27.03.2011

»StadtRAD hilft ein paar Jahre zu sparen«

Von: Tim Birkholz

Radverkehr braucht Finanzmittel, Personalkapazität und Flächen

Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptgründe für den Erfolg von StadtRAD?

Tilman Bracher: Die Netzdichte und der Tarif sind ein in Deutschland einmaliges Angebot. Zudem war StadtRAD das erste System in Deutschland mit einer schnellen automatisierten Entleihe per Terminal. Dieser technische Anspruch des Systems passt gut in das kulturelle Umfeld der Stadt. Auch die Gesundheitswelle befördert das Thema, es passt einfach zum derzeitigen Zeitgeist.

Wie kann man auf allgemeiner Ebene den Erfolg von StadtRAD beurteilen?

Das Image des Fahrrads wandelt sich, weil zusätzliche Bevölkerungskreise das Fahrrad als Teil der alltäglich verfügbaren Mobilitätsoptionen begreifen. Dadurch wird das multimodale Verständnis von Verkehr befördert. Dennoch darf man nicht übersehen, dass es nur einen kleinen Teil der Verkehrsquote darstellt und das Klimaproblem nicht lösen wird. Aber als Katalysator, um Umwelt- und weitere Fahrradthemen zu befördern, ist StadtRAD sehr wichtig. Ein Beispiel dafür ist die Forderung nach guter und sicherer Infrastruktur, weil es stärker auffällt, wenn Radwege nicht oder nur in schlechter Qualität verfügbar sind.

Warum gestaltet es sich in Hamburg trotz Radverkehrsstrategie so langwierig und schwierig, flächendeckend moderne und sichere Infrastruktur für Fahrradfahrer zu etablieren?

Das Thema wurde auch bei den Schulungen der Fahrradakademie des Difu in Hamburg diskutiert. In Hamburg gibt es 1.700 Kilometer an Radwegen, die den heute erforderlichen Mindeststandards nicht entsprechen. Wegen der Flächenkonkurrenz sowie fehlender Finanzen und Personalkapazitäten kann man die­se nur sehr punktuell ausbauen oder ersetzen.

Dies führt zu der Konsequenz, dass man den Radverkehr irgendwann auch planerisch auf den Fahrbahnen führen muss. Häufig sind dafür aber komplett neue Aufteilungen des Straßenraums notwendig. Solche Veränderungen brauchen Zeit, denn die Einsicht dafür, dass der Autoverkehr künftig Flächen an Radfahrer abgeben wird, entwickelt sich erst langsam. Hamburg ist eine der letzten großen Städte, die angefangen haben, in eine fahrradfreundliche Richtung zu denken. Man muss der Stadt Zeit für diesen Umstellungsprozess geben, denn die Verkehrspolitik ist in dieser Hinsicht ein schwerer Tanker. Ich glaube aber, dass Hamburg relativ schnell vorankommen wird. Bei den Schulungen der Fahrradakademie war in Hamburg richtige Aufbruchstimmung zu spüren.

Außerdem zeigen die hohen Nutzungszahlen von StadtRAD, dass eine Masse von Leuten bereit ist, das Fahrrad zu nutzen. Das hilft der Stadt im Vergleich zu Berlin, München oder Frankfurt ein paar Jahre zu sparen.

Interview: Tim Birkholz in RadCity 2/2011

Tilman Bracher ist einer der renommiertesten Radverkehrsexperten in Deutschland. Er ist Bereichsleiter Mobilität und Infrastruktur beim Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) und Gründer der Fahrradakademie. Unter anderem wirkt er an der Weiterentwicklung des Nationalen Radverkehrsplans mit.