30.11.2006

Wer darf die Stadt vermöbeln?

Von: Ulf Dietze

Die Wege zwischen Bahnstation und Ziel sind manchmal lang. Zu lang, finden viele und nehmen das Rad mit in die Bahn. Das geht wegen der Sperrzeiten nicht immer und ist auch recht beschwerlich. Da wäre es doch schön, könnte man sich in der Stadt einfach ein quasi öffentliches Fahrrad nehmen. In der Nähe des Ziels stellt man es wieder ab, so dass jemand anderes es nutzen kann.

Bislang haben zwei der Bewerber um den Auftrag für die Hamburger Stadtmöblierung ein Fahrrad-Leihsystem in ihr Konzept eingebaut. Der lukrative Vertrag soll ab 2009 für 20 Jahre laufen und hat ein Volumen von 500 bis 800 Millionen Euro. Im Prinzip erlaubt die Stadt der ausgewählten Firma, die Werbeflächen zu vermarkten. Die verspricht im Gegenzug bestimmte Leistungen zu erbringen. Dazu gehören das Aufstellen und Pflegen der Buswartehäuschen, von Litfaßsäulen, Infotafeln, Fußgängerleitsystemen und auch die Beteiligung der Stadt an den Werbeeinnahmen.

Hundekackesammelfahrzeuge

Von sechs angeschriebenen Firmen stellten drei im Oktober ihre Entwürfe im Rahmen einer aufwändigen Freiluftausstellung im Fischereihafen vor (Bild oben). Die Firma Wall hatte als einzige kein Fahrrad-Leihsystem im Angebot, sie pries stattdessen den DogService an: Säulen, aus denen Herrchen und Frauchen Tüten ziehen können, um damit Fifis Hinterlassenschaft aufzusammeln. Zusätzlich soll Wall-Personal mit Elek­trorollern umherfahren und Haufen auflesen.

Ströers Design-Unglücke

Die Firma Ströer setzt auf das System »Call a Bike« und arbeitet dabei mit der Deutschen Bahn AG zusammen. Erfahrungen können beide u. a. aus Berlin vorweisen. Bei dem System muss man sich einmalig anmelden. Danach wählt man die auf dem Fahrrad angegebene Nummer und erhält einen Freischaltcode. Den gibt man in das Touchscreenfeld am Hinterbau des Rades ein und mit einem gut hörbaren »klick« entriegelt sich das Schloss. Am Ziel erfolgt die Abmeldung wieder per Telefonat und Anschließcode. Die Leihgebühr dürfte rund 5 Cent pro Minute betragen. Der Ströer-Mitarbeiter deutete an, dass es weniger würde, wenn die Werbeflächen am Rad vermietet wären. »Dann könnte das bei zwei Cent liegen«.

Ein paar kurze Testrunden von ADFClerInnen aus Vorstand und Redaktion ergaben niederschmetternde Bewertungen für die eingesetzten Fahrräder. Man sitzt nicht sehr bequem, der Lenker ist recht breit und der Gepäckträger ist eine geschwungene, äußerst glatte Plastikplatte, die ihren Zweck überhaupt nicht erfüllt. Zwar kann man eine Tasche mittels Gepäckgummi befestigen, die rutscht aber schon bei der nächsten schlechten Absenkung seitlich herunter. Insgesamt machten die Räder auf uns keinen durchdachten Eindruck. – Ströer ist mit seinem Tochterunternehmen Hamburger Außenwerbung bereits in der Stadt präsent und betreibt u. a. gut 1.800 Litfaßsäulen und 500 Uhren mit Werbefläche.

Vertrauen erweckende Franzosen

JCDecaux ist seit 1982 in Hamburg unter anderem mit den Fahrgastunterständen an Bushaltestellen vertreten. Der Riese unter den Außenwerbern – die Firma ist in 48 Ländern vertreten – hat auch ein Leihradsystem im Programm: »City Bike« gibt es in einigen spanischen Städten sowie in Wien und Lyon. Dieter Keppler, Geschäftsführer von JCDecaux Deutschland, sieht diesen Fahrradverleih als Teil des öffentlichen Nahverkehrs. Deshalb ist jeweils die erste Stunde der Fahrradnutzung kostenfrei. Wer es länger nutzen will, muss entweder eine Gebühr bezahlen oder das Rad für mindestens 15 Minuten in einer der Stationen abstellen.

In Lyon werden diese Räder daher oft für die Wege vom Büro zum Bahnhof genutzt sowie für die kurzen Wege zwischendurch. Im Schnitt sieben Mal am Tag leiht jemand eines der 2.000 Räder aus. Etwa 30.000 Kilometer werden täglich allein in dieser Stadt mit den Leihrädern zurückgelegt.

Die Fahrräder messen selbstständig, ob Bremsen und Licht noch in Ordnung sind. Wenn das nicht der Fall ist, lassen sie sich nicht mehr der Station entnehmen. Solche Abstellplätze sollen in einem Netz von rund 500 Meter Maschenweite im Ballungszentrum eingerichtet werden. Sie bestehen aus einer Infosäule zum Freischalten des Rades und aus niedrigen Pollern zum Abstellen und Einschließen der Räder. Registrieren lässt sich die NutzerIn  voraussichtlich via Kreditkarte oder Magnetstreifen, der Bestandteil der HVV-Karte sein müsste.

Unsere TestfahrerInnen hatten sämtlich einen guten Eindruck von den Rädern, die robust wirken, sich trotz der nur drei Gänge gut fahren lassen und das Gefühl vermitteln, da habe sich jemand wirklich Gedanken gemacht. »Wir haben lange mit der Technik experimentiert«, sagt Keppler, »und wir leben heute mit viel Vandalismus«. Daher sind Bauteile nach Möglichkeit in den Rahmen verlegt und auf den Gepäckträger wurde verzichtet, weil der zu oft für den verbotenen Personentransport benutzt wurde. So haben denn die Räder für Gepäck lediglich vorne einen kleinen Korb. Aber eine Tasche lässt sich durchaus hineinstellen. Für Hamburg stellte JCDecaux ein neues Rad vor, das im Porsche Design Studio entwickelt wurde. Die mickrige Gepäckklemme am Lenker fiel auf Anhieb bei den ADFClerInnen durch. Aber das – so Kepplers prompter Einwand – ließe sich ja noch korrigieren. Auf Werbung an den Rädern will JCDecaux verzichten: »Das rechnet sich nicht, dafür wird nicht genug bezahlt«.

Sollte JCDecaux den Zuschlag der Stadt erhalten, so würde voraussichtlich im zweiten Halbjahr 2007 die Detailplanung erfolgen und ab 2008 das System im Einsatz sein. Die einfal GmbH soll eingebunden werden für die Wartung der Räder, die sich wegen etwaiger Defekte »krank gemeldet« haben. Wenn Bezirke entsprechenden Bedarf anmelden und Flächen zur Verfügung stellen, könnte das System auch über den inneren Stadtbereich hinaus eingerichtet werden.

Was kommt?

Anfang 2007 entscheidet die Stadt, von wem sie sich anschließend 20 Jahre lang vermöbeln lässt. Neben den drei genannten werden sich an der Ausschreibung weitere Firmen beteiligen. Dass auch ein Fahrrad-Leihsystem dabei herauskommt, ist sehr wahrscheinlich. Wenn es als Teil des öffentlichen Nahverkehrs konzipiert wird, könnte es für Hamburg ein großer Gewinn sein.

Ulf Dietze in RadCity 6/2006

»City Bike« in Lyon (Frankreich) (Foto: Stefan Warda)
Die Stadtmöblierer präsentieren am Hafen ihre Modelle öffentlicher Toiletten, Fahrgastunterstände – und Mietfahrräder.
DogService von Wall (Säule und Elektroroller)
Räder von »Call a Bike« (DB, Ströer)
Räder von »City Bike« (JCDecaux)
Dieter Keppler vor der Designstudie von Porsche für JCDecaux