. Allerdings scheint niemand so recht Interesse an ihnen zu haben. Versuche ich es also an der Christuskirche – und siehe da, ein netter Herr schließt sein Rad gerade an. Nur kurz bei der Feuerwache Schröderstiftstraße war er und deutet auf den Megastau um uns herum: »Es ist praktisch, schnell und kostet nichts. Ich mache das häufig, obwohl ich auch ein Rad zuhause habe.« Ganz anders das Pärchen, das sich gerade zwei Räder ausleiht. Sie fahren zum Shoppen in die Stadt und dann mit ÖPNV weiter. »Wir wollen das mal ausprobieren. In der Eimsbüttler Straße waren alle Räder weg. Da sind wir halt hierher gekommen.«

Staunen am Jungfernstieg

Ich beschließe, meine Studien ebenfalls in der Stadt fortzusetzen. Also das Rad andocken, Rückgabe-Code eingeben: Ups, 41 Minuten, 39 Cent. Gut, dass ich das Startguthaben habe. Schnell mit der Bahn zum Jungfernstieg. An der StadtRAD-Station stehen viele Bikes – sonst ist tote Hose. Denke ich gerade noch, doch dann komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Zuerst kommt ein extrem herausgeputztes Pärchen, beide in Leder, sie lange, schwarz gefärbte Haare, er blond-gefärbt-gewollt-hingewuschelt-mit-Haarspray. »Wir sind mit dem Rad um die Alster gefahren. Werden wir jetzt öfter machen, statt Auto fahren.« Leider sind diese Prachtexemplare kamerascheu. Doch da kommen ja schon die nächsten: Drei hübsche Studenten, ebenfalls nach einer Runde um die Alster, zwei von ihnen zum ersten Mal. Hier stellt sich heraus, dass Entleihe wie Rückgabe zu zweit besser funktionieren: Einer steht am Rad, der andere am Terminal und man brüllt sich den Code zu ;-)

Coole Sache

Kaum sind die Jungs fertig, kommt ein Mann mit seiner Freundin, die zu Besuch ist. Beide entleihen Räder, um nach dem Bummel in der Stadt von den Landungsbrücken aus eine Hafenrundfahrt zu machen. Ich winke ihnen noch hinterher, da höre ich Englisch neben mir: Aus Dublin sind die zwei angereist und melden sich schon mal bei StadtRAD an, um am nächsten Tag eine Tour durch die Stadt zu machen. »In Dublin ist auch gerade ein Fahrradleihsystem eingerichtet worden, aber die erste halbe Stunde ist dort nicht kostenlos«, wissen sie zu berichten.

So viele verschiedene Gründe, das rote Rad zu nutzen. Dazu noch die türkischen Jungs in der Großen Bergstraße, die neuerdings damit herumheizen. Und der Typ, den ich neulich vor Penny traf und der mit dem StadtRAD auf die Piste wollte. Es scheint tatsächlich cool zu sein – und das ist doch schon mal etwas!

Amrey Depenau in RadCity 6/2009

Fröhliches Code-Zurufen: Studenten am S-Bahnhof Jungfernstieg