05.02.2010

StadtRAD – »The next level«

Von: Dirk Lau

Deutschland wird zum Land der Leihräder. Als vollen Erfolg lässt sich auch die erste Phase des Hamburger StadtRADs seit seiner – etwas holprigen – Einführung im Juli 2009 feiern. Im Frühjahr 2010 soll nun die zweite Ausbaustufe gezündet werden.

Mist! 21 Sekunden zu langsam. Ohne hinzufallen hatte ich die Fahrt von der Station am Hauptbahnhof bis zum Grindelberg geschafft – aber 21 Sekunden über der Zeit der ers­ten 30 Minuten, innerhalb der die Nutzung eines StadtRADs umsonst ist. Entsetzt las ich auf dem Display, dass ich jetzt meine ersten drei Cents an die Deutsche Bahn zahlen musste…

Winterzeit ist StadtRAD-Zeit: Denn anders als etwa in Berlin, wo die Leihräder der Bahn bis auf wenige am schicken Hauptstadtbahnhof ins Depot geschickt wurden, gibt es in der Hamburger City während der kalten Jahreszeit genügend Räder. Leider frieren auch einige gern mal am Pfosten fest und spielt manches Kartenlesegerät bei der Kälte nicht mit. Aber ist erstmal ein Rad losgeeist, lassen sich damit alle wichtigen Wege Hamburgs auch im Winter locker innerhalb einer halben Stunde zurücklegen – man darf eben nur nicht trödeln...

Das Hamburger StadtRAD ist also rundum eine Erfolgsgeschichte. Das demonstrieren auch die Nutzerzahlen der DB Bahn, die Olaf Böhm, Referatsleiter »Nichtmotorisierter Verkehr« des Amts für Verkehr und Straßenwesen in der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, stolz präsentiert. Hamburgs Fahrradverleihsystem, dessen Einführung Böhm seit 2008 fast exklusiv seine Zeit widmete, lief vom Start weg wie geschmiert. Allein in den ersten hundert Tagen, also von Juli bis Ende Oktober 2009, hatten sich fast 33.000 Kunden registriert, die mehr als 223.000 Fahrten mit den knapp 800 StadtRÄDERN an den etwa 70 Stationen im City-Bereich unternahmen. Anders gesagt: Jedes Rad wurde dreimal täglich ausgeliehen!

Erwartungen weit übertroffen

Für den Unterhalt, die Pflege und Disposition der Räder überweist Hamburg der Betreibergesellschaft, der Bahntochter DB Rent GmbH, jährlich 1,2 Millionen Euro. Und das zehn Jahre lang. Darüber hinaus streicht die DB Rent sämtliche Einnahmen aus dem Leihsystem ein. Und weil es bislang so gut läuft, könnte es sein, mutmaßt Olaf Böhm, dass die DB Rent sogar »ein bisschen Gewinn« einfährt. Das Hamburger StadtRAD stelle jedenfalls das »auf Anhieb erfolgreichste Call-a-Bike-System« der DB Rent dar.

Die roten Räder haben sich längst ins Stadtbild eingefügt, viele Auswärtige begaben sich im Sommer per StadtRAD auf Erkundungstour, aber auch immer mehr HamburgerInnen leihen sich StadtRÄDER – etwa für Kurztrips durch die nächtliche Kneipenszene (siehe RadCity 6/09). Die kostenlosen Kurzfahrten von bis zu 30 Minuten Dauer erfreuen sich großer Beliebtheit. Dagegen blieb die Vandalismusquote bislang »unter den Erwartungen«. Berlin, wo die DB Rent ein sogenanntes Flex-System betreibt – bei dem die Räder überall frei abgestellt werden und es keine festen Stationen gibt – hat eine weit höhere Quote. Nur einzelne Hamburger Standorte sind stärkeren Angriffen ausgesetzt, etwa Station 2163 am Paulinenplatz, die stoisch allen Gegnern trotzt.   

Mit diesem Erfolg war nach dem anfänglichen Stottern des StadtRADs (siehe RadCity 03/09) nicht wirklich zu rechnen. Als ein größeres Problem erwies sich die Fundamentierung der Stationen. Zudem kämpfte und kämpft Böhm bei der Auswahl der Stationen immer wieder mit Widerständen vor Ort. Sei es, dass Einzelhändler keine Parkplätze opfern wollen, sei es, dass auch die Alltagsradler neue Abstellanlagen bräuchten oder sich wie am Paulinenplatz Anwohner gegen das System wehren. Um das knappe Gut »öffentlicher Raum« wird hart gerungen. Wenn jetzt Flächen für neue Stationen gesucht würden, müsse »irgendjemand eben etwas abgeben«, so Böhm. Vorschläge für »konsensfähige Standorte« nehme er »mit Kusshand« entgegen.

Technische Neuerungen

In der nächsten Ausbaustufe ab Frühjahr 2010 soll das Leihfahrradnetz um 17 weitere Stationen mit dann ingesamt 1.000 Rädern aufgestockt werden. Die neuen Standorte sollen in einem sinnvollen, organischen Zusammenhang mit den bestehenden stehen, denn: »Je dichter das Netz, umso besser funktioniert es«, weiß Böhm. Weit draußen – etwa in Schnelsen – einzelne, isolierte Stationen hinzustellen, sei unsinnig. Auch Stationen an beliebten Ausflugszielen Hamburgs würden zwar im Sommer vielleicht den Touristen gefallen, wären aber für den Alltagsradverkehr nutzlos. Technische Neuerungen, die vor allem den Ausleih- und Rückgabevorgang vereinfachen würden, seien dagegen im Gespräch. Beispielsweise könnten Nutzer mithilfe einer StadtRAD-Chipkarte und via Funksynchronisation den Freischaltcode des Leihrads ermitteln, die Terminals wären überflüssig. In der Schweizer Stadt Biel wird ein solches neuartiges Veloverleihsystem ab Juni 2010 erprobt. Fragt sich, was Hamburg mit den teuren StadtRAD-Terminals machen will…

Andere Modelle, gar Sondermodelle für ältere Menschen oder Kinder, seien nicht geplant, antwortete Böhm der SPD-Eimsbüttel, die »Leih-Dreiräder« für ältere Mitbürger gefordert hatte. Sie seien schlicht zu teuer; so hätte es 10.000 Euro im Jahr Extrakosten bedeutet, wenn die StadtRÄDER einen Lenkradkorb erhalten hätten. Allerdings würde man über die Dazunahme von Pedelecs nachdenken. Eine Ausdehung des Leihnetzes über das ganze Stadtgebiet wiederum sieht Böhm skeptisch, selbst die dritte Ausbaustufe stehe zurzeit in den Sternen. Denn in der Wirtschaftskrise werden auch dem Hamburger Radverkehr Haushaltsmittel weggekürzt. Immerhin lässt es der Vertrag mit DB Rent zu, auch nur eine Station oder sogar nur ein Rad dazuzukaufen. Und wenn‘s ganz schlecht läuft und die Anfangseuphorie nicht in eine Radroutine übergeht, kann die Stadt nach vier Jahren das StadtRAD auch wieder beerdigen. Wir wünschen ihm natürlich ein längeres Leben.

Dirk Lau in RadCity 1/2010

Allzeit gut gefüllte StadtRAD-Stationen wie hier an der Christuskirche/Fruchtallee waren im Januar 2010 ein vertrautes Bild. Aber sobald das Eis taute, wagten sich auch wieder mehr Leute aufs StadtRAD.
Um das knappe Gut »öffentlicher Raum« wird in der Stadt hart gerungen. Das muss auch Olaf Böhm, Hamburgs »Rad- und Fußverkehrsbeauftragter«, immer wieder erfahren.
Einige auswärtige StadtRAD-Nutzer waren anfänglich ohne Plan. Auf die Terminalrückseite geklebte Übersichtskarten mit den Stationen sollten dem jetzt abhelfen – wenn man sie denn gefahrlos entziffern konnte …
Im Dezember 2009 musste die Stadt Hamburg einsehen, dass die Firma nextbike, der Konkurrent der DB Rent, ihre Leihräder auf öffentlichen Flächen aufstellen darf, so das Hamburgische Oberlandesgericht. Nextbike, das sich nicht nur durch Leihgebühr, sondern auch durch Werbung auf den Rädern finanziert, ist bei Fahrten über einer Stunde günstiger als StadtRAD – allerdings auch nur im Sommer unterwegs.
Unklar ist, warum diese Räder am Paulinenplatz in Plastikfolie gehüllt und der Terminalschlitz zugeklebt wurde, ob zum Schutz vor Kälte oder als Kunstaktion oder als Stadtteilprotest gegen ein kostspieliges Prestigeprojekt der Stadt.