09.10.2010

Umwelthauptstadt Stockholm – Ferien in Bullerbü

Von: Susanne Elfferding
Stockholm: Umwelthauptstadt 2010
Großzügig bemessene Fahrradwege, viele von ihnen nach dem Kopenhagener Modell durch einen niedrigen Bordstein von Fußweg und Fahrbahn getrennt, wenn auch oft als Zweirichtungsradweg …
... und bisweilen unvermutete Engpässe.
Das Stockholmer Leihrad
Aber an Baustellen muss man gar nicht absteigen und schieben!
Aufstellflächen sind neu, werden aber mutig ausprobiert, hier zum Beispiel an der Ausfahrt einer Einbahnstraße.

»Umwelthauptstadt? Warum denn ausgerechnet wir?!?« Das hört man auch in Stockholm, der ersten Europäischen Umwelthauptstadt. Denn Stockholm ist eine ganz normale europäische Metropole mit allen Problemen, die dazugehören. Grund genug, einmal genauer hinzusehen.

Die Teilnehmer des Bildungsurlaubs, der Ende Mai in Stockholm stattfand, waren hochkarätig. Mehrere von ihnen arbeiten in der Umwelthauptstadt Hamburg Umweltverbände-Initiative (s. Kasten) mit und sind fest entschlossen, der Umwelthauptstadt Hamburg im nächsten Jahr genau auf die Finger zu sehen.

Der thematische Schwerpunkt lag auf Stadtentwicklung und Naturschutz. Ebenso wie bei der Evaluierung durch die EU war der Stadtverkehr nur ein Punkt unter vielen. Die EU-Bewertungskommission hatte hierzu vor allem die Stockholmer City-Maut und den erheblichen Zuwachs im Radverkehr gelobt. Immerhin war Stockholm 2007 die schwedische Fahrradstadt.

Mehr Radverkehr!

Der Radverkehrsanteil in Stockholm ist schwer zu fassen. Konkrete Zahlen fehlen, aber ein Blick auf die Diagramme in den Bewerbungsunterlagen legt nahe, dass der Anteil an Fahrten unter 5 km deutlich unter den 16 % liegt, die Hamburg angegeben hat. Auf ihrer Website spricht die Stadt von 8 % aller Fahrten in die Stadt.

Durch den systematischen Ausbau von Fahrradwegen und ebenso vielen Radspuren auf der Fahrbahn, veränderte Ampelschaltungen und das Aufstellen öffentlicher Fahrradpumpen konnte die Stadt den Radverkehrsanteil in 15 Jahren verdoppeln. Leider gibt es noch sehr viele Netzlücken und erst seit Kurzem finden Versuche mit rot markierten Radfurten an Ampeln statt, die dem Radverkehr einen schnellen Start vor den Autos erlauben.

Klasse ist jedenfalls der Online-Radroutenplaner (http://cykla.stockholm.se/), mit dem man nach der kürzesten Strecke oder der Strecke mit den meisten Radwegen suchen kann. Neben einer Routenempfehlung wird die Entfernung, die ungefähre Fahrtzeit und der Kalorienverbrauch angezeigt, damit man weiß, wie viele Müsliriegel man sich für unterwegs einstecken muss. Die Standorte von Fahrradpumpen und Radparkern sind auf Wunsch ebenfalls zu sehen.

Hier zeigt sich eines der Probleme: Fahrradparkplätze sind Mangelware und die meisten der vorhandenen Abstellanlagen Felgenkiller. Das hatte ich bei meinem ersten Blick auf die ältliche und klapprige Fahrradflotte schon befürchtet. Stattdessen wird in Schweden seit den 90er Jahren viel Energie in Kampagnen zum Fahrradhelm gesteckt. Nur für Kinder sind sie Pflicht, aber der gesellschaftliche Druck, einen Helm zu tragen, ist besonders in Stockholm hoch.

Umsteigen

Anders als in Hamburg kann man sein Fahrrad nicht in der Bahn mitnehmen, so dass man sich vor der Fahrt gut überlegen muss, ob man auch wieder zurückfahren kann und will. Andererseits gibt es wie in Hamburg die Möglichkeit, mit dem ÖPNV in die Stadt zu fahren und sich dort ein Rad zu leihen. Das öffentliche Verleihsystem, das dem Hamburger StadtRad entspricht, wird von ClearChannel, einem US-amerikanischen Medien- und Außenwerbungskonzern, betrieben. Der Verleih begann 2006 und trägt dort ebenso wie in der Hansestadt zur Präsenz des Fahrrads bei. Jedenfalls in den Sommermonaten.

Das System hat nämlich seine Grenzen. Es steht nur von April bis Oktober im nördlichen Innenstadtbereich von 6 Uhr bis 23 Uhr zur Verfügung, eine Einzelfahrt darf nicht länger als drei Stunden dauern. Da die Räder nicht abschließbar sind und die Mitnahme von privaten Schlössern ausdrücklich nicht erwünscht ist, wird es schwierig mit einem schnellen Hot Dog oder einer leckeren Zimtschnecke zwischendurch. Von spontanen kulinarischen Entdeckungsreisen oder Besichtigungen ganz zu schweigen.

Im Gegensatz zu Barcelona darf man aber anscheinend als ausländischer Tourist ein Rad leihen. Neun Verkaufsstellen bieten Dreitageskarten für rund 13 Euro an. Bei unserem vollen Besichtigungsprogramm kam das leider nicht in Frage.

City-Maut

Die City-Maut wurde im 1. Halbjahr 2006 ge­testet und am 1. August 2007 endgültig eingeführt. Vorher war eine Gesetzesänderung nötig, da es sich hierbei um eine Steuer handelt. Das bedeutet aber auch, dass sie nur von schwedischen Staatsbürgern bezahlt wird. Möglich war das nur aufgrund der seinerzeit herrschenden politischen Konstellation, wobei die Grünen das Zünglein an der Waage waren.

Bezahlen muss jeder, der eine Mautstation passiert, die Preise sind nach der Tageszeit gestaffelt und liegen unter 6 Euro pro Tag. Ist man einmal in der Innenstadt, kann man so viel herumfahren, wie es einem beliebt.
Ergebnis ist ein Rückgang der Fahrten um 20 %, ein hoher Anteil von Fahrzeugen mit Biokraftstoffen gerade unter den Taxen, da diese bisher von der Mautpflicht ausgenommen sind, und schnelleres Vorankommen in der Hauptverkehrszeit. Der CO2-Ausstoß in der Innenstadt ist um 10-14 % gesunken.

Ein Teil der Einnahmen aus der Steuer wird in den Straßenbau gesteckt, unter anderem soll davon eine große Umgehungsstraße gebaut werden. Gleichzeitig fließt ein Teil der Einnahmen auch in Busspuren und den ÖPNV.

Fazit

Stockholm ist nicht das perfekte Bullerbü-Idyll, das es aus der Ferne betrachtet zu sein scheint, und Hamburg muss sich nicht verstecken. Der Radverkehr ist vermutlich nicht das einzige Gebiet, bei dem die Städte voneinander lernen können. Und genau das ist der Sinn einer Umwelthauptstadt.

Um etwas zu verändern, sind klare Ziele wichtig. Wie sagte man uns in Schweden? Man muss nach den Sternen greifen, um die Baumwipfel zu erreichen!

Susanne Elfferding in RadCity 5/2010

European Green Capital

Der Titel wird seit diesem Jahr von der EU vergeben, um den Umweltschutz europaweit zu fördern und den internationalen Austausch auf diesem Gebiet zu vertiefen. Hamburg ist nach Stockholm die zweite Europäische Umwelthauptstadt. Die Städte haben Bewerbungsunterlagen eingereicht und dabei Aussagen zu Planungen, Finanzmitteln und Umsetzung in zehn Themenbereichen gemacht. Dazu zählen neben der Mobilität auch Themen wie Wasser und Abwasser, Abfall, Nachhaltigkeit, Zuständigkeiten der Verwaltung und Maßnahmen gegen den Klimawandel. Zu jedem Bereich prüfen Experten die Unterlagen. Die endgültige Entscheidung wird von einer Jury gefällt.
Um das nächste Jahr kritisch und konstruktiv zu begleiten und die Gelegenheit zu nutzen, die Nachhaltigkeit in Hamburg einen Schritt voranzubringen, haben sich der NABU, der ADFC und weitere Umweltvereine in der »Umwelthauptstadt Hamburg Umweltverbände-Initiative« zusammengeschlossen.

Projektseite der EU:
ec.europa.eu/environment/europeangreencapital/index_en.htm
Offizielle Seite der Stadt Hamburg über Green Capital:
umwelthauptstadt.hamburg.de

Die Umwelthauptstadt Hamburg Umweltverbände-Initiative:
www.haus-der-zukunft-hamburg.de/die_projekte/archiv/2009/091012.php