27.03.2011

Eine Stadt fährt Rad

Von: Tim Birkholz

Noch 2005 belegte Hamburg im ADFC-Fahrradklimatest den beschämenden letzten Platz. Nur wenige Jahre später kann die Stadt jedoch einen Erfolg vorweisen, der auf nationaler Ebene seinesgleichen sucht: StadtRAD Hamburg ist das mit Abstand erfolgreichste Fahrradverleihsystem in Deutschland.

Stadtradstation mit Terminal: schnelle Ausleihe als Voraussetzung für den Erfolg.
Auch bei Regen werden die Stadträder gerne benutzt. In 2011 bekommt das System weitere Stationen.

Zunächst ein paar Fakten: Mittlerweile über 75.000 Kunden haben von Juli 2009 bis Ende 2010 mehr als eine Million Fahrten mit einem StadtRAD unternommen. An guten Tagen wird jedes Rad bis zu fünf Mal ausgeliehen. Eindrucksvoll ist auch ein Vergleich mit dem (grundlegend anders konzipierten) Berliner Call-a-Bike-System: Dort wurden in der gesamten Saison 2008 171.000 Fahrten unternommen, ein Wert, der in Hamburg bereits in den ersten drei Monaten nach Systemstart übertroffen wurde (Juli - Oktober 2009: 223.000 Fahrten). Kundenumfragen zeigen, dass StadtRAD (von kleineren technischen Ärgernissen abgesehen) äußerst beliebt ist, ein Blick in die regionale Presse zeigt, dass dies auch die Medien so sehen. Der (auch politische) Erfolg von StadtRAD ist so groß, dass das System im Jahr 2011 um über 50 neue Stationen erweitert wird.

Bei so viel Positivem soll nicht verschwiegen werden, dass StadtRAD lediglich eine von insgesamt 80 Einzelmaßnahmen der 2008 beschlossenen Radverkehrsstrategie ist. Vor allem in der Anfangsphase des Projektes wurden in der BSU personell fast alle Kapazitäten durch StadtRAD in Anspruch genommen. Dadurch sind andere Maßnahmen der Radverkehrsstrategie zum Teil ins Hintertreffen geraten.

Diese Priorisierung war politisch gewünscht, und mittlerweile zeigt sich, dass dies so falsch nicht war. Denn die Verzögerungen sind nicht nur auf StadtRAD zurückzuführen, sondern auch dadurch erklärbar, dass derartige Veränderungen Akzeptanz und vor allem sehr viel Zeit benötigen (s. Interview mit Tilman Bracher): Auf die positiven Aspekte von Radverkehrsförderung können sich alle einigen, Widerstände treten jedoch reflexartig auf, wenn deutlich wird, dass z. B. zusätzliche Radverkehrsinfrastruktur zu Lasten von Kfz-Spuren und -Parkplätzen geht.

Um Radverkehrsstadt zu werden, ist deshalb vor allem ein mentaler Wandel in Politik, Verwaltung, Medien, Einzelhandel und natürlich bei den Bürgern selbst notwendig. Diesen Wandel beschleunigt StadtRAD, weil neue Bevölkerungsschichten das Fahrrad als Alltagsverkehrsmittel wahrnehmen und sich das Image des Fahrrads in eine positive Richtung entwickelt – das ist der vielleicht wichtigste Erfolg des Hamburger Verleihsystems.

Ein Beleg dafür, dass dieser mentale Wandel auch in Hamburg stattfindet, lässt sich in einem Artikel des Hamburger Abendblattes vom 17.02.2011 nachlesen: Berichtet wird über die Bekanntgabe der BSU, mit den neuen StadtRAD-Stationen vorrangig Kfz-Parkplätze zu ersetzen. Argumentiert wird mit geringeren Planungs- und Baukosten, aber vor allem mit dem Hinweis, dass durch sieben Leihfahrräder pro Pkw-Parkplatz ein höherer Nutzen entsteht. Dass derartige Pläne in Hamburg nun öffentlich gemacht und in den Medien weitgehend positiv dargestellt werden, ist ein Fortschritt und sollte Mut für die weitere Entwicklung machen.

Vorbild für die Hamburger Strategie sind wohlklingende internationale Namen: Paris mit Vélib´, Barcelona mit Bicing und Lyon mit Vélo´V promoten – mit noch wesentlich größeren Systemen – das Fahrrad als neue Mobilitätsoption für ihre Bevölkerung.

Fahrradverleihsysteme sind auch hier keine singuläre Maßnahme, vielmehr wird parallel massiv in neue Fahrradinfrastruktur investiert. Vor Einführung der Systeme spielte es als Verkehrsmittel kaum eine Rolle, nach der Einführung von Vélib´ hat der Begriff »Vélorution« die Runde gemacht. Bei 80 Mio. Fahrten innerhalb von drei Jahren vollkommen zu Recht, weil Mobilitätsverhalten als besonders konstant und nur schwer beeinflussbar gilt. Fahrradverleihsysteme können – wenn sie denn richtig umgesetzt werden – als entscheidender Hebel funktionieren, um eine Stadt fahrradfreundlicher zu gestalten.

Erfolgreiche Systeme ähneln sich in ihrer Konzeption sehr stark, weshalb zum Abschluss die Frage bleibt, welches die entscheidenden Erfolgsfaktoren sind. Zunächst liegt ein grundlegender Faktor bei der Stadt Hamburg selbst. Als erste deutsche Stadt hat Hamburg ein Fahrradverleihsystem öffentlich ausgeschrieben und dabei potentiellen Betreibern stabile politische und finanzielle Rahmenbedingungen geboten (alle erfolgreichen Systeme sind mit unterschiedlichen Konzepten querfinanziert).

Hierdurch konnte Hamburg die Bedingungen formulieren, die auch in Lyon, Barcelona und Paris ausschlaggebend für den Erfolg sind: ein dichtes Netzwerk automatisierter Verleihstationen, schnelle, intuitive Ausleihe über Terminals, Design und Name mit lokalem Bezug und natürlich die niedrigschwellige, kostenlose Nutzung für Kurzstrecken. Die Erfahrungen im Ausland zeigen, dass durch diese Systeme viele Menschen auch ein eigenes Fahrrad (wieder) neu für sich entdecken. Es wäre interessant zu wissen, welche Erfahrungen Hamburger Fahrradhändler seit dem Start von StadtRAD gemacht haben.

Tim Birkholz in RadCity 2/2011

Tim Birkholz hat in Berlin und Stockholm Stadtplanung studiert, zuletzt mit starkem Fokus auf Radverkehr. Seine Diplomarbeit, die Grundlage dieses Beitrags ist, analysiert StadtRAD Hamburg. Seit Abschluss des Studiums arbeitet er für die choice GmbH in Berlin, wo er an einem EU-Forschungsprojekt über Fahrradverleihsysteme mitwirkt (OBIS).