02.08.2009

Rot ist die Farbe der Leihe

Von: Dirk Lau

So einfach wie Fahrradfahren selbst soll das Hamburger Leihsystem »StadtRAD« funktionieren, verspricht der Betreiber, die Deutsche Bahn Rent GmbH. Mit einer kleinen Verzögerung von zwei Monaten sind die hamburgroten Räder jetzt an knapp 70 Stationen in der City zu entleihen. Dank der Terminals an den Leihstationen kann man damit auch ohne Mobiltelefon mobil sein – nur mindestens 16 Jahre alt sollte man sein und relativ zart fühlende Finger zur Bedienung des Touchsreens haben!

Die Februarsonne lachte kurz über Hamburg und trocknete den letzten Regenschauer vom Asphalt. Fröhlich schwang sich Stadtentwicklungssenatorin Anja Hajduk aufs Rad und erklärte vermutlich voll vorfrühlingshaftem Optimismus: »Ab Mitte Mai 2009 startet das neue Leihsystem StadtRAD Hamburg mit 1.000 Fahrrädern an über 70 Leihstationen.« Zusammen mit Vertretern der Deutschen Bahn, die den Auftrag bekommen hatte, fuhr sie vor dem Rathaus Probe und versprach ein »dichtes Netz von festen Verleihstationen« in Hamburg.

Ein neues Stadtverständnis

Es dauerte dann doch noch einige Monate länger, bis die Leihstationen der ersten Projektphase standen. Aber seit dem 10. Juli 2009 fahren die StadtRÄDER endlich auf Hamburgs Straßen – hoffentlich auch außerhalb der »Fahrradsaison« des CDU-Autoexperten Klaus-Peter Hesse.

Rad aufschließen, draufsetzen und losfahren, um schnell vom Bahnhof an die Elbe zu fahren – was für Hamburgs Alltagsradler eine leichte Übung darstellt, ist für Pendler, Kurzzeitstudenten oder Besucher nicht so einfach. Miet- oder Leihfahrräder sind da eine gute Idee und haben sich in einigen Städten durchaus schon bewährt. »Seit es zum Beispiel in Barcelona und Paris Mietfahrräder gibt, haben sich diese Städte deutlich verändert«, weiß Tilman Bracher vom Deutschen Institut für Urbanistik.

Im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung betreut sein Institut den mit zehn Millionen Euro geförderten Modellversuch »Innovative öffentliche Fahrradverleihsysteme«, der im Mai 2009 startete. Die Städte seien »viel ruhiger und kommunikativer« geworden, so Bracher. »Ein neues Stadtverständnis ist entstanden«. Um eine tatsächliche verkehrspolitische Trendwende zu schaffen, bedarf es nach Meinung von Experten allerdings weiterer Maßnahmen, die den Radfahrern mehr Raum in den Städten verschaffen. Leihradsysteme stellen immer nur einen Schritt in die richtige Richtung dar.

Auch in deutschen Städten wie Berlin, Stuttgart oder Köln fahren schon seit einiger Zeit Mietfahrräder. Zwei Systeme konkurrieren auf Bundesebene miteinander: der »Call a Bike«-Service der Deutschen Bahn und die Räder der Leipziger Firma Nextbike (http://.nextbike.de). Während sich die roten oder silbernen »Rufräder« der Bahn durch Verleihgebühren und Zuschüsse finanzieren sollen, fahren die grünen Nextbikes Reklame spazieren. Dafür lässt sich mit ihnen schon ab 5 Euro 24 Stunden lang radeln.

Das Hamburger StadtRAD

Nach längerem Auswahlverfahren, bei dem auch der Stadtmöblierer JCDecaux im Rennen war (siehe RadCity 6/06), ging der Zuschlag für Hamburg 2008 an die Deutsche Bahn. Deren »StadtRAD« getauftes System, das sich intern »Call a bike fix« nennt, sieht feste Leihstationen für Anmietung und Rückgabe vor. Geplant sind in der jetzigen ersten Stufe 68 Stationen in der City, korrigierte Anja Hajduk Ende Juni 2009 gegenüber dem Hamburger Abendblatt die Anzahl. Im »Erfolgsfall« (siehe dazu Interviewkasten links) sollen dann in einer zweiten Stufe 2010 weitere rund 40 Stationen mit insgesamt 500 Fahrrädern auch in innenstadtfernen Stadtteilen folgen.

Als Stationsstandorte wurden vor allem »Verknüpfungspunkte mit öffentlichen Verkehrsmitteln und sonstige Orte (...) mit hohem Publikumsaufkommen wie z.B. Geschäftsviertel, Arbeitsplatzschwerpunkte, wichtige Freizeit- und touristische Einrichtungen sowie verdichtete Wohnquartiere« berücksichtigt. Leider wurden die Leihstationen an vielen Stellen auf den ohnehin schon schmalen Gehwegen errichtet. Sogar bestehende Fahrradabstellplätze mussten den StadtRÄDERN weichen – so verschlechtert man die Infrastruktur des nichtmotorisierten Verkehrs.

Auf dem Prüfstand

Für Senatorin Hajduk ist das Leihsystem »ein wichtiger Schritt in unserer Radfahrstrategie, mit der wir den Anteil des Radverkehrs im Verkehrsaufkommen auf mittlere Sicht verdoppeln wollen«. Immerhin hat sie für die Einführung des StadtRADs rund 2,5 Millionen Euro im Haushalt 2009 locker gemacht. Die Bahn finanzierte die Anschaffung der Räder vor, der laufende Betrieb wird etwa 1,1 Millionen Euro im Jahr kosten. Zudem richtet sie in Hamburg-Ohlsdorf eine achtköpfige Werkstatt ein, die mit Wartung, Reparatur und Disposition der StadtRÄDER beschäftigt ist.

Kritik an der Umsetzung des Leihsystems durch die grüne BSU-Senatorin kam schon früh vom Koalitionspartner: »Bevor man so viel Geld in die Hand nimmt«, wollte CDU-Autoexperte Klaus-Peter Hesse die Frage geklärt haben, ob »die verkehrspolitischen Ziele« damit auch tatsächlich zu erreichen seien. Im Unterschied zur CDU stellt das Rad aber für Anja Hajduk eine echte umwelt- und klimafreundliche Alternative zum Auto dar. Das Leihsystem kann dabei »kein Ersatz für die Verbesserung der Infrastruktur« des Radverkehrs sein, betont sie.

Dirk Lau in RadCity 4/2009

Enno Isermann

Nachgefragt bei …

Enno Isermann, Pressesprecher der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU)

RadCity: Das StadtRAD Hamburg sollte Mitte Mai 2009 starten, jetzt – Anfang Juli – ist von einem Start »in Kürze« bzw. »in diesem Sommer« die Rede. Wie kam es zu dieser Verzögerung?

Enno Isermann: Es gab mehrere Gründe, die zu der Verzögerung bei der Einführung von StadtRAD Hamburg geführt haben. Zum einen gab es Lieferschwierigkeiten bei den Terminals. Zum anderen waren die Abstimmungen zu den Bauarbeiten der rund 70 Ausleihstationen schwieriger, als zunächst gedacht. (…) Die Verzögerung ist ohne Frage ärgerlich. Uns war jedoch wichtig, dass wir von Beginn an ein voll funktionsfähiges System anbieten können.

Wann tritt der »Erfolgsfall« ein? Wie viele Fahrten am Tag haben Sie in der ersten Phase des Systems kalkuliert?

Mit dem Betreiber ist vereinbart, dass dieser regelmäßig zusammen mit der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt Erfolgskontrollen vornimmt. (…) Wir streben für das erste Jahr zunächst rund 25.000 registrierte Nutzerinnen und Nutzer und rund 750.000 Fahrten an.

Mit welchem Reparaturaufwand bzw. welcher Ausfallquote rechnen Sie?

Die DB Rent rechnet damit, dass zirka 5 Prozent der Flotte nicht jederzeit und unmittelbar zur Verfügung stehen. Gründe sind Reparaturbedarf in der Werkstatt, Wartungs- und Reinigungsvorgänge, Umdisposition.

Was tun bei einer Panne? ADFC anrufen?

Der Kunde gibt im Falle eines Problems den Fehler über das Terminal, per Anruf oder per Kontaktformular an die DB Rent und den Disponenten in Hamburg weiter. Der Disponent veranlasst die Behebung des Problems.

Wie wollen Sie das Vandalismusproblem in den Griff kriegen?

Das Fahrrad bzw. die Komponenten sind mit speziellen Sicherungsschrauben geschützt. (…) Die Stationen und Fahrräder werden regelmäßig durch das operative Servicepersonal gecheckt.

StadtRÄDER lassen sich entweder telefonisch oder an den Terminals der Stationen ausleihen. Eine Standortübersicht findet man unter www.stadtradhamburg.

StadtRADeln leicht gemacht?

Wer StadtRADeln möchte, muss sich zunächst anmelden. Diese Kundenregistrierung kann per Internet unter www.stadtradhamburg.de, telefonisch unter einer Service-Nummer oder direkt an einem der schicken, stelenartigen Entleihterminals (rechts) geschehen. Dazu reicht die leichte Berührung des Touchscreens. In dem Menü, das erscheint, wählt man den Punkt »Anmeldung«. Hat man seine Kundennummer, geht‘s mit dem Menüpunkt »StadtRAD Entleihe« weiter und/oder einer Identifizierung anhand von EC- oder Kreditkarte. Es folgt die Wahl des oder der Fahrräder, die man entleihen möchte, über die angezeigten Fahrradnummern. Man erhält einen vierstelligen »Öffnungscode«, den man im Display des Fahrradschlosses eingibt. Das Schloss öffnet sich, der Sperrriegel lässt sich herausziehen. Wer keine EC- oder Kreditkarte hat, kann das Ganze auch telefonisch regeln. Dazu ruft man die rot umrandete Telefonnummer – Servicenummer plus Fahrradnummer – auf dem Schlossdeckel an und besorgt sich so den Öffnungscode für sein StadtRAD.

Die ersten 30 Minuten sind umsonst, erst ab der 31. Minute fällt eine Leihgebühr von vier Cent pro Minute an, ab der 61. Minute von acht Cent. Eine Stunde StadtRAD kostet also 1,20 Euro. HVV-Jahreskarteninhaber und BahnCard-Kunden zahlen bis zur 60. Minute nur drei, danach dann sechs Cent je Minute. Der Höchstpreis pro Tag beträgt 12 Euro. Die Rückgabe – an jeder beliebigen StadtRAD-Station in Hamburg – erfolgt wieder entweder telefonisch oder über das Terminal. Sind an einer Leihstation alle Plätze belegt, bietet das Terminal unter dem Menüpunkt »Standortauskunft« Hilfe sowie einmalig eine Zeitgutschrift von 15 Gratisminuten an, um rasch die nächstgelegene, freie Leihstation anzuradeln und das StadtRAD dort zurückzugeben.

Kommentar

Jedes zusätzliche Rad auf Hamburgs Straßen – ob nun das eigene oder ein geliehenes – verbessert das Stadtbild und fördert die verkehrspolitische Trendwende. Das StadtRAD kann für Touristen, Pendler und City-Shopper eine Alternative zum motorisierten Verkehr sein. Ob das System die hohen Erwartungen der Betreiber erfüllt, bleibt abzuwarten. Die fehlende Familientauglichkeit und die geringe individuelle Anpassungsmöglichkeit der Räder erscheinen als Schwachstellen. Auch das Vandalismusproblem ist nicht ohne: Denn fällt das Terminal aus – dazu reicht ein Aufkleber auf dem Display –, wird die Sache für den Kunden teurer, weil er doch zum Mobiltelefon greifen muss. Verkehrspolitisch fragwürdig ist, dass die Stadt mit dem kostspieligen Leihsystem in starkem Maße auf eine Karte gesetzt hat, die Hamburg nicht wirklich voranbringt. Andere Maßnahmen der Radverkehrsstrategie wie Ausbau der Velorouten und fahrradfreundliche Ampelschaltungen hätten Priorität verdient.

Dirk Lau

Senatorin Anja Hajduk und DB-Rent-Chef Rolf Lübke bei der Vorstellung des StadtRADs auf dem Hamburger Rathausmarkt im Februar 2009
Cool ist was anderes, aber robust sieht es aus – »Farbgebung und Logo machen deutlich: Das StadtRAD gehört nach Hamburg«, lobt die Bahn ihre von »Call a bike« her bekannten, in »Hamburg-Rot« lackierten Modelle. 7-Gang-Nabenschaltung, höhenverstellbarer Sattel – das war‘s mit individuellen Einstellmöglichkeiten. Was auf dem gebogenen Plastik-Gepäckträger halten soll, bleibt das Geheimnis der Bahn.
Sieht schwer aus, soll aber »ganz einfach« sein: Auf dem Schlossdeckel steht die Servicenummer inklusive Fahrradnummer. Dort anrufen, sich legitimieren, Öffnungscode erfragen ...
... und Deckel aufklappen, um den Code ins Display zu tippen. Unter www.callabike-interaktiv.de ist im Internet auch ein animiertes Filmchen mit detaillierter Schilderung aller Schritte und Handgriffe bei der Entleihe sowie der Rückgabe zu sehen.
Die Touchscreens sind sehr berührungsempfindlich. Drückt man zu stark drauf, wie hier am Terminal der Leihstation 2163 Paulinenplatz/Wohlwillstraße auf St. Pauli geschehen, droht Verletzungsgefahr.
Die Standortwahl für die Stationen gelang leider nicht immer im Sinne von Hamburgs RadfahrerInnen. An der Christuskirche in Eimsbüttel etwa mussten gerade erst gebaute Fahrradbügel dem Leihsystem weichen.

Fotos: Dirk Lau, Pressestelle der BSU, www.stadtradhamburg.de