24.11.2013

Etwas Leises braucht die Stadt

Von: Susanne Elfferding

Lärm macht krank. Dauerbelastungen von 60 Dezibel (lautes Gespräch) können bereits zu Stressreaktionen führen. Ab 80 Dezibel (Rasenmäher, Verkehrslärm) kann die Gesundheit leiden, es kann zum Beispiel zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen kommen. Der Gesetzgeber sieht deshalb vor, dass die Hauptlärmquellen in Ballungsräumen auf Landkarten eingezeichnet werden - als Grundlage für die örtlichen Lärmaktionspläne.

126 Seiten Lärmaktionsplan
126 Seiten Lärmaktionsplan

Ein Blick auf die Hamburger Lärmkarte für den Straßenverkehr ist ernüchternd. Autobahnen und viel befahrene Straßen bilden ein deutlich sichtbares Netz der akustischen Umweltbelastung. Die idyllische Außenalster beispielsweise: völlig verlärmt. Auf den Elbinseln oder in Heimfeld möchte man schon gar nicht mehr wohnen.

Um diese Probleme zu entschärfen, beschreibt der im Juli 2013 dem Senat vorgestellte Lärmaktionsplan Maßnahmen gegen den Lärm von Straße, Schiene und Flugverkehr. Er definiert ruhige Gebiete, die besonders zu schützen sind. Für zwölf Straßenzüge, an denen besonders viele Anwohner von nächtlichem Verkehrslärm betroffen sind, empfiehlt er Pilotprojekte, die jeweils mehrere Maßnahmen umfassen. Vorgesehen sind zum Beispiel Fahrbahnverengungen (Holstenstraße), Ortsumgehungen (Bergedorf Mitte), Tempo 30 (Moorstraße, Harburg), die Verlegung der Hauptfahrbahnen auf die bisherige Nebenfahrbahn (Harburger Chaussee). Durch das Schließen von Baulücken in Häuserfassaden sollen die Hinterhöfe (Eiffestraße) vor Lärm geschützt werden. Sog. Flüsterasphalt (Horner Rampe) soll den Lärm der fahrenden Autos dämpfen. Für vier dieser Strecken wird außerdem Tempo 30 nachts gefordert.

Ein bunter Strauß von Maßnahmen.

Leider doktort der Plan aber nur mit großem technischen Aufwand an den Symptomen herum. Der Autoverkehr wird einfach gebündelt und zwischen passiven Schallschutz – wie zum Beispiel Lärmschutzfenster – gezwängt. Zusätzlich werden ihm teure Flüsterteppiche ausgebreitet. Von konsequenter Verkehrsvermeidung und effektiven Anreizen zum Umstieg auf Fahrrad oder Bus und Bahn ist nicht die Rede, auch wenn die Förderung umweltfreundlicher Mobilität als zentrale Maßnahme aufgeführt ist.

So heißt es zum Beispiel zur Stresemannstraße: »Verkehrliche Entlastungen mit der Folge der Möglichkeit zur Umgestaltung des Querschnitts sind derzeit nicht absehbar, sollten aber im Rahmen der Verkehrsentwicklungsplanung geprüft werden.« Irgendwann in ferner Zukunft ergebnisoffen prüfen reicht also, auch wenn »dies ... insbesondere die Möglichkeit eröffnen [würde], StVO-gerechte Radverkehrsanlagen einzuordnen und damit einen maßgeblichen Beitrag zur Förderung des nichtmotorisierten Verkehrs zu leisten.« Das heißt im Klartext: Autos bekommen weiterhin viel Raum, was jede umwelt- und radverkehrsfreundliche Planung unmöglich macht.

Zum Fahrrad wenig Konkretes

Hinzu kommt, dass der Lärmaktionsplan kein verbindlicher Senatsbeschluss ist, die Inhalte sind lediglich Empfehlungen, die im Auftrag der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt (BSU) erarbeitet wurden. Zuständig für die Infrastruktur, die in Hamburg am meisten Lärm verursacht, ist jedoch die Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovationen (BWVI): Straße, Schiene, Hafen und Flughafen. – Dabei muss der ganze Senat handeln, für Zuständigkeits-Pingpong zwischen den Behörden ist kein Platz.

Zum Radverkehr findet sich wenig Konkretes im Lärmaktionsplan, obwohl jedes Fahrrad, das statt eines Autos in der Stadt unterwegs ist, Lärm »einspart«. Nur eine Kampagne »Freie Wege für Fuß und Rad« wird näher ausgeführt: Die BWVI soll sie federführend in den Jahren 2013 und 2014 durchführen. – Davon ist jedoch weit und breit noch nichts zu sehen.

Dabei könnte von einigen Maßnahmen, die der Lärmaktionsplan vorschlägt, auch der Radverkehr profitieren. Zum Beispiel von einem Lkw-Führungskonzept, das den Schwerverkehr auf stadtverträglichen Routen bündelt. Oder von häufigeren Geschwindigkeitskontrollen. Denn ohne zu schnell fahrende und eng überholende Autos würden sicher noch mehr Menschen auf das Fahrrad umsteigen. Und gerade hier hat der Lärmaktionsplan erhebliches Potenzial festgestellt: »Eigene Internetrecherchen ergaben, dass die Anzahl stationärer Geschwindigkeitskontrollen in Hamburg deutlich unter dem Durchschnitt großer deutscher Städte liegt.«

Und warum sollte man nicht den Trend weg vom Autoverkehr in der Stadt unterstützen? In ganz Hamburg ist schon heute gut ein Drittel der Haushalte autofrei (bundesweit sind es nur 17 %). Besonders im Stadtzentrum ist der Autoverkehr rückläufig.

Karte: Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt
Karte: Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt
  • Hübsch bunt – aber leider auch sehr laut. Eine der Lärmkarten für den Straßenverkehr in Hamburg. Hier eine exakte Erklärung des Dargestellten: Die »Lärmkarte LDEN Straße 2012« zeigt in Abstufungen von 5 dB(A) die Verlärmung von Straßenräumen (Schallimmissionsplan). Die Werte sind nicht gemessen sondern errechnet aus der Anzahl der Fahrzeuge pro Zeiteinheit, ihrer Geschwindigkeit, dem LKW-Anteil und der jeweiligen Straßenoberfläche sowie der Steigung der Straße. Die Berechnung der Pegel erfolgt unter Berücksichtigung künstlicher und natürlicher Hindernisse (Hügel, Randbebauung). Untersucht wurde ein Straßennetz mit einer Gesamtlänge von 1309 km. Der LDEN ist ein gewichteter Mittelwert, der 12 Tagesstunden (von 6 Uhr bis 18 Uhr), 4 Abendstunden (von 18 Uhr bis 22 Uhr) und 8 Nachtstunden (von 22 Uhr bis 6 Uhr) umfasst.

Von Holland lernen

In Amsterdam und Kopenhagen ist man bereits weiter. Dort legen die Städte in Zusammenarbeit mit den Umlandgemeinden Radschnellwege an, damit auch Pendler mit mehr als 10 km Pendelstrecke zur Arbeit oder Ausbildung auf das Rad umsteigen können. In den Niederlanden werden Wohnsiedlungen allgemein so angelegt, dass die Vordereingänge der Häuser schnell und bequem mit dem Fahrrad oder zu Fuß erreicht werden können, während Autos die Grundstücke nur von hinten anfahren dürfen und weite Umwege in Kauf nehmen müssen.

Auch Hamburg würde ein Paradigmenwechsel gut tun.

Susanne Elfferding in RadCity 6/2013